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August 92: Worte und Heugabeln

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Anderer Leute Kopf kann ich mir nicht zerbrechen. Für ihre Worte, ihr Handeln bin ich nicht verantwortlich. Dennoch bin ich voller Scham, voller Zorn und Verzweiflung. Worte, Wort, Worte!

Bis zum Ekel immer wieder und vor laufenden Kameras und in die Mikrofone gekaut: Betroffenheit! Tiefe Betroffenheit! Es tönen die laienhaften Politiker unterschiedlichster Farbe. Die haben wir - mit unseren unterschiedlichen Haltungen - herangewählt. Oder sie sind nachgerückt durch andere Unfähigkeit anderer. Bis auf den Sessel eines Landesvaters oder Innenministers. So betroffen sind sie! Ich darf sie noch einmal der Lüge zeihen! Vielleicht wären sie betroffen, nähmen sie denn ihren Hut. Dies ist zu wünschen. Geändert' wäre noch immer nicht viel.

Getroffen - und' flicht bloß im -schalen Worte - sind jene Menschen, die Asyl suchten in Rostock-Lichtenhagen. Der Mob hat gewonnen gegen sie. Er hat sie erfolgreich vertrieben. Getroffen und gleichfalls vertrieben wurden auch jene stillen Menschen, die vor Jahren aus Vietnam zu uns kamen.

Nein, das, was sich vollmundig Rechtsstaat nennt, hat in Rostock noch deutlicher als in Hoyerswerda gegen politischen Terror verloren. Zu fürchten ist, er wollte gezielt verlieren. Um der Grundgesetzänderung willen. Schön ist abzusehen, daß die Schrecken der Hansestadt nicht das Letzte sein werden. Denn: Mehrheiten haben sie dort befördert! Die anfeuernden Massen, die dem Terror zudem noch permanent Flucht- und Auffangbecken waren, hätten eigentlich nur noch schreien müssen: „Wir sind das Volk!“ Zum Völkischen ist es ohnehin nicht mehr weit.

Ich lese die Worte einer Frau, die in Lichtenhagen einen Bruder in Christo als Seelsorgerin vertrat. So ihre Worte als wörtliche Rede richtig wiedergegeben sind, reicht es schon nicht mehr aus, sich an den Kopf zu fassen. Zitat: „Ich kann es den Leuten nicht übelnehmen, daß sie die radikalen Angreifer beklatschen!“ So weit, so schlecht. Wirk-

lich furchtbar erst wird der folgende Satz: „Das Äußerste, was ich erwarten konnte, war, daß sie in ihren Wohnungen geblieben Wären und sich nicht beteiligt hätten.“

Ja, richtig: In den Wohnungen bleiben. Nichts hören, nichts sehen. Wie weiland zum Pogrom, fälschlich Reichskristallnacht genannt. So begann es einmal. Mit Wegsehen auch!

Die Bürgermenge, einschließlich derer, die „Tatort“ endlich einmal nicht nur auf dem Bildschirm erleben wollten, war wesentlich größer als die Anzahl von Terroristen und Polizisten. Was eine Minderheit ist, war dann, ebenfalls via Bildschirm, kurz darauf aus Rostock zu sehen. Nur knapp zweihundert Menschen, die, betroffen reagierten! Und ich sah auf dem Markt .dort neben dem Vorsteher der Bürgerschaft einen Amtsbruder jener erwähnten seelsorgenden Frau. Ich kenne ihn aus der Zeit, als ich jährlich einmal in seine winzige Dorfkirche kam. Am Heiligen Abend. Ich schätzte ihn damals schon. Indirekt und' ohne es zu wissen, hat er Anteil daran, daß ich ein Buch schreiben konnte, dessen übersetzten Text inzwischen auch Dänen und Franzosen und Japaner lesen können. In dieser Geschichte aus Mecklenburg spielt Toleranz eine Rolle, und wie wir mit dem Nächsten umgehen. Mit dem Nachbarn, der die Heiligkeit der Stillen Nacht und der Frohen Botschaft erheblich stört und stinkend und besoffen im verschneiten Graben liegt.

In diesem Jahr habe ich aus diesem Buch oft vorlesen können. Unter anderem in einer der schönsten Bibliotheken der Bundesrepublik. Sie hat über 20 Millionen gekostet, und die Stadt, die sie sich leisten kann, soll dem Vernehmen nach 800 Millionäre unter ihren Dächern bergen. In einem der schönen Räume saßen mir wohlerzogene und gutgekleidete Gymnasiasten beiderlei Geschlechts gegenüber. In genau jenem Alter, das schrecklicherweise auch viele der Steinewerfer von Rostock-Lichtenhagen erst haben. Als ich fragte, wie wir

uns verhalten wollen, wenn wir gebeten sind, den hilflosen Trunkenbold in der Weihnachtskälte vor dem Frosttod zu bewahren, da wir ein Auto besitzen, gab mir ein schönes Mädchen eine präzise Antwort. Unter jubelndem Beifall sagte sie: „Ich laß mir doch nicht meinen Daimler bekotzen!“ Realschüler in Niedersachsen reagierten nicht anders. Nein, doch - sie sagten noch; „Am besten wäre es, unsere Lehrer lägen da!“

Wo sind wir? In Deutschland!

Was denkt ein Autor nach solchen, nur scheinbar unzusammenhängenden Erfahrungen? Unter anderem, daß mit einiger Wahrscheinlichkeit unter den johlenden Bürgern und steineschleudemden Kindern auch seine Leser sein könnten. Er fürchtet - mehr als bisher - die Ohnmacht des Wortes. Und erneut denkt er an die ihm bekannte Dorfkirche. Mehr noch an den dortigen Nachfolger jenes Pastors aus der Minderheitenversammlung. Der nämlich trug am letzten Wochenende einen kräftigen Knüppel. Manch anderer Mann des Dorfes auch, oder Heugabeln gar. Der ehemalige Dorfklub, vor dem wir auf der Straße feierten und tanzten, als das Dorf älter als achthundert Jahre geworden, sollte das Ziel einer Skin-Attacke werden. Soviel wußten die Männer, und die Polizei hatte versprochen, beim Erscheinen der kahlköpfigen Gefahr zu kommen. Eigens dafür, aus Angst und Not, war ein Funk-Telefon beschafft worden. Und wer dann kam, das waren vierzig Skinheads!

Ein kleines Dorf. In der Nähe einer Hansestadt. In Deutschland. Ohne den geforderten und versprochenen Schutz. Junge und ältere Männer mit Knütteln in den Fäusten und ein Pastor dabei, den ich als wirklich friedlichen Menschen kenne. So konnten sie sich schützen. Noch!

Wo sind wir gelandet, Herr Kupfer und Herr Seite? Irgendwo kurz hinter dem Dreißigjährigen Krieg? Oder, wieder schon, auf dem Stiefelpfad der dreißiger Jahre?

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