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AS THEMA Bäderwesen geht baden

Die so problemerfahrene Ex-DDR hat seit kurzem neue Schwierigkeiten: Kaum jemand will zur Kur fahren. Bewilligte Anträge werden en masse zurückgegeben, neue Anträge nicht gestellt. Die Folgen sind fatal. Gemeint sind nicht nur die gesundheitlichen Folgen derer, die dringend eine Kurbehandlung zum Fitmachen für die Marktwirtschaft brauchten, sondern auch die Folgen für jene, denen es obliegt, sich um die Gesundheit der Kurgäste zu kümmern. Sie müssen demnächst kurzarbeiten. Und das, obwohl von den einstmals 22 000 Plätzen nur noch 7 000 zur Verfügung stehen. Getrennt hat man sich von allen Privatquartieren und von kleineren Einrichtungen mit 20 oder 30 Plätzen, deren Unterhaltung zu kostenaufwendig ist.

Genesungskuren, wie sie der Ex-DDR-Bürger kennt, gelten in der BRD als Erholungsmaßnahmen und werden von den neuen Kurverantwortlichen – der Bundesversicherung für Angestellte (BfA) – nicht getragen. Von den 7 000 Plätzen entfallen 1 500 auf Kindersanatorien, aber auch die werden kaum genutzt. Ursache für die Enthaltsamkeit dürften vor allem die sozialen Ängste der Bürger hierzulande sein. Vielen sitzt die Angst im Nacken, den Arbeitsplatz nicht mehr vorzufinden, wenn man von der Kur zurückkommt. Und niemand möchte Gefahr laufen, durch eine Rehabilitationsmaßnahme

als erwerbsgemindert stigmatisierjfu werden.

Erhalten können sich die Einrichtungen allerdings nur, wenn sie auch genutzt werden, denn die Versicherung bezahlt nur die Plätze, die sie auch belegt. Träger der Kureinrichtungen sind die Kommunen und damit verantwortlich für Löhne, Gehälter, Betrieb und für notwendige Investitionen. Nur, wovon sollen sie das bezahlen, wenn sie nichts einnehmen? Ein Teufelskreis, dem zu entrinnen nur gelingt, wenn genügend Patienten ihre Ängste überwinden und sich entschließen, doch zur Kur zu fahren.

Von den neuen Landsleuten ist keine Hilfe zu erwarten. Auch im Kur- und Bäderwesen gilt: Jeder macht seins. Nach bundesdeutschem Verständnis ist einem Alt-BRD-Bürger nicht zuzumuten, beispielsweise im Thüringer Wald eine Kur zu absolvieren. An der medizinischen Betreuung gibt es zwar nichts auszusetzen – aber der Komfort! Für einen Ossi ist er allemal gut genug. Der Bayerische Wald bleibt ihm dagegen für eine Kur verschlossen.

Eine Ausnahme allerdings gibt es: In Ueckeritz auf Usedom hat die BfA das ehemalige NVA-Erholungsheim „Ostseeblick“ übernommen. 135 Zimmer, jedes mit eigenem Bad oder Dusche, herrlich gelegen. Das ist auch Westdeutschen zumutbar. Da werden sie ab Januar ihre Gesundheit pflegen, denn – wie gesagt – die Ossis wollen nicht. Oder richtiger gesagt, sie trauen sich nicht.

HANNELORE HUBNER

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