Die Große Weigerung braucht Weile

DIE KINDER: Peter Marcuse über seinen Vater, hoffnungsvollen Widerstand, Wahrheit und Lüge

Der Sohn des deutsch-jüdischen Philosophen Herbert Marcuse (1898-1979), der mit Adorno und Horkheimer zum brillanten Dreigestirn der »Frankfurter Schule« gehörte, ist Professor für Stadtplanung an der Columbia University in New York. Peter Marcuse (Jg. 1928) befragten Gabriele Oertel und Karlen Vesper.

ND: Die Große Weigerung - ein leidenschaftlicher Appell von Herbert Marcuse. Er scheint sich dieser Tage zu erfüllen, denkt man an die weltweiten Proteste gegen die Hegemonialbestrebungen der US-Regierung. Sind Sie zufrieden?
Marcuse: Zufrieden sicherlich nicht. Die große Weigerung, die mein Vater im Sinn hatte, war wesentlich weiter gefasst, beinhaltete die Entscheidung, nicht teilzunehmen an den ökonomischen, politischen und kulturellen Kreisläufen, die den Spätkapitalismus ausmachen: Konsumwahn, die Instrumentalisierung des Ästhetischen, Unterdrückung, Ausbeutung der Liebe.... Ich sehe nicht, dass sich dagegen eine Große Weigerung ausbreitet. Im Gegenteil, das System absorbiert immer mehr Lebensbereiche - rund um den Erdball. Aber es sind kleinere Verweigerungen zu registrieren, die an Kraft gewinnen, so die Opposition zur real existierenden Globalisierung, zur Anbetung des Marktes oder eben gegen einen Krieg im Irak. Es gibt viele sichtbare Hoffnungszeichen, der Funke der Verweigerung ist nicht tot.

Wie wird von den US-Bürgern der sich formierende Widerstand in Europa und andernorts wahrgenommen?
Niemand, den ich kenne, unterstützt den Krieg. Selbst viele, die George W. Bush gewählt hatten, haben ernsthafte Zweifel. Aber viele Leute betrachten die Kriegsgefahr als zweitrangig. Sie richten ihre Energie nicht darauf, die Gründe für den Krieg zu eruieren, die vorgelegten Beweise genau zu prüfen und die uns gegebenen Erklärungen in Frage zu stellen. Dies zu tun, erfordert Kraft und wirft eine Reihe unbequemer Fragen auf. Ich glaube, es gibt in den Vereinigten Staaten eine viel größere Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen als in Europa. Viele Leute hier trauen den Politikern nicht mehr, schreiben Politik als eine verlorene Sache ab. Sie konzentrieren sich auf ihr Privatleben, ihre Sorgen und Probleme.

Aber der 15. Februar war auch bei US-Bürgern im Kalender rot angestrichen.
Ja, und auch wir nahmen an der großen Antikriegsdemonstration in New York teil. Ähnliche Aktionen fanden überall in den Vereinigten Staaten statt. Aber man schenkt uns in Washington kein Gehör.
Es freut uns zu wissen, dass 70 Prozent der Bevölkerung in fast allen europäischen Ländern gegen den Krieg sind. Aber auch deren Regierungen, ob in Spanien, Italien, Britannien, hören nicht auf sie. Wir - das meint alle Amerikaner, die sich Gedanken machen, besorgt sind - werten die Antikriegshaltung so vieler Europäer nicht als Antiamerikanismus, sondern als Protest gegen eine konkrete Politik, ein konkretes Regime in Amerika. Wir begrüßen derartige Positionen und hoffen, dass sie Wirkung auf die europäischen Regierungen und unsere eigene zeitigen.

Dustin Hoffman hat gerade auf der Berlinale davon gesprochen, dass ihn die gegenwärtigen Ereignisse an Vietnam erinnern. Ist zu erwarten, dass sich in den USA eine machtvolle Bewegung wie seinerzeit gegen den Vietnamkrieg formiert?
Noch nicht. Eine Lektion aus Vietnam ist aber, dass man den Krieg in Frage stellen muss, bevor er beginnt! Und viele tun dies. Eine lautstarke, mächtige Antikriegsbewegung wird jedoch wohl erst zum Tragen kommen, wenn die konkreten Kosten für die Amerikaner deutlich werden. Deren Blick geht unglücklicherweise - angesichts der Last des Alltags - nicht sehr weit in die Zukunft. Die Sorge für Andere, die man nicht kennt, nicht unmittelbar sieht oder hört, muss sich erst entwickeln. Es braucht eine Weile, bis sie ins Bewusstsein, in das eigene tägliche Leben dringt.

