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Die Ost-Frauen sind aus den Medien verschwunden

  • Von KATRIN ROHNSTOCK
  • Lesedauer: 5 Min.

Wo sind sie gebhe-hi-ben, die Ost-Frauen? Sie sind verschwunden aus den Medien, die gestreßten, von der Doppelbelastung ausgemergelten, unattraktiv gekleideten Ostmuttis. Der Erschöpfung überdrüssig, so verhießen es die Bilder, haben sie seit langem darauf gewartet, wieder Hausfrau sein zu dürfen. Die Boulevard-Presse, immer frisch und ohne Tabu, ging noch ein Stück weiter in der Entdeckung der eigentlichen Bedürfnisse von Ostfrauen: Durch akribische statistische Erhebungen herausgefunden, wußte sie vom vitalen Orgasmuserleben zu berichten. Das ärmliche, aber bumsfreudige Sexualobjekt war das beste Angebot für den wohlhabenden, aber einsamen West-Mann - die rechte Ergänzung für Haushalt und Bett.

Eines besseren belehrt, ertönt heute das Klagelied im Chor: Die Frauen sind die Verliererinnen der deutschen Einigung, trotz ausgezeichneter Qualifikation, wie bundesministerielle Institute inzwischen selbst überprüfen. Aber in welcher Weise sind sie Verliererinnen, wenn 97 Prozent einen Arbeitsplatz wollen - und dies nicht nur zum Geldverdienen - wie aus der von Angela Merkel bei Inf as in Auftrag gegebenen Studie hervorgeht?

Diese Fakten allerdings sind schwer zu finden in den Medien, sie wollen sich nicht recht einfügen in die vorhandenen Bilder. Hat die Öffentlichkeit, die mächtige vierte Gewalt im freiheitlich- demokratischen Staate, das Selbstwertgefühl der Ost-Frauen gekappt? Ist er-

reicht, was beabsichtigt war? Der gemischte Chor bleibt ohne die Ost-Frauenstimmen. Sie würden von anderem singen: von ihrem Selbstverständnis, das mit den vorgesehenen Rollen keine Ähnlichkeit hat, von den zahllosen Versuchen, einen Ort zu finden, der es ermöglicht, die alten Ansprüche weiter zu leben und Berufstätigkeit zugleich mit Kindern zu vereinbaren.

Woher kommen Anspruch und. Kraft? Aus einer Grunderfahrung, die im Westen nicht von der Mehrzahl der Frauen gelebt, sondern nur debattiert werden konnte. Aber die Frauen verweigern sich nicht nur gegen die in westlichen Medien verbreitete Vorstellung von ihrer Besonderheit und Minderwertigkeit, sondern verweigern auch ihre Möglichkeit, Kinder zu bekommen und reagieren auf die völlig veränderten sozialen Bedingungen mit erschreckender Konsequenz: die Geburtenrate ist um 50 Prozent zurückgegangen, zahlreiche junge, kinderlose Frauen lassen sich sterilisieren. Aus den aktuellen Erlebnissen heraus meinen 84 Prozent der Ost-Frauen, der Sozialismus ist eine gute Idee, die nur schlecht verwirklicht war.

West-Frauen beklagen, daß sich ihre östlichen Stiefschwestern (dieselbe Mutter, anderes Vater-Land), nicht gewehrt und falsch gewählt hätten. Aber wer kann durchschauen, was er gar nicht kennt? Bekannt war die einfältige Propaganda der Regierungspartei der DDR, die beschönigte, wovon jeder wußte, daß es nicht schön war. Das

Frauenbild, von der arbeitenden Mutter, die ihre Berufstätigkeit gleichermaßen wie ihre zwei, besser drei Kinder liebte, alle Aufgaben glänzend bewältigte und dem Mann dazu eine gute Partnerin war, sorgte freilich für einen Leistungsdruck, der oft genug ein schlechtes Gewissen verursachte. Aber im Gegensatz zum westlichen Frauenbild, das Minderwertigkeit und Bedeutungslosigkeit von Frauen suggeriert, wurde die Frau in der DDR idealisiert, sie war Göttin und Küchenfee, die universal alles bewältigte. Probleme, die der Lebensalltag mit sich brachte, durften nur in den Nischen der Öffentlichkeit thematisiert werden und fanden vor allem ihren Niederschlag in der Literatur. Diese hatte eine ungeheure Popularität und avancierte zum Medium der Meinungsbildung und Selbstbewertung.

