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»Die Unsichtbare«

Salzburger Festspiele: Christoph Ransmayrs erstes Theaterstück, Regie: Claus Peymann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Eine Souffleuse sucht nach Ende der Vorstellung ihr Textbuch. Natürlich wars eine grausame Vorstellung einer grausamen Aufführung in einem grausamen Theater. »Schauspiel am Strand«. Provinz mit Provokationssyndrom. Aber heute bevölkerten mal nicht »vögelnde Kardinäle« die Bühne, heute ging es ins grönländische Eis. Erwartungsgemäß gab es die obligaten Hänger der unrettbaren Untalente in den Hauptrollen. Aller Theater-Zorn der Souffleuse, Frau Stern, entlädt sich in böser Vorahnung, just an diesem späten Abend wegen der blöden Textbuchsuche eine andere, geliebte Vorstellung zu verpassen: Denn heute ist Kinomontag! Christoph Ransmayrs erstes Theaterstück »Die Unsichtbare«, von Claus Peymann angestiftet und unter dessen Regie nun in Salzburg uraufgeführt, ist eine fast monologische »Tirade an drei Stränden«. Zunächst: Unmut im Kulissen-Packeis dieses grässlichen Abends. Dann: Wehmuts-Erinnerung an den Golf von Bengalen, wo die Souffleuse jenen Mann kennenlernte, der ausgerechnet sie, die Kinoliebhaberin!, ans Theater lockte. Was in dieser Textbuch-Suchstunde der Frau Stern alias Kirsten Dene stattfindet, ist eine Abrechnung. Mit der Bühnenunkultur, mit der eigenen Leichtgläubigkeit, mit dem einst geliebten Mann. Unversehens spielt sich die Souffleuse in ihren Lieblingsfilm hinein, der Sophokles und Aristophanes und »Casablanca« verschmelzen lässt, und die sonst Unsichtbare ersteht, am dritten Strand, in der Ägäis, als tragische Heldin - zum Begräbnis des toten Geliebten verdammt. Ach, alles Theater. Doch dann: mit ihm gerettet; zwei auffliegende Eisvögel ... Wer diesen Text liest, ist auf Kreuzfahrt durch viele Ransmayr-Motive. Jene Exotik der Geografie wird lebendig, in der sich die Exotik menschlicher Existenz zwischen Sein und Schein entfaltet oder an Grenzen stößt. Eine unscheinbare Frau am Rande des Kunstbetriebs: Ransmayr ist kein Realist des Sozialen; er hebt dieses Leben in der »Theaterfalle« gemeinsam mit der großartigen Kirsten Dene auf die Höhe einer melancholischen Philosophie: Im Kopf wird die Welt schnell einsam; wir alle sind so frei wie Schauspieler in einem Stück, und keiner ist davor sicher, sich mit dem zu verwechseln, für den er sich hält. Die Kunst hilft dabei. Die Literatur als Existenzrettung, als Ort, wo alles Menschliche seine radikalste Gestalt findet, wo es aus den gemäßigten Zonen rückt und bald arktisch wird und bald tropisch, und wo dem beobachtenden Blick und dem still ergebenen Lauschen ganz andere Abläufe gezeigt werden, verwickelte, widerlogische, schreckliche und großartig schöpferische. Die Dene: eine leis-entnervte, dezent gallige, kontrolliert wippende, trippelnde Königin des gepunkteten Kleides und der Strickjacke; ein verschämtes Clownswesen, das aber auch sein Talent zur Hausmeisterin nicht verbergen will. Es gehört zu den schönsten Erfindungen Ransmayrs, dass er diese Unsichtbare, eine Zu-Raunerin im fremden Auftrag, aufleben lässt zur Erzählerin in eigener Sache: Am Ende will sie das Buch, das sie suchte, nicht mehr haben: »Ich, ich selbst bin das Buch!« Nicht, was geschrieben steht, lebt - nur das, was wir aus uns heraus (weiter)erzählen; und die Welt existiert in Fortbewegung, wo eine Stimme ist, zu sagen, und ein Ohr, zuzuhören. »Wunderbar ist nur die Erinnerung.« Sagt Frau Stern. Behauptet Ransmayr. Sie Souffleuse, er Souffleur. Beide Ein-Flüsterer, Erinnerer. Ob Krieg, ob »Rauschen der allesfressenden Zeit«, ob wir uns im Feuer auflösen oder im ewigen Eis - »flüsternd vertrauen wir darauf, daß immer welche zurückbleiben, die imstande sind, weiterzuerzählen, weiterzuflüstern und sich zu erinnern an das, was einmal wirklich - und was bloß möglich war.« Dauernd rede ich über Ransmayrs Stück, nein, seinen poetischen Text. Und Peymanns Inszenierung? Neben dem Buch eine weitere Form, diesen Text zu veröffentlichen, ja. Dichters Thema - das Aufgehen des kleinen Menschen in der großen Welt; das merkliche Aufglimmen unserer Sekunden in den dunklen Lichtjahren; das selbstbewusste, tätige Einverständnis mit unserem Part in jener »Chronik des Verschwindens«, in die sich alles Lebendige eintragen muss - dieses Thema hat sich der Regisseur auf selbstvernichtende Weise zu eigen gemacht. Denn: Die Pappmachéwelt, die ihm Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann errichtet, ist den erzählten Klippen, den geträumten Brandungen, dem fantasierten Wolkenreißen, den