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  • Politik
  • Westdeutscher Schrott auf Ostdeponien

Die Kannibalen aus den Videotheken

Auf die Frage nach ihren Lieblingsfilmen nannten 45 Prozent der Befragten in Leipzig, Ostberlin und Neubrandenburg die Titel von Gewalt und Horrorvideos, die als jugendgefährdend indiziert sind. Fast 10 Prozent von ihnen kannten die im Westen Deutschlands beschlagnahmten Videofilme „Tanz der Teufel“, „Geisterstadt der Zombies“, „Freitag der 13.“ und „Die Rache der Kannibalen“.

. An der Umfrage waren 488 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren beteiligt. Helmut Lukesch vom Institut für Psychologie der Universität Regensburg beklagt in diesem Zusammenhang, daß im ersten Jahr der Vereinigung Deutschlands die Verbreitung jugendgefährdender Videos in den Ländern der ehemaligen DDR das Niveau der Altbundesländer sogar übertroffen hat.

? Die Ursachen dafür liegen in der deutschen Videovereinigung, die sich in Windeseile im Schatten des politischen Anschlusses vollzogen hat. Der westdeutsche Videoschrott hat eine neue Deponie gefunden, schrieb Kay Hoffmann bereits im Sommer 1991 im Informationsdienst zum Jugendmedienschutz. „Die angestaubten Kassetten fanden einen neuen Absatzmarkt.“ Mit dem Verkauf zweitund drittklassiger Massenware haben sich nicht wenige westdeutsche Videofirmen wieder saniert.

Die Berliner Senatsverwaltung für Jugend und Familie, vom Amts wegen zur Schönfärberei verpflichtet, stellte fest, daß der „verschlissene Schrott, den unseriöse Geschäftsleute aus den alten Bundesländern für teures Geld verkauft und vermietet haben, inzwischen fast ganz aus den Geschäften im Ostteil der Stadt verschwunden ist“. Die Zahl der Videotheken in Ostberlin sei rückläufig, der „Nachholbedarf“ der Ossis befriedigt.

Inzwischen steht in nahezu jedem dritten ostdeutschen Haushalt

ein Videorecorder. „Zuwachs von 30 Prozent“ jubelte das „Deutsche Video Institut“. Trotzdem wird in einer Anfang März veröffentlichten Mitteilung auf die schwierige Lage der bundesdeutschen Videothekare verwiesen. „Trotz dieser positiven Zahlen und den damit verbundenen Umsätzen müssen die 7 500 Videotheken kämpfen - vor allem gegen das rasant gestiegene Angebot im Fernsehen.“ Das hat inzwischen zu einer Übersättigung mit der Ware Spielfilm geführt.

Da sich die „Moral“ des Fernsehens inzwischen beträchtlich gewandelt hat - Vorreiter waren die privaten Sender - werden jetzt verstärkt als jugendgefährdend bezeichnete Filmtitel gesendet. Kein Problem also für Jugendliche, Gewalt- und Sexualfilme, mit denen nach 23 Uhr die Einschaltquoten in die Höhe getrieben werden sollen, mit dem Videorecorder aufzuzeichnen. Hinzu kommen Filme, die zwar vom Institut für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt wurden. Sie dürfen zwar nicht mehr in Videotheken an Jugendliche verliehen oder beworben werden, aber auf Schulhöfen sind tausende Schwarzkopien zum Tausch oder Verkauf im Umlauf.

Die Ausstattung mit Satelliten-Direktempfangsanlagen trägt das Ihre zum massenhaften Konsum von Gewalt und Pornographie bei. Wie das Video Institut feststellt, besitzen 13 Prozent aller Haushalte in den neuen Ländern diese Möglichkeit des Empfangs. In den alten Bundesländern sind es nur fünf Prozent, was offensichtlich mit der größeren Zahl von Kabelanschlüssen zu tun hat.

„Die Gewalt aus der Kiste“, stellte Berlins bärtiger Jugendsenator Thomas Krüger (SPD) messerscharf fest, sei deshalb „nach wie vor ein Problem“.

Richtig, Problem erkannt. Und...?

HORST KNIETZSCH

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