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Bitterkeit beherrscht die Szene. Das geistigwissenschaftliche Potential der ehemaligen DDR droht auf ein Minimum geschrumpft zu werden. „Abwicklung“ heißt der neue Terminus, der den Vorgang gewiß treffend ordinär bezeichnet! Ein technischer Begriff. Da vollzieht sich eben etwas, was nur so und nicht anders vollzogen werden kann. Der Vollzug hat System, und auch etwas von der fatalen Unausweichlichkeit , die hierzulande mit dem Begriff des Politischen gekoppelt war – früher, und doch nicht etwa schonwieder? Das Wort blendet Verantwortung aus! Die deutsche Sprache ist gelegentlich verräterisch.

Mancherorts wurde verkündet, eine geistige Bewegung zu einer neuen politischen Gestaltung des Lebens sei im Gange. Und Hoffnung keimte ja schon auf. Bundesminister Riesenhuber hatte mehrfach erklärt, daß Evaluierung – dieser das klare deutsche Wort „Bewertung“ verdunkelnde Begriff –, nichts anderes meint, als daß man gemeinsam über den besten Weg beraten will. Die Leipziger Journalisten haben davon nicht das Geringste gespürt, wenn man ihren Protesten glauben darf; und ähnliche Stimmen hört man allenthalben.

Allein 40 wissenschaftliche Einrichtungen im Freistaat Sachsen sollen „geschlußwickelt“ werden. Durch eine Verordnung, die selbstverständlich eine Autorität im Rücken hat – den Einigungsvertrag. Und der hat einen harten Termin gesetzt: das Jahresende. Die Weihnachtstage liegen dazwischen, also höchste Eile ist geboten. Demokratischer Diskurs paßt da nicht in den Kram; kein Wunder, auch der Einigungsvertrag konnte ja darauf verzichten.

Ich bin betroffen – aber ich verleugne auch nicht meine inneren Zweifel. Ist es nicht recht und billig, könnte man fragen, daß endlich eine ganze dogmatische Scharlatanerie in die Flucht geschlagen wird? Diejenigen, welche einem Honecker in den Mund formulierten? Die sich in der Paßfähigkeit von Gefälligkeitstheoremen schier überboten haben?

Doch, aber welche Ironie zugleich. Wieviele von den rund 8 000 Geistes- und Sozialwissenschaftlern der DDR hatten wohl die Chance zu solchen Verirrungen ihres Wissenschaftsbegriffs? Und wenn man sich vor Augen hält, daß – wie noch kürzlich vom Ministerium für Forschung und Technologie der DDR veröffentlicht – von diesen 8 000 die gute Hälfte nicht mehr in ihrem Beruf tätig ist, taucht da nicht die Frage auf, an welcher Stelle des Wissenschaftssystems schon längst scharf geschnitten worden ist?!

Da ist von Instituten die Rede, an denen ausschließlich ein ideologisches Training absolviert wurde. An welchem wissenschaftlichen Institut welcher Universität war das wohl der Fall? Nicht wenige westdeutsche Kollegen konnten sich in den letzten Jahren ein Bild vom wissenschaftlichen Leben an diesen Einrichtungen machen. War es nicht auch so, daß zunehmend Gesellschaftswissenschaftler aus der DDR in den internationalen Gremien eine gute Rolle spielten? Sachverstand und die Beherrschung des wissenschaf tl i chen

Aber auch andere, im objektiven Kontext stehende Formulierungen machen stutzig. In den insgesamt von einem großen Verantwortungsbewußtsein für das neue gesamtdeutsche Wissenschaftsland sprechenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates der Alt-BRD zum Beispiel ist die Rede von den „ausschließlich auf die marxistische Gesellschaftslehre ausgerichteten Disziplinen“. Das Wörtchen „ausgerichtet“ gibt hier den Ton an, und das doch ziemlich unmißverständlich.

Ist es also gar die marxistische Theorie, die von der Abwicklungswelle „weggewickelt“ werden soll? Daß der Verlust an Weltorientierung der marxistischen Theorie ungemein geschadet hat, ist evident. Daß sie deshalb in den Geistes- und Sozialwissenschaften nichts mehr zu suchen habe, aber ist ein Witz, allein schon, wenn man vergleicht, in welchem Ausmaß marxistisches Denken schon seit einem guten Menschenalter zur selbstverständlichen europäischen Universitätskultur gehört.

Ohne Frage – die Geistesund Sozialwissenschaften in den neuen Bundesländern müssen in so mancher Beziehung gesunden. Dazu gehört, daß der vielerorts bereits eingeleitete Austausch von Wissenschaftlern aus Ost und West wirklich umfassend zum Tragen kommt. Pluralität ist angesagt. Mit so mancher Ungerechtigkeit gegenüber dem wissenschaftlichen Nachwuchs (Stichwort Studienaufenthalt an westeuropäischen und amerikanischen Forschungsstätten) muß Schluß gemacht werden, jegliche Form der Bevormundung durch geistige Chefetagen muß verschwinden. Und sie hat – das alles geht noch viel zu schleppend – ihre Ergebnisse und ihre Schuld aufzuarbeiten.

Karl Jaspers unterschied einst kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld. Bei der politischen Schuld sei die zu richtende Instanz die Gewalt und der Wille des Siegers. Metaphysische Schuld könne nur Gott richten. Die moralische Schuld aber fordere Einsicht in das eigene Versagen und damit Buße und Erneuerung.

Sie ist gemeint, wenn von der Wissenschaft hierzulande die Rede ist. Buße/Erneuerung, das ist ein langwieriger, ein innerer Vorgang. Gegenwärtig jedoch, so scheint mir, geht es nahezu ausschließlich um politische Schuldzuweisung an die Adresse der Wissenschaft. Die Erneuerungsfähigkeit wird damit, um Karl Jaspers Gedankengang zu folgen, ein Gnadengeschenk der Sieger, nicht aber Frucht und Chance der eigenen Nachdenklichkeit. Dann wird eben abgewickelt...

Unser Autor ist Philosophieprofessor an der Martin-Luther- Universität

Halle

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