Werbung

Dieser Text ist Teil des nd-Archivs seit 1946.

Um die Inhalte, die in den Jahrgängen bis 2001 als gedrucktes Papier vorliegen, in eine digitalisierte Fassung zu übertragen, wurde eine automatische Text- und Layouterkennung eingesetzt. Je älter das Original, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass der automatische Erkennvorgang bei einzelnen Wörtern oder Absätzen auf Probleme stößt.

Es kann also vereinzelt vorkommen, dass Texte fehlerhaft sind.

DIE ANGST

Die Frauen sitzen am Tisch und rauchen. Auch Frau Tietze, die charmante, korpulente Fünfzigerin, diplomierte, gefeuerte Pädagogin, die das Bernauer Frauenhaus zunächst noch als AMB-Kraft leitet, hat sich zu den Frauen gesetzt, denn sie kennt die Neue noch nicht. Bärbel erzählt ihre Geschichte. Leider keine Liebesgeschichte, sondern eine aus Sex und Crime. Der Mann hat gedroht, er bringt Bärbel um. Ist er im Suff,- wird er das tun: Im Suff hat er den Jungen verprügelt. Sie hat den Mann damals angezeigt, seitdem war der immer im Suff. Zweimal hat er sie grün und blau geschlagen, daß sie in ein Krankenhaus mußte, trotzdem war sie zehn Jahre mit ihm zusammen. Warum? Na, sie hat ihn doch geliebt. Sie muß ihn doch geliebt haben, nicht, da sie die Kinder von ihm hat? So muß es gewesen sein, naja.

Grad wegen der Kinder mußte sie weg. Wegen Paola, wegen „Paulchen“. Bärbel knetet ihre Hände, als wären sie ein Hefeteig: „Paulchen hat Angst vor ihm gehabt. Wenn er aus der Kneipe kam, hat er sie aus dem Bett gezerrt, ein Pornovideo eingelegt und sie gezwungen, das mit ihm anzusehen. Dann mußte sie auch zugucken, wie er sich einen runterholte.“ Hat er das fünfjährige Mädchen tatsächlich körperlich mißbraucht? Bärbel fürchtet sich vor der Wahrheit: „Ich weiß nicht. Paulchen kam zu mir gerannt: ,Papa wollte verliebt mit mir spielen.' Da half ja nun nichts mehr, da mußte ich weg.“

Die Ungeheuerlichkeit ist heraus. Die letzte aller Scheußlichkeiten, die man einem Mann zutrauen kann, und die Frauen wissen, wovon sie reden. Bärbel muß das Schwein anzeigen! Es gehört eingesperrt, das Schwein. Frau Tietz entschuldigt sich vorab, daß sie nun mal ordinär wird, doch diesem Kerl möchte sie am liebsten höchstpersönlich den Schwanz abschneiden!

Man sollte allen Männern die Schwänze abschneiden, das wäre besser, sagt Maria.

Reni meint, Maria hat Recht. Sie sind nicht angewiesen auf Männer, sie kommen ohne Liebe aus. Wenn es überhaupt Liebe gibt - um lieben zu können, müßte man den Menschen neben sich annehmen, und wer tut das schon in dieser lieblosen Welt? Sie stehen zu Bärbel wie ein Mann. Um Himmels willen, nicht wie ein Mann, die Sorte Mensch kann man vergessen. Gott hätte sie nicht erschaffen sollen, und man muß sich von ihnen frei machen, sich wehren, sie in die Grenzen verweisen. Also: Bärbel soll sofort zur Polizei...

Bärbel war bei der Polizei. Sie hat damit aber nichts gewonnen, der Mann war außer sich vor Wut.

Nun hat Bärbel Angst, selbst hier hat sie Angst. Die Polizei kann sie nicht schützen. Der Mann wird sie finden und umbringen, wie er es angekündigt hat, und was soll dann aus Paulchen werden? Frau Tietz beruhigt, das Haus sei verschlossen. Doch sie denkt, daß es mit der gläsernen Tür viel zu wenig gesichert ist. Niemand kann doch garantieren, daß der Kerl nicht tatsächlich aufkreuzt und seine Wut, seinen Haß austobt. Deshalb brauchte sie dringend Geld, um wenigstens eine dicke Stahltür... Es klingelt. Bärbel zuckt zusammen. Frau Tietz ist bereit, sich wie ein Flaggschiff in die ungleiche Schlacht zu werfen, ihr mütterlicher Busen bebt, da sie entschlossen zur Eingangstür geht...

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln