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Klärung eines Sachverhalts

Ich sitze vor einem weißen Blatt Papier. Das darf nicht so bleiben. Das könnte gefährlich werden. Wenn jetzt zum Beispiel jemand unerwünscht die Wohnung beträte, würde er mich über einem weißen Blatt sitzend erblicken.

Besser, ich schreibe Sätze darauf, die sich am allerbesten zu einer Geschichte fügen sollten. Oder zu einem Gedicht. Das ist Kunst, falls es als solche anerkannt wird und man nicht den Versuch unternimmt, das Gedicht für ein Nichtgedicht zu erklären. Was dann versuchte Täuschung der Erklärer wäre.

Warum aber Bedenken wegen des unbeschriebenen Papiers. Anders, wenn ich nicht schreiben könnte. Mein Sohn braucht keine Angst zu haben wegen einer Seite, die vor ihm auf dem Fußboden liegt, auf die er ohnehin nur Dampfloks und zerbrochene Waffen zeichnet. Und da er jene so malt, daß sie als militärisches Arbeitsgerät kaum kenntlich werden, gerät er nicht in einen verleumdungsträchtigen Realismus. Au-

ßerdem zerreißt er Papier schnell oder zerknüllt es gern.

Ich bin hartnäckiger und lasse Beschriftetes wochenlang liegen. Monate, Jahre sogar. Mitunter kommt auch mich das große Zerreißen an. Nicht aus Knappheit an Heizpapier, das ich freilich im Winter in größeren Mengen brauche. Nein, ehrlich gesagt: es liegt am Sinn der Sätze auf der mit Buchstaben gefüllten Seite. Nicht, daß ich Angst hätte, den Inhalt bei Begutachtung zu rechtfertigen. Zu ihm stehe ich, selbst wenn ich ihn sitzend vor einem Interessenten referieren muß. Ich mag nur Freunden keine Schwierigkeiten bereiten. Deshalb räume ich die Wohnung auf, wenn einer von ihnen mal wieder in einen lediglich von außen schließ- und offenbaren Raum gebracht wird. Es heißt dann: alles vernichten, was demjenigen Nachfragen einbrächte, fände man es bei mir.

Schwer festzustellen, was genau das ist - ich bin oft ratlos, da es nie um bewußte Gesetzesverletzungen geht, geschweige denn um Verbrechen. Meist sind es harmlose Dinge, die unter gewissen Umständen für den Festgesetzten als bösartig belastend gedeutet werden könnten. Ich überlasse die Interpretation dem Ofen, dessen Rauch höchstens den Himmel belastet. Doch das schrieb ich schon in einem Gedicht.

Zurück zu dem weißen Blatt, das bereits Tage in der Schreibmaschine s.teckt. Die logische Frage entsteht: Gibt es eine Scheu, das Blatt zu beschreiben? Wenn ja, hat diese mit dem Inhalt dessen zu tun, mit dem man das Blatt zu füllen gedenkt?

Eine Schrift unterliegt mancherlei Interpretationsmöglichkeiten. Die Varianten potentieller Unterstellung sind allerdings begrenzt. Ich bin mir sicher, wegen mancher Manuskripte nie Schwierigkeiten zu bekommen. Ich ertrage gelassen den Gedanken einer unerwünschten Bekanntschaft dieser Seiten mit den sie inspizierenden Herren. Egal, ob das Papier auf dem Tisch liegt oder in der Schreibmaschine klemmt.

Anders das leere Blatt. Käme einer und mutmaßte, was ich hätte schreiben wollen, so vermag ich keine Behauptung zu widerlegen. Ich versäumte, etwas auf das Weiß zu setzen, garstigen Verdächtigungen den Grund entziehend. Gerade weil ich nichts tue, mache ich mich verdächtig.

