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Ganz leise kämpferisch

Das Buch »Ohne Tränen« von Katharina Zimmer

  • Von Gisela Steineckert
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine schlanke junge Frau aus dem Speckgürtel um Berlin hat mir das Herz berührt. Ihr erstes Buch konnte im Scheunen-Verlag erscheinen, und jedes Wort ihres poetischen Berichtes ist wahr. Das eben ist das Unglaubliche. Katharina Zimmer hatte einen weitgehend archetypischen Teilweg. Sie gehört zur Generation der Kinder, die im Kindergarten gemeinsam lautstark ihre Zeit verbrachten, ihr Bildchen für das Handtuch kannten, sangen, malten, zur gleichen Zeit auf dem Töpfchen saßen, mehr oder weniger an Mama, Papa und den Frieden glaubten - und sich zu sehr unterschiedlichen Individuen entwickelten. Behaupte ich mal - wie es heute heißt. Nein, weiß ich! Weil ich eine Töchtermutter bin. Katharina lernte einen ungeliebten Beruf, übte ihn kurz aus und fragte dann ihr Herz, wonach es eigentlich strebe. Ihr Herz, der Kopf kann ihr das nicht geraten haben. Sie wollte zu Kindern und da nicht zu pausbackigen Lieblingen, sondern zu den Benachteiligten, den Behinderten. Typisch war ihre Jugend auch insofern, als sie allein erziehend war, nur eine sehr kleine Wohnung hatte, wenig Geld, und dass Luxus in ihrem Leben keine Rolle spielte. Keine bedauerlich geringe, sondern als selbstverständlich hingenommene Einschränkung. Im Nachbarhaus der Eltern gab es einen Jungen, dessen Familie und Umwelt sein Leben bereits zu zerstören begannen. Alkoholkranke Eltern, Gewalt und Lieblosigkeit, da hatte der Vierjährige keine Chance. Das Kind näherte sich zögernd dem zweijährigen Sebastian, und dessen Mutter förderte diese Kinderliebe auf den ersten Blick. Nicht lange, denn das Nachbarhaus brannte ab, der Vater von Maik starb in den Flammen, und der Junge musste ins Heim. Katharina hätte es dabei bewenden lassen können. Wie es nun dazu kam, dass sie Maik suchte, aufsuchte, abholte und zurückbrachte, im Lauf der Zeit in engeren Abständen, und wie das Ganze von ihr gefügt wurde, dass sie nun heute in einer ausgebauten Scheune mit vier großen Kerlen lebt, das erzählt ihr Büchlein: »Ohne Tränen«. Einer von den Vieren ist ihr Mann. Glück, Zufall, ein Sechser im Lotto, sagt sie. - Es passt, und war keinen Tag leicht, konfliktlos, aber so ist das Leben. Wir leben in einer Zeit, die von uns als kalt, als bedrohlich empfunden wird, für die Seele zu oft. Jeder denkt nur an sich? Was Katharina erzählt, stellt uns vor Augen, wie es war, wie es kam, wie schwer, wie beschwerlich, wie lustig, wie schön, wie nötig. Ich denke, dass gerade diese mit Ereignissen überladene hastige Zeit den ruhigen Atemzug eines Berichtes braucht, der für den nächsten Tag und die nächste eigene Arbeit ermutigt. Bei Veranstaltungen betrachten die Leute diese Person mit Liebe. Sie scheint, blond, ungeschminkt und lächelnd, so gar nichts Kämpferisches zu haben. Nur, weil sie eher leise und nachdenklich ist? Lies selber. - Das Buch ist in zweiter Auflage zu haben, nachdem die erste in drei Wochen vergriffen war. Halte ein paar Stunden ein, du findest Gewinn. Lass dir von ihr gut tun.
Katharina Zimmer: »Ohne Tränen«. Scheunen-Verlag, brosch., 203 Seiten, 9 EUR.

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