Die Frauen, die ungefähr zur Hälfte den Mitarbeiterstamm der Medien ausmachten, hatten wenig Möglichkeiten, auf Themenwahl und Programmgestaltung prinzipiellen Einfluß zu nehmen und dies gleichwohl sie auch - zum kleineren Teil - in Entscheidungspositionen saßen. Sicher aber gab es weniger als im Westen den zwingenden Bedarf nach einer frauenspezifischen Sicht, da die sozialen Verhältnisse Frauen nicht in einem Maße benachteiligten, daß sie die Diskriminierung massenhaft wahrnahmen. Obwohl der Journalismus traditionell eine Männerdomäne ist, war der Anteil der Frauen

vergleichsweise zum Westen sehr hoch.

Der Aufbruch der Frauen in der Wendezeit war weniger von sozialen Forderungen bestimmt, als vielmehr vom Willen, stärker die Öffentlichkeit mitzugestalten, nach authentischen Selbstentwürfen zu suchen. Die Medienfrauen versuchten, den tatsächlichen Lebensalltag von Frauen aufzugreifen. Die einzige DDR-Frauenzeitschrift der Vor-Wendezeit „Für Dich“ entwickelte ein neues Konzept, das die bisherigen Tabuthemen, wenn auch in trivialer Weise, aufgriff. Innerhalb der elektronischen Medien schufen sich Redakteurinnen wie Bärbel Romanowski mit „ungeschminkt“, Meike Matern mit „Mädchenmagazin Paula“ beim Fernsehen, Astrid Luthardt mit „lila Stunde“ bei DT 64 und Gitta Krickow mit dem „Frauenmagazin“ beim Berliner Rundfunk eigene Sendungen, die die neu entstandenen Probleme ebenso aus der Sicht der betroffenen Frauen diskutierten, wie sie die Vergangenheit aufzuarbeiten versuchten, ohne Denunziation, ohne Entwürdigung.

„Ypsilon, die Zeitschrift aus Frauensicht“ wurde als emanzipatorische Alternative zur „Für Dich“ gegründet und war das östliche Pendant zur feministischen „Emma“, worauf die ältere westliche Stiefschwester mit Konkurrenzangst reagierte. Basis Druck, ein Verlag der Bürgerbewegung, bezahlte 10 Nummern lang das ästhetisch ausgefallene und fi-

nanziell aufwendige Blatt. In gro-ßen Finanznöten entließ der Verlag die Zeitschrift als erste Produktion in die Selbständigkeit. *

Die Nach-Wendezeit bedeutete Abgesang der von DDR-Frauen initiierten Produktionen. Nur das Land Brandenburg leistet sich noch Frauensendungen, die „Für Dich“ ist längst passä: „Zuviel Problematisches“ war das Argument für das Ende des Reformkonzepts, die danach produzierte Tina-Variante für die bewußte Hausfrau funktionierte auch nicht besser. In den wenigen Medienrudimenten aus dem Osten tauchen Frauen nur noch am Rande und in oben beschriebener Manier auf - simplifiziert, zu Verliererinnen gestempelt, in niederschmetternden Berichten stigmatisiert. „Wählen Sie die Berliner Mutti des Monats“, brüstet sich das Berliner Abendblatt mit einer Schlagzeile, unter der drei „Prachtexemplare“ (wörtlich) präsentiert werden.

Auch als Mitarbeiterinnen sind die Frauen mehrheitlich aus den Medien entlassen. Westliche Männer, die schon immer das Patentrezept für gute Verkäuflichkeit hatten, sind an ihre Stelle gerückt, falls das Medium überhaupt noch existiert. Die Ost-Frauen sind im Verborgenen, aber sie sind nicht verloren. Sie gründen Journalistinneninitiativen wie die JO oder das FrauenMedienBüro fakta in Ost-Berlin. Sie forschen ihrer Vergangenheit nach, um die Frauenbilder nicht wieder anderen, einem Fremdblick zu überlassen.

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