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Ein (Wort)Stamm - und die Welt

Gespräch mit Peter Eisenberg über die Sprache, die aus der Ökonomie kommt

Im Jahr der deutschen Vereinigung war der Begriff Globalisierung noch kaum bekannt. Mittlerweile ist er zu einem Schlagwort mit höchster Medienwirksamkeit avanciert, ja zum »Peitschenknall« mutiert. Wie ist diese inflationäre Zunahme zu erklären, was macht den Unterschied zwischen global und Globalisierung aus? Diese und andere Fragen stellte Johannes Wendt dem Linguisten Peter