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  • Politik
  • Kurdistan-Komitee befürchtet neue Strafaktionen der türkischen Armee/Bisher über 100 Tote

Ministerpräsident Demirel: „Wir werden sie alle erledigen! 66

  • Von JÖRG MICHAEL DOSTAL
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Kölner Kurdistan-Komitee hat in einer'Erklärung den türkischen Staat beschuldigt, sich auf einen Völkermord vorzubereiten. Die Berichte über angebliche Kämpfe zwischen Guerilla-Einheiten der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und der Armee dienten dem Ziel, deri unbewaffneten Widerstand der Bevölkerung mit Gewalt zu brechen. Übereinstimmend gehen die wenigen im Kurdengebiet verbliebenen Beobachter davon aus, daß die Armee ihre militärische Überlegenheit zu einer großen Strafaktion nutzen will.

Während die Stadt Silopi zum totalen Sperrgebiet erklärt wurde, durchsuchte die Armee in Sirnak und Cizre flächendeckend Häuser nach vermuteten Mitgliedern der PKK und verhaftete 70 Personen. Dem deutschen Fotografen Axel Köster wurden in Cizre 150 Filme abgenommen, mit denen er den Einsatz von NVA-Waffen doku-

mentieren wollte. Die Isolierung der Journalisten wurde durch die schriftliche Aufforderung, in den Hotels zu verbleiben, fortgesetzt.

Das Kurdistan-Komitee bestritt, daß die PKK am Tag nach dem Neujahrsfest die Stadt Sirnak angegriffen und unter ihre Kontrolle gebracht habe. Das Militär selbst habe diesen Angriff verübt und nach der Unterbrechung der Telefonverbindungen die Bevölkerung terrorisiert. Als Strafmaßnahme seien Läden geplündert und hunderte von Autos und Häusern mit Panzern und Gewehrsalven zerstört worden. Der Gouverneur von Sirnak habe erklärt, daß die angerichteten materiellen Schäden vom Staat nicht durch Entschädigungen beglichen würden. Zugleich kennzeichne man im Landkreis Lice in der Provinz Diyarbakir Häuser von Einwohnern, die der Zusammenarbeit mit der PKK verdächtig werden. So entständen Be-

fürchtungen über einen späteren Angriff auf diese Häuser.

Seit dem Neujahrsfest am 21. März hat die Armee mehr als 100 Kurden getötet. In einer vom Komitee veröffentlichten Liste werden allein in Sirnak 47 Opfer genannt. Davon sind bisher 23 identifiziert. Unter den Toten befinden sich ein fünfjähriges Mädchen, ein neunjähriger Junge sowie ein 80jähriger Greis.

Der türkische Premier Demirel hat eine weitere Verschärfung des militärischen Drucks angekündigt und, an die Adresse der PKK gewandt, erklärt: „Wir werden sie alle erledigen“. In der Umgebung des Premiers herrscht offensichtlich Unklarheit über die reale Machtverteilung zwischen Armee und Regierung. Gegen einen Berater Demireis, der Staatspräsident Özal und das Militär verdächtigt hatte, sie wollten einen neuen

Putsch provozieren, ermittelt die Justiz.

In der kurdischen Arbeiterpartei des Volkes (HEP), die im Bündnis mit der türkischen Sozialdemokratie der Demirel-Regierung eine Parlamentsmehrheit sichert, mehren sich die Stimmen, die ein Ende der Koalitionsbeteiligung verlangen. So sagte der HEP-Abgeordnete Hatip Diele in einem Interview; die Regierung habe schon vor 2 Monaten mit dem türkischen Geheimdienst MIT das zukünftige Vorgehen gegen die Kurden abgesprochen. Bei der Abdrängung der PKK und ihrer Sympathisanten in den Nordirak hoffe die Türkei auf die Mithilfe der Truppen Saddam Husseins.

Wörtlich meinte er: „Der Staat hat dem kurdischen Volk den Krieg erklärt. Wenn die Menschen sich ergeben, werden sie ihre Ehre verlieren. Die einzige Alternative ist,

Widerstand zu leisten, jede Art von Widerstand. Dazu gehört auch der Guerilla-Kampf in den Bergen“. Am Mittwoch habe die türkische Luftwaffe bei Bombenangriffen im Nordirak 15 kurdische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Er forderte die anderen Abgeordneten der HEP auf, sich aus der Fraktion mit der Sozialdemokratie zurückzuziehen.

Zusammen mit dem PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan hat die HEP den heutigen Samstag zu einem „Nationalen Trauertag“ ausgerufen. An diesem Tag soll durch Streiks und Demonstrationen in der Türkei und Protestkundgebungen in anderen europäischen Ländern erneut die Forderung nach kurdischer Autonomie vertreten werden. Hatip Diele sagte, wenn diese friedlichen Aktionen nichts bewirken würden, werde sich die Auseinandersetzung weiter verschärfen.

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