Herbert Marcuse gilt als geistiger Vater der Neuen Linken und Urheber der studentischen Rebellion der 60er Jahre. Unterstellt wird ihm aber auch, verantwortlich zu sein für die Radikalisierung und Brutalisierung des Protestes. Er habe Gewalt und Terror in seinem Aufsatz »Repressive Toleranz« von 1965 legitimiert.
Mein Vater hat niemals dem Terror das Wort geredet. Er hat z.B. die Baader-Meinhof-Gruppe verurteilt für die Anwendung einer Taktik, die nur gerechtfertigt wäre, wenn tatsächlich keine anderen Mittel des Protestes oder der Veränderung möglich sind. Solch eine Situation ist in liberalen Demokratien nicht gegeben. Das war ganz anders unterm Faschismus...

Er sprach vom »Naturrecht« auf Widerstand - für unterdrückte, überwältigte Minderheiten, die letztlich die etablierte Gewalt zerbrechen werden.
Mein Vater glaubte in der Tat an eine Radikalisierung des Protestes. Er hoffte, dass die Kritik, so am Rassismus, im Zusammenhang mit den tieferen Strukturen des Kapitalismus und der gesamten herrschenden Ordnung erfolgt. Seine Kritik der »repressiven« Toleranz bezog sich auf Ansichten, die alle Standpunkte als gleichermaßen gültig betrachten, nicht zwischen Wahrheit und Lüge, Menschlichkeit und realem Terror unterscheiden. Gewalt gegen Menschen - so seine Überzeugung - ist überwiegend ein Instrument der Unterdrückung, das zu verurteilen ist, und kein Instrument der Befreiung.

Er wurde also von militanten Jüngern gründlich missverstanden. Auch von den Steinewerfern, die Schaufenster- und Autoscheiben demolierten?
Im Gegensatz zu jeglicher Form der Gewalt gegen Menschen wertete er Eigentumsbeschädigung etwas anders - nämlich als ein begrenztes, direktes und symbolisches Mittel, eine Botschaft zu transportieren. Aber ich glaube nicht, dass er je Gewalt als wünschenswert erachtete.

Herbert Marcuse selbst sprach vom »Vatermord« durch radikale Eleven. Wie nahm der Sohn dieses Wort auf?
Nie persönlich! Er diskutierte diese Tatsache im Freudschen Sinne, im psycho-analytischen Zusammenhang und als Teil der Dynamik, die historischen Entwicklungen zu Grunde liegt.

Wie bewerten Sie solch erstaunliche Entwicklungen wie den atemberaubenden Weg des Joseph Fischer vom Systemgegner zum Außenminister?
Mein Vater unterstützte die außerparlamentarische Opposition in Deutschland und hatte ernste Zweifel daran, ob es ratsam sei, dass sich die Grünen zu einer politischen Partei entwickelten. Ich erinnere mich an seine Diskussionen mit Rudi Dutschke. Mein Vater befürchtete, dass eine Bewegung, die sich am Spiel der Machtausübung beteiligen will, ihre Prinzipien aufgeben oder zumindest Kompromisse eingehen wird. Nach meiner Ansicht beherrschen einige die Kunst des Mitspielens in der Machtpolitik besser als andere. Wenn jedoch der Punkt erreicht ist, der Kompromisse erfordert, die zu weit gehen, sollte man das Spiel aufgeben.
Ein Joschka Fischer als Außenminister ist mir lieber als manch anderer. Ich wünsche mir jedoch eine Grüne Partei, die offen miserable Politik kritisiert und gemäß ihren Prinzipien die Stimme erhebt, statt eine, die - nur um im Dunstkreis der Macht zu bleiben - ihre Prinzipien über Bord wirft.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert erfüllt sich der Wunsch des US-Chefanklägers in Nürnberg, Robert H. Jackson, eine Institution zu schaffen, die jene zur Verantwortung zieht, die ihre Macht dazu ausnutzen, »um ein Unheil auszulösen, das kein Heim in der Welt unberührt lässt«. Bush ignoriert das Gericht in Den Haag. Wird dies in den USA diskutiert?
Es gibt durchaus eine große Unzufriedenheit mit der Haltung der Bush-Administration hinsichtlich des Internationalen Gerichtshofes. Es besteht eine Kluft zwischen der Intention, die Missetaten anderer irgendwo auf der Welt hart zu bestrafen, aber eigene vor Sühne und Strafe zu schützen. Wir sind eine Nation, deren Bürger an Law and Order glauben und ihr Rechtssystem respektieren. Nach meiner Beobachtung ist die Entscheidung von Bush, den Internationalen Gerichtshof zu negieren, in den USA weitgehend unpopulär, aber im Kongress gab es hierzu noch keine politischen Debatten.