erinnerten strahlenden Untergängen der Weltfarben oder aber ihrem Aufscheinen nicht gewachsen. Ransmayrs romantisch-monologische Poesie geleitet alles uns Sichtbare ins Geheimnisvolle eines großen Naturtheaters hinüber; Peymanns Theater aber ist einfach nur geheimnislose Sichtbarmachung. Ein bißchen Theater auf dem Theater, biedere Ironie, und zu viele Schauspieler (Ursula Höpfner, Ruth Glöss, Oliver Stern) in demütigender Statisterie. Nur Otto Sander erhebt den Stern-Monolog zum flotten Zweier, wenn er kurz vor Schluss als Feuerwehrmann eine Pointe liefert, die den Kinotag doch noch rettet. Wo Ransmayrs Hauptfigur, wie die Gestaltenwelt seiner fesselnden Romane, durch Erfahrung driftet, immer an jenem schmalen Grat entlang, der Erscheinen und Verlöschen, Traum und Wirklichkeit trennt (und vereint!) - dort muss Peymanns Theater durch eine staubige Kulissenwelt staksen. Man kann lange grübeln, ob es am Regisseur liegt oder an jenen schwer fließenden Ausdrucks-Zumutungen Ransmayrs, die der Regie Unmögliches abfordern und alles, was am Theater behäbig sein kann, nur noch verstärken. Denn Theater ist unfähig für das, was zum Beispiel im Kino möglich ist: »Alles federleicht. Keine Tragödie, kein Glück, kein Schicksal, keine Katastrophe, nichts, das nicht innerhalb eines einzigen Augenblicks verfliegen könnte: Schnitt, Ortswechsel, Zeitenwechsel.« In Peymanns Theater verfliegt nichts. Es verfängt auch wenig - außer Kirsten Dene, und dieses »Außer« freilich hat Format. Jedoch: Verkörpert der Dichter eine Sehnsucht nach Abenteuern, die aus dem eigenen Elend hinaustreiben, so personifiziert diese Inszenierung eine Sucht des Regisseurs, von Minute zu Minute nur noch tiefer ins eigene theatralische Elend hineinzutreiben. Eine Sucht, die Ransmayr in seiner »Ballade von der glücklichen Rückkehr« (Salzburg 2000) in die Worte fasste: »Aber wir wollen doch nur dorthin/ wo wir herkommen.« Und das scheint bei Peymann jener Theaterort zu sein, den Frau Stern schon am Beginn ihrer Tiraden als »ein Wrack in Seenot ohne Rettungsring« kennzeichnet. Vielleicht hat Ransmayr den BE-Direktor zu dessen mutigster Inszenierung angestiftet: zu einem Amokläufchen der Kapitulation. Peymann holt Ransmayrs Erzählung aufs Theater, und er verschwindet in dieser Erzählung. Besser kann man den Dichter nicht befolgen. Ransmayrs Heldin verflucht das Theater, Peymann gibt ihr mit seiner Regie Recht, und das hat schon wieder Größe. Peymann opfert sich, damit man das Theater schnell verlässt, um noch einmal und immer wieder Ransmayr zu lesen, seine Romane, seine Reportagen - seine Reden, die auch Erzählungen sind und viel mit dem Sinn der »Unsichtbaren« zu tun haben. In einer zum Beispiel kann man, auf einem Lastkraftwagen vor Surabaya, eine wundersame bindende Kraft erfahren, die mitten aus dem babylonischen Sprachgewirr hervorwächst. Und in anderer Rede, an der südirischen Küste, darf man, sturmbrennenden Gesichts, eine Bühne betreten, wo die »dritte Luft« weht, jene Luft »der Geschichten und der Verzauberung des Lebens in Lieder«; in dieser Luft »verwandelt sich beispielsweise ein ganzes Meer in ein einziges Wort, in eine Melodie, und rauscht aus diesem Wort wieder hervor«. Straßen-, Berg-, Freilicht-, Regen- und Lufttheater ist Ransmayrs Literatur - »richtiges« Theater aber ist (bislang) sein Metier nicht. Es hat keinen Raum für Schnee und andere weiße Flecke, keinen Raum für wirkliche Erschöpfungen auf wirklichen Gipfeln, keinen Raum für den blauen Schriftzug eines Eisvogels. Statt Licht-Spiel, das Welten schafft und versinken lässt, nur Beleuchtungsmeisterei und ein nie verlöschendes Notlicht. (Einmal werden in der »Unsichtbaren«, einer Regieanweisung des Autors folgend, faszinierende Wellenbilder auf eine Leinwand im Rücken der Hauptdarstellerin geworfen. Großes Kino. Und noch größerer Theater-Masochismus: Seht dagegen unsere laue Illusionsmaschine!) Lesend möchte man noch einmal und immer wieder auch der Frau Stern begegnen. Sie wird fortan möglicherweise vor allem ein Mensch in der Gestalt der Kirsten Dene sein, aber die Strände ihrer Tiraden sind, fürchte ich, hoffe ich, anderen Küsten vorgelagert, als sie in Salzburg zu sehen waren und demnächst am Berliner Ensemble zu erleben sein werden. Christoph Ransmayr: Die Unsichtbare. Tirade an drei Stränden. S. Fischer Verlag Frankfurt (Main). Geb., 90 S., 19,56 DM. Claus Peymanns Inszenierung hat am 19. September Berlin-Premiere am BE; am 16. September liest Ransmayr aus seinem ersten Roman »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«.

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