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Geschichtsbücher unter freiem Himmel

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Unweit von Hamburgs Reeperbahn findet sich ein besonderer Ort der Ruhe. Der längst geschlossene jüdische Friedhof an der Königstraße in Altona gilt als einer der bedeutendsten im Norden. Jetzt soll er Weltkulturerbe werden.
Über 8000 Begräbnisse von Juden aus Hamburg und Altona fanden auf dem Areal zwischen St. Pauli und Altona statt. Die Mehrzahl der Grabsteine hat Jahrhunderte überdauert, Bombenangriffen und der Naziherrschaft getrotzt. In einem guten Zustand ist der Friedhof, der seit 1960 unter Denkmalschutz steht, jedoch nicht. Viele der kunstvoll gestalteten, aus dem Weserbergland stammenden Steine sind verwittert, bemoost oder zerbrochen. Die hebräischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Inschriften sind nur noch mühsam zu entziffern Weil Wissenschaftler immer wieder auf den kulturhistorischen Wert des Gräberfeldes verwiesen hatten, wurden Sponsoren wie die Reemtsma- und ZEIT-Stiftung wachgerüttelt. Seit zwei Jahren wird das fußballfeldgroße Areal für 1,5 Millionen Euro in einem Projekt unter Federführung von Prof. Michael Brocke vom Salomon-Ludwig-Sternheim-Institut der Uni Duisburg restauriert und erforscht. »Ein Friedhof ist ein Archiv aus Stein, dessen Sichtung sehr spannend sein kann«, sagt Michael Studemund-Halévy. Der Sprachwissenschaftler muss es wissen. Zusammen mit der Historikerin Gaby Zürn hat er ein Buch über die außergewöhnliche Begräbnisstätte vorgelegt, die bei der UNESCO als Weltkulturerbe angemeldet ist. Die Geschichtsbücher unter dem freien Himmel haben viel zu erzählen. »Sie sind eine Art Ersatzüberlieferung für eine zerstörte Gemeinde«, sagt Studemund-Halévy, selbst Nachfahre sephardischer Juden. Viele herausragende jüdische Persönlichkeiten fanden in Altona ihre letzte Ruhe. Zum Beispiel Samson Heine, der Vater von Heinrich Heine und Frommet, die Frau von Moses Mendelssohn - auch damals berühmte Rabbiner und Gelehrte wie Jonathan Eibeschütz, Jacob Emden und Jecheskel Katzenellenbogen. Oder der berühmte Arzt Rodrigo de Castro. Er gilt als Begründer der Gynäkologie. »Wie kein anderer der zahlreichen historischen jüdischen Friedhöfe im Hamburger Raum ist gerade der Betahaim ("Haus des Lebens") an der Königstraße geeignet, die wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinden der Hansestadt aufzuzeigen, ihre große und weit über Hamburg reichende Bedeutung«, schreiben die Autoren im Vorwort ihres Werks »Zerstört die Erinnerung nicht«. Der Ursprung des Begräbnisplatzes geht auf das Jahr 1611 zurück. Die aus Portugal eingewanderten Sepharden kauften ein Stück Land im erst seit 1937 zur Hansestadt gehörenden liberaleren Altona. In Hamburg durften sie ihre Toten nicht bestatten. Später wuchs der Friedhof mit dem der aus Ost- und Mitteleuropa stammenden aschkenasischen Juden zusammen. Zum Zeitpunkt der Schließung des Gottesackers im Jahre 1869 befanden sich auf dem Begräbnisplatz mehr als 8000 Steine: Allein auf dem aschkenasischen Teil 3500 und auf dem portugiesischen 1400 bis 1600, schätzt Studemund-Halévy. Auf dem Friedhof Königstraße prallten zwei höchst unterschiedliche jüdische Kulturen aufeinander. Die aschkenasischen Juden versahen ihre eher schlicht gestalteten Gedenksteine bis ins 19. Jahr-hundert nur mit hebräischen Inschriften. Lateinische Lettern und die christliche Zeitrechnung waren verboten. Erst seit der Zeit der Emanzipation der Juden ist auf der Rückseite der Steine der deutsche Text eingemeißelt. Die Grabmäler der in der Mehrzahl wohlhabenden Sepharden - viele waren erfolgreiche Kaufleute - heben sich dagegen durch aufwändige Gestaltung und umfangreiche Symbolik hervor. Der aufmerksame Betrachter erkennt biblische Motive wie die Opferung des Isaak, David in der Löwengrube oder Vergänglichkeit symbolisierende Sanduhren. Segnende Hände und Levitengeschirr wie Kanne und Schale zieren ausschließlich Gräber, in denen Männer bestattet wurden. Die Leviten besaßen das Privileg, den Kohanim genannten Priestern die Hände zu waschen. Weintrauben als Zeichen der Fruchtbarkeit dagegen wurde gern Frauen zugeordnet. »Die Inschriften auf den Grabsteinen enthalten als Grundelemente neben Sterbe- und Beerdigungsdatum den Namen und Vaternamen, bei Frauen den des Ehemanns. Manchmal ist das Sterbedatum in einem Spruch versteckt. Dann muss man ein bisschen rechnen«, erklärt Gaby Zürn. Häufig finden bei Männern der Beruf und die Stellung in der Gemeinde Erwähnung. Bei Frauen werden außer Gemeindefunktion und Kinderzahl auch Attribute wie Schönheit oder »Krone des Mannes« genannt. Auch Zitate aus der religiösen Literatur sind auf den Grabsteinen zu lesen. »Historische Zeugnisse sind allenfalls teilweise aus sich verständlich. Sie bedürfen der sachgerechten Interpretation durch die Geschichtswissenschaft«, betont Zürn. Bei jüdischen Friedhöfen sei das besonders dringlich: »Als Zeugnisse einer Minderheitenkultur sind sie der Mehrheit fremd und unverständlich.« Der kleine Band über die bedeutende Begräbnisstätte am Rand des Schmelztiegels St. Pauli hilft allen Interessierten, Wissenslücken zu schließen.
Literatur: Michael Studemund-Halévy und Gaby Zürn: Zerstört die Erinnerung nicht. Der jüdische Friedhof Königstraße in Hamburg, 184 Seiten, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-933374-41-3, 14,80 EUR   Hier können Sie diesen Titel beim ND-Bücherservice bestellen

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