Sie sitzen an den Abhörgeräten und hören nichts. Wieso, denken sie, tippt er nicht seine schädlichen Satiren, lacht mitunter aus eitler Freude über eine gelungene Widerwärtigkeit, flucht ab und zu auf den Staat, den wir vor den Auswirkungen solcher Flüche zu schützen wissen? Warum, denken sie weiter, dieses unberechenbare Schweigen, dieses weiße Blatt in der Maschine, wie einer unserer verdienstvollsten Leute ausgekundschaftet hat? Was, schlußfolgern sie, heckt er aus? Reichen ihm seine bisherigen Schmierereien nicht, daß er über neue grübelt, die so schlimm sind, daß er noch vor ihnen zurückschreckt? Noch, wie wir betonen... So könnte das Plädoyer eines Staatsanwalts vor Gericht lauten, wenn er zum Ende gelangt und die Zahl der Jahre nennt, die er mir für das weiße Rechteck per Urteil zukommen lassen will. Wie verteidigen? Wenn die überlegte Sache strafwürdig ist, frage ich mich vorbeugend, stellt das Sinnieren über einen Plan schon eine strafbare Handlung dar? Wird diese juristisch als Versuch eingeordnet? Macht man dann den Kopf generell haftbar? Nein, die Verantwortlichen werden die Maßnahmen gerechterweise auf jene Gehirnzellen beschränken, die zu solchen Plänen neigen.

Das sei alles arg überspannt, mag jemand einwenden, niemand würde ohne weiteres belangt. Was besage denn ein weißes Blatt Papier in einer Schreibmaschine...

Viel, gestehe ich. Die meisten Menschen benötigen keine Schreibmaschine, die als bescheidenes Vervielfältigungsgerät mißbrauchbar ist. Sie schreiben ihre Briefe mit der Hand. Ihre Eingaben ah den Staat auch, weil sie dem nicht so mißtrauen, daß sie per Maschine über Durchschläge verfügen wollen. In Vorausberechnung einer neuen Beschwerde.

Die Leute leihen sich ein Gerät aus, wenn ihre Handschrift unleserlich wirkt. Und der, der sie verleiht, besitzt eine, um für Betrieb oder Universität Berichte zu tippen: über Gewerkschaftsversamnw lungen, die Arbeit des Jugendverbandes oder die Notwendigkeit verbesserter sanitärer Bedingungen im Zivilschutzraum. Da bleiben eingespannte Seiten nicht lange leer, weil die Arbeit sonst nicht zu schaffen wäre. Selbst ein Beschwerdeführer weiß, was er formulieren will. Und an dem „Wie“ arbeitet er anhand des ersten Entwurfs.

Nein, das vielfach erwähnte Stück, dessen Farbe an die Kampfunlust bekundende Fahne erinnert, läßt Rückschlüsse zu auf den, der vor ihm sitzt. Der Skrupel hat, einfach loszuschreiben. Welcher rechtschaffene Mensch hat Skrupel?

Welcher Mensch aber darf sich rechtschaffen nennen? Dieser verhängnisvolle Irrtum hindert ihn zu erkennen, höchstens im Augenblick der Geburt schuldlos genug zu sein, um sich unschuldig zu fühlen. Ein paar Tage des Erdendaseins, und der Einzelne sieht sich im Rückstand mit seiner Dankbarkeit, die zu zeigen er dem Staat verpflichtet wäre - für alle Mühe, die dieser hat mit seinem neuen Bürger. Wächst der heran, warten Gesetze auf ihn, auf die er nicht achten muß, da sie so beschaffen sind, daß sie jedes denkende Wesen ständig übertritt, was großzügig meist übersehen wird.

Das' sei das Wesen, würde ein Philosoph sagen, der etwas zu sagen hat. Es widerspräche nicht der Erscheinung, daß einem zu Recht in Verwahrung genommenen Menschen (betrachtet man seinen Lebenswandel insgesamt) zum Zeitpunkt der Festnahme zufällig keine Straftat nachzuweisen ist. Gut, wenn sich jeder über diesen Sachverhalt klar zu werden bemüht, müßte jener Philosoph- schlußfolgern, wenn er mithilft, sein Vergehen aktenfest zu machen. Ein Geständnis plus Reue des Schuldigen weckt Mitleid beim Richter, der wirklich nur ein Mensch sein und keinen über Gebühr aus der Alltäglichkeit entwenden will.

Einiges spricht also, resümiere ich, für ein kleines, frank und frei zugegebenes Delikt gegenüber der behaupteten provozierenden Schuldlosigkeit. So beschrifte ich das Blatt rasch mit einem bissigen Gedicht, da sonst wer denkt, an einem Traktat über das Verfertigen spöttischer Gedichte werde gearbeitet. Und wer solches beabsichtigt, notiere ich flugs, weil ihm sonst jemand unterstellt, eine Bastelanleitung für Sprengkörper solle entstehen.

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