In der Antiglobalisierungsbewegung sehen Sie also eine Kraft der Negation, wie sie in Ansätzen der Marcuschen Großen Weigerung entsprechen könnte...
Ja, sie gedeiht wahrscheinlich da augenblicklich breiter als anderswo, wenn nicht sogar tiefer.

Sie beklagen aber, dass es keine gemeinsame Sprache der Globalisierungskritiker gibt. Wie können der landlose Bauer in Brasilien und der ostdeutsche Leuna-Werker mit einer Stimme reden?
Eine schwierige Frage, mit der sich auch das Weltsozialforum in Porto Alegre auseinander setzte. Ich habe keine einfache Antwort. Das grundsätzliche, prinzipiell einigende Band wäre der Kampf gegen ungerechte Verteilung und Entfremdung, die der Kapitalismus hervorbringt - es geht nicht um Anti-Globalisierung an sich, denn es gibt viele Formen der Globalisierung, die man sich vorstellen kann. Aber ob es je ein ultimatives Bindemittel, dass alle zusammenhält, geben wird, kann ich nicht sagen.

In einigen Prognosen irrte Herbert Marcuse, doch er hat sich deshalb nicht in den Elfenbeinturm zurückgezogen, sondern in Anlehnung an Hegel gemeint: »Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen - umso schlimmer für die Tatsachen.« Zynismus, Eingeständnis eigener Ratlosigkeit oder Trotz?
Wenn die Entwicklung sich nicht so gestaltet, wie man es erwartet, versucht man zu verstehen, warum das so ist und handelt entsprechend. Das tat er. Und ich bin mir nicht so sicher, dass seine Analysen bzw. Prognosen falsch waren. Geschichte braucht Zeit und hat einen langen Atem. Sie bewegte sich nicht so schnell in die Richtung, die er erhoffte. Die von ihm erkannten Widersprüche und Möglichkeiten aber sind geblieben.

Ihr Vater hat einst auch gemeint, dass sich in allen kapitalistischen Ländern »amerikanische Tendenzen später oder früher durchsetzen werden«. Ist der Prophet da nicht widerlegt, denkt man an die kulturelle Selbstbehauptung Frankreichs oder die noch verteidigte Sozialstaatsidee in Skandinavien?
Der französische Widerstand gegen eine »Amerikanisierung« der französischen Kultur kann gesehen werden als ein Zeichen der Stärke der französischen Unabhängigkeit oder ein Zeichen der Bedrohung, die man in einer »Amerikanisierung« sieht - also Selbstbewusstsein oder Furcht. Ich denke, beides trifft zu. Wenn ich allerdings auf die Länder Osteuropas schaue, dann bin ich doch geschockt, wie schnell der Wunsch nach einem besseren Leben zum Verlangen nach dem »american way of life« konvertiert.

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center vermuteten Sie in einem Aufsatz »Our City will change«, dass nunmehr der Wolkenkratzer-Wahn kuriert sei. Die zur Neubebauung von Ground Zero konkurrierenden Vorschläge warten indes mit noch höheren Skyscraper auf?
Ja, beide bevorzugten Modelle weisen eine sehr hohe Konstruktion aus, aber beide sehen nur 60 bis 70 zu vermietende Etagen vor. Der Eigentümer, der wahrscheinlich dort bauen wird, ist der Meinung, dass kein Markt vorhanden ist für sehr hochgelegene Büroräume. Und in der Tat gibt es den momentan nicht.

Sie haben die DDR bereist. Welchen Eindruck machten deren Städte auf Sie?
Sie lagen weit hinter modernen Standards der Technologie und Infrastruktur, aber sie hatten gewisse Vorteile: soziale Planung, wenig Kommerzialisierung. Dies vermisst man heute. Aber eine Politik, die den Erhalt und die Nutzung der Innenstädte unterschätzt - zu Gunsten einer wiederum verständlichen Neubebauung und Entwicklung der Außenbezirke - schadet letztlich jeder Stadtentwicklung.

Als Kind haben Sie mit Ihren Eltern Nazideutschland verlassen müssen. Woran erinnern Sie sich noch? Was bedeutet Ihnen das Land, in dem Ihre Wiege stand?
Direkte Erinnerungen habe ich nicht mehr, aber einige vage Bilder. So etwas bleibt. Ich fühle mich immer noch verwandt mit Deutschland, habe Freude an der deutschen Sprache und ein Gefühl für die deutsche Kultur, was mich manchmal überrascht. Ich leugne nicht, ich bin durch und durch ein Amerikaner. Aber bei meinen Besuchen in Deutschland habe ich doch stets noch ein gewisses Gefühl der Zugehörigkeit und Anteilnahme.

Ihr Vater war ein scharfer Kritiker nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des Staatssozialismus. Welche Erfahrungen machten Sie mit und in der DDR?
Es ist nicht leicht, darauf in der Kürze eine Antwort zu geben. Wir kamen in die DDR, nachdem wir sechs Jahre zuvor ein Sabbat-Jahr in Frankfurt verbracht hatten. Wir wollten den Unterschied herausfinden. Der war natürlich überdeutlich. Vieles in der DDR war negativ: von der Unterdrückung der Gedankenfreiheit - die Bücher meines Vaters waren in den Bibliotheken restriktivem Zugang unterworfen und wurden niemals in den Läden zum Kauf angeboten - bis hin zu der Allmacht einer rigiden Staats-Partei-Bürokratie, der technischen Unterentwicklung, den Reisebeschränkungen und all dem. Aber es gab auch einiges, was uns gefiel: die zwischenmenschlichen Beziehungen, frei von Kommerzialisierung, Konkurrenz, Habsucht.
Selbst der technologische Rückstand hatte einige nette Nebeneffekte. Als wir das erste Mal in der DDR waren, hatten wir kein Telefon. Und als die Telegrammbotin bei uns klingelte, um erste Nachrichten zu bringen, kam sie auf eine Tasse Tee und zu einen Plausch herein und erzählte uns eine Menge über das Leben in der DDR. Da waren wir bestens informiert.
Es ist unproduktiv, sich nicht stetig um Effizienz zu bemühen, aber andererseits hat dies auch einige Vorteile.

Sie haben sich Anfang der 90er über die Stasi-Hysterie in der Bundesrepublik gewundert. Sensibilisiert durch den Vorwurf geheimdienstlicher Tätigkeit, den Ignoranten Ihrem Vater machten?
Das ist eine Fehlinterpretation. Mein Vater hatte nie irgendetwas mit Spionage zu tun. Nach reichlicher Überlegung hat er sich während des Zweiten Weltkrieges zeitweilig dem Office of Strategic Services als politischer Analytiker zur Verfügung gestellt, für psychologische Dokumente als Teil der Kriegsführung gegen den Faschismus. Die Stasi war ein internes polizeiliches Sicherheitssystem - etwas, wofür mein Vater keinerlei Sympathien hatte, egal in welchem Land.

Wo ist Ihr Vater eigentlich begraben?
Noch nicht. Als er 1979 bei einem Deutschland-Besuch in Starnberg starb, hielten wir eine kleine Zeremonie ab, standen mit einigen Freunden im Kreis in einem Wald. Seine Leiche wurde in einem Krematorium eingeäschert und in eine entsprechende Einrichtung in die USA gebracht. Mein Vater war nicht sentimental; er wusste, die Asche ist weder Körper noch Geist.
Mein Sohn Harold, der deutsche Geschichte lehrt und ein Buch über das Nachkriegskapitel von Dachau schrieb, hat eine informative Website über meinen Vater angelegt. Vor ein paar Jahren stellte jemand die gleiche Frage wie Sie. Nun begannen wir darüber nachzudenken, diskutierten und entschieden, dass Berlin der Ort der ewigen Ruhestätte sein sollte. Wir haben eine Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof erworben und wollen die Urne dort zu seinem Geburtstag im Juli der Erde anvertrauen. Wir denken, damit allen gerecht zu werden.

»Eine Gesellschaft ohne Krieg, ohne Grausamkeit, ohne Brutalität, ohne Unterdrückung, ohne Dummheit, ohne Hässlichkeit: dass eine solche Gesellschaft möglich ist, daran zweifle ich überhaupt nicht.« Herbert Marcuse. Teilt der Sohn den Optimismus?
Ja.
ND: Die Große Weigerung - ein leidenschaftlicher Appell von Herbert Marcuse. Er scheint sich dieser Tage zu erfüllen, denkt man an die weltweiten Proteste gegen die Hegemonialbestrebungen der US-Regierung. Sind Sie zufrieden?
Marcuse: Zufrieden sicherlich nicht. Die große Weigerung, die mein Vater im Sinn hatte, war wesentlich weiter gefasst, beinhaltete die Entscheidung, nicht teilzunehmen an den ökonomischen, politischen und kulturellen Kreisläufen, die den Spätkapitalismus ausmachen: Konsumwahn, die Instrumentalisierung des Ästhetischen, Unterdrückung, Ausbeutung der Liebe.... Ich sehe nicht, dass sich dagegen eine Große Weigerung ausbreitet. Im Gegenteil, das System absorbiert immer mehr Lebensbereiche - rund um den Erdball. Aber es sind kleinere Verweigerungen zu registrieren, die an Kraft gewinnen, so die Opposition zur real existierenden Globalisierung, zur Anbetung des Marktes oder eben gegen einen Krieg im Irak. Es gibt viele sichtbare Hoffnungszeichen, der Funke der Verweigerung ist nicht tot.

Wie wird von den US-Bürgern der sich formierende Widerstand in Europa und andernorts wahrgenommen?
Niemand, den ich kenne, unterstützt den Krieg. Selbst viele, die George W. Bush gewählt hatten, haben ernsthafte Zweifel. Aber viele Leute betrachten die Kriegsgefahr als zweitrangig. Sie richten ihre Energie nicht darauf, die Gründe für den Krieg zu eruieren, die vorgelegten Beweise genau zu prüfen und die uns gegebenen Erklärungen in Frage zu stellen. Dies zu tun, erfordert Kraft und wirft eine Reihe unbequemer Fragen auf. Ich glaube, es gibt in den Vereinigten Staaten eine viel größere Trennung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen als in Europa. Viele Leute hier trauen den Politikern nicht mehr, schreiben Politik als eine verlorene Sache ab. Sie konzentrieren sich auf ihr Privatleben, ihre Sorgen und Probleme.

Aber der 15. Februar war auch bei US-Bürgern im Kalender rot angestrichen.
Ja, und auch wir nahmen an der großen Antikriegsdemonstration in New York teil. Ähnliche Aktionen fanden überall in den Vereinigten Staaten statt. Aber man schenkt uns in Washington kein Gehör.
Es freut uns zu wissen, dass 70 Prozent der Bevölkerung in fast allen europäischen Ländern gegen den Krieg sind. Aber auch deren Regierungen, ob in Spanien, Italien, Britannien, hören nicht auf sie. Wir - das meint alle Amerikaner, die sich Gedanken machen, besorgt sind - werten die Antikriegshaltung so vieler Europäer nicht als Antiamerikanismus, sondern als Protest gegen eine konkrete Politik, ein konkretes Regime in Amerika. Wir begrüßen derartige Positionen und hoffen, dass sie Wirkung auf die europäischen Regierungen und unsere eigene zeitigen.

Dustin Hoffman hat gerade auf der Berlinale davon gesprochen, dass ihn die gegenwärtigen Ereignisse an Vietnam erinnern. Ist zu erwarten, dass sich in den USA eine machtvolle Bewegung wie seinerzeit gegen den Vietnamkrieg formiert?
Noch nicht. Eine Lektion aus Vietnam ist aber, dass man den Krieg in Frage stellen muss, bevor er beginnt! Und viele tun dies. Eine lautstarke, mächtige Antikriegsbewegung wird jedoch wohl erst zum Tragen kommen, wenn die konkreten Kosten für die Amerikaner deutlich werden. Deren Blick geht unglücklicherweise - angesichts der Last des Alltags - nicht sehr weit in die Zukunft. Die Sorge für Andere, die man nicht kennt, nicht unmittelbar sieht oder hört, muss sich erst entwickeln. Es braucht eine Weile, bis sie ins Bewusstsein, in das eigene tägliche Leben dringt.

Herbert Marcuse gilt als geistiger Vater der Neuen Linken und Urheber der studentischen Rebellion der 60er Jahre. Unterstellt wird ihm aber auch, verantwortlich zu sein für die Radikalisierung und Brutalisierung des Protestes. Er habe Gewalt und Terror in seinem Aufsatz »Repressive Toleranz« von 1965 legitimiert.
Mein Vater hat niemals dem Terror das Wort geredet. Er hat z.B. die Baader-Meinhof-Gruppe verurteilt für die Anwendung einer Taktik, die nur gerechtfertigt wäre, wenn tatsächlich keine anderen Mittel des Protestes oder der Veränderung möglich sind. Solch eine Situation ist in liberalen Demokratien nicht gegeben. Das war ganz anders unterm Faschismus...

Er sprach vom »Naturrecht« auf Widerstand - für unterdrückte, überwältigte Minderheiten, die letztlich die etablierte Gewalt zerbrechen werden.
Mein Vater glaubte in der Tat an eine Radikalisierung des Protestes. Er hoffte, dass die Kritik, so am Rassismus, im Zusammenhang mit den tieferen Strukturen des Kapitalismus und der gesamten herrschenden Ordnung erfolgt. Seine Kritik der »repressiven« Toleranz bezog sich auf Ansichten, die alle Standpunkte als gleichermaßen gültig betrachten, nicht zwischen Wahrheit und Lüge, Menschlichkeit und realem Terror unterscheiden. Gewalt gegen Menschen - so seine Überzeugung - ist überwiegend ein Instrument der Unterdrückung, das zu verurteilen ist, und kein Instrument der Befreiung.

Er wurde also von militanten Jüngern gründlich missverstanden. Auch von den Steinewerfern, die Schaufenster- und Autoscheiben demolierten?
Im Gegensatz zu jeglicher Form der Gewalt gegen Menschen wertete er Eigentumsbeschädigung etwas anders - nämlich als ein begrenztes, direktes und symbolisches Mittel, eine Botschaft zu transportieren. Aber ich glaube nicht, dass er je Gewalt als wünschenswert erachtete.

Herbert Marcuse selbst sprach vom »Vatermord« durch radikale Eleven. Wie nahm der Sohn dieses Wort auf?
Nie persönlich! Er diskutierte diese Tatsache im Freudschen Sinne, im psycho-analytischen Zusammenhang und als Teil der Dynamik, die historischen Entwicklungen zu Grunde liegt.

Wie bewerten Sie solch erstaunliche Entwicklungen wie den atemberaubenden Weg des Joseph Fischer vom Systemgegner zum Außenminister?
Mein Vater unterstützte die außerparlamentarische Opposition in Deutschland und hatte ernste Zweifel daran, ob es ratsam sei, dass sich die Grünen zu einer politischen Partei entwickelten. Ich erinnere mich an seine Diskussionen mit Rudi Dutschke. Mein Vater befürchtete, dass eine Bewegung, die sich am Spiel der Machtausübung beteiligen will, ihre Prinzipien aufgeben oder zumindest Kompromisse eingehen wird. Nach meiner Ansicht beherrschen einige die Kunst des Mitspielens in der Machtpolitik besser als andere. Wenn jedoch der Punkt erreicht ist, der Kompromisse erfordert, die zu weit gehen, sollte man das Spiel aufgeben.
Ein Joschka Fischer als Außenminister ist mir lieber als manch anderer. Ich wünsche mir jedoch eine Grüne Partei, die offen miserable Politik kritisiert und gemäß ihren Prinzipien die Stimme erhebt, statt eine, die - nur um im Dunstkreis der Macht zu bleiben - ihre Prinzipien über Bord wirft.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert erfüllt sich der Wunsch des US-Chefanklägers in Nürnberg, Robert H. Jackson, eine Institution zu schaffen, die jene zur Verantwortung zieht, die ihre Macht dazu ausnutzen, »um ein Unheil auszulösen, das kein Heim in der Welt unberührt lässt«. Bush ignoriert das Gericht in Den Haag. Wird dies in den USA diskutiert?
Es gibt durchaus eine große Unzufriedenheit mit der Haltung der Bush-Administration hinsichtlich des Internationalen Gerichtshofes. Es besteht eine Kluft zwischen der Intention, die Missetaten anderer irgendwo auf der Welt hart zu bestrafen, aber eigene vor Sühne und Strafe zu schützen. Wir sind eine Nation, deren Bürger an Law and Order glauben und ihr Rechtssystem respektieren. Nach meiner Beobachtung ist die Entscheidung von Bush, den Internationalen Gerichtshof zu negieren, in den USA weitgehend unpopulär, aber im Kongress gab es hierzu noch keine politischen Debatten.

In der Antiglobalisierungsbewegung sehen Sie also eine Kraft der Negation, wie sie in Ansätzen der Marcuschen Großen Weigerung entsprechen könnte...
Ja, sie gedeiht wahrscheinlich da augenblicklich breiter als anderswo, wenn nicht sogar tiefer.

Sie beklagen aber, dass es keine gemeinsame Sprache der Globalisierungskritiker gibt. Wie können der landlose Bauer in Brasilien und der ostdeutsche Leuna-Werker mit einer Stimme reden?
Eine schwierige Frage, mit der sich auch das Weltsozialforum in Porto Alegre auseinander setzte. Ich habe keine einfache Antwort. Das grundsätzliche, prinzipiell einigende Band wäre der Kampf gegen ungerechte Verteilung und Entfremdung, die der Kapitalismus hervorbringt - es geht nicht um Anti-Globalisierung an sich, denn es gibt viele Formen der Globalisierung, die man sich vorstellen kann. Aber ob es je ein ultimatives Bindemittel, dass alle zusammenhält, geben wird, kann ich nicht sagen.

In einigen Prognosen irrte Herbert Marcuse, doch er hat sich deshalb nicht in den Elfenbeinturm zurückgezogen, sondern in Anlehnung an Hegel gemeint: »Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen - umso schlimmer für die Tatsachen.« Zynismus, Eingeständnis eigener Ratlosigkeit oder Trotz?
Wenn die Entwicklung sich nicht so gestaltet, wie man es erwartet, versucht man zu verstehen, warum das so ist und handelt entsprechend. Das tat er. Und ich bin mir nicht so sicher, dass seine Analysen bzw. Prognosen falsch waren. Geschichte braucht Zeit und hat einen langen Atem. Sie bewegte sich nicht so schnell in die Richtung, die er erhoffte. Die von ihm erkannten Widersprüche und Möglichkeiten aber sind geblieben.

Ihr Vater hat einst auch gemeint, dass sich in allen kapitalistischen Ländern »amerikanische Tendenzen später oder früher durchsetzen werden«. Ist der Prophet da nicht widerlegt, denkt man an die kulturelle Selbstbehauptung Frankreichs oder die noch verteidigte Sozialstaatsidee in Skandinavien?
Der französische Widerstand gegen eine »Amerikanisierung« der französischen Kultur kann gesehen werden als ein Zeichen der Stärke der französischen Unabhängigkeit oder ein Zeichen der Bedrohung, die man in einer »Amerikanisierung« sieht - also Selbstbewusstsein oder Furcht. Ich denke, beides trifft zu. Wenn ich allerdings auf die Länder Osteuropas schaue, dann bin ich doch geschockt, wie schnell der Wunsch nach einem besseren Leben zum Verlangen nach dem »american way of life« konvertiert.

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center vermuteten Sie in einem Aufsatz »Our City will change«, dass nunmehr der Wolkenkratzer-Wahn kuriert sei. Die zur Neubebauung von Ground Zero konkurrierenden Vorschläge warten indes mit noch höheren Skyscraper auf?
Ja, beide bevorzugten Modelle weisen eine sehr hohe Konstruktion aus, aber beide sehen nur 60 bis 70 zu vermietende Etagen vor. Der Eigentümer, der wahrscheinlich dort bauen wird, ist der Meinung, dass kein Markt vorhanden ist für sehr hochgelegene Büroräume. Und in der Tat gibt es den momentan nicht.

Sie haben die DDR bereist. Welchen Eindruck machten deren Städte auf Sie?
Sie lagen weit hinter modernen Standards der Technologie und Infrastruktur, aber sie hatten gewisse Vorteile: soziale Planung, wenig Kommerzialisierung. Dies vermisst man heute. Aber eine Politik, die den Erhalt und die Nutzung der Innenstädte unterschätzt - zu Gunsten einer wiederum verständlichen Neubebauung und Entwicklung der Außenbezirke - schadet letztlich jeder Stadtentwicklung.

Als Kind haben Sie mit Ihren Eltern Nazideutschland verlassen müssen. Woran erinnern Sie sich noch? Was bedeutet Ihnen das Land, in dem Ihre Wiege stand?
Direkte Erinnerungen habe ich nicht mehr, aber einige vage Bilder. So etwas bleibt. Ich fühle mich immer noch verwandt mit Deutschland, habe Freude an der deutschen Sprache und ein Gefühl für die deutsche Kultur, was mich manchmal überrascht. Ich leugne nicht, ich bin durch und durch ein Amerikaner. Aber bei meinen Besuchen in Deutschland habe ich doch stets noch ein gewisses Gefühl der Zugehörigkeit und Anteilnahme.

Ihr Vater war ein scharfer Kritiker nicht nur des Kapitalismus, sondern auch des Staatssozialismus. Welche Erfahrungen machten Sie mit und in der DDR?
Es ist nicht leicht, darauf in der Kürze eine Antwort zu geben. Wir kamen in die DDR, nachdem wir sechs Jahre zuvor ein Sabbat-Jahr in Frankfurt verbracht hatten. Wir wollten den Unterschied herausfinden. Der war natürlich überdeutlich. Vieles in der DDR war negativ: von der Unterdrückung der Gedankenfreiheit - die Bücher meines Vaters waren in den Bibliotheken restriktivem Zugang unterworfen und wurden niemals in den Läden zum Kauf angeboten - bis hin zu der Allmacht einer rigiden Staats-Partei-Bürokratie, der technischen Unterentwicklung, den Reisebeschränkungen und all dem. Aber es gab auch einiges, was uns gefiel: die zwischenmenschlichen Beziehungen, frei von Kommerzialisierung, Konkurrenz, Habsucht.
Selbst der technologische Rückstand hatte einige nette Nebeneffekte. Als wir das erste Mal in der DDR waren, hatten wir kein Telefon. Und als die Telegrammbotin bei uns klingelte, um erste Nachrichten zu bringen, kam sie auf eine Tasse Tee und zu einen Plausch herein und erzählte uns eine Menge über das Leben in der DDR. Da waren wir bestens informiert.
Es ist unproduktiv, sich nicht stetig um Effizienz zu bemühen, aber andererseits hat dies auch einige Vorteile.

Sie haben sich Anfang der 90er über die Stasi-Hysterie in der Bundesrepublik gewundert. Sensibilisiert durch den Vorwurf geheimdienstlicher Tätigkeit, den Ignoranten Ihrem Vater machten?
Das ist eine Fehlinterpretation. Mein Vater hatte nie irgendetwas mit Spionage zu tun. Nach reichlicher Überlegung hat er sich während des Zweiten Weltkrieges zeitweilig dem Office of Strategic Services als politischer Analytiker zur Verfügung gestellt, für psychologische Dokumente als Teil der Kriegsführung gegen den Faschismus. Die Stasi war ein internes polizeiliches Sicherheitssystem - etwas, wofür mein Vater keinerlei Sympathien hatte, egal in welchem Land.

Wo ist Ihr Vater eigentlich begraben?
Noch nicht. Als er 1979 bei einem Deutschland-Besuch in Starnberg starb, hielten wir eine kleine Zeremonie ab, standen mit einigen Freunden im Kreis in einem Wald. Seine Leiche wurde in einem Krematorium eingeäschert und in eine entsprechende Einrichtung in die USA gebracht. Mein Vater war nicht sentimental; er wusste, die Asche ist weder Körper noch Geist.
Mein Sohn Harold, der deutsche Geschichte lehrt und ein Buch über das Nachkriegskapitel von Dachau schrieb, hat eine informative Website über meinen Vater angelegt. Vor ein paar Jahren stellte jemand die gleiche Frage wie Sie. Nun begannen wir darüber nachzudenken, diskutierten und entschieden, dass Berlin der Ort der ewigen Ruhestätte sein sollte. Wir haben eine Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof erworben und wollen die Urne dort zu seinem Geburtstag im Juli der Erde anvertrauen. Wir denken, damit allen gerecht zu werden.

»Eine Gesellschaft ohne Krieg, ohne Grausamkeit, ohne Brutalität, ohne Unterdrückung, ohne Dummheit, ohne Hässlichkeit: dass eine solche Gesellschaft möglich ist, daran zweifle ich überhaupt nicht.« Herbert Marcuse. Teilt der Sohn den Optimismus?
Ja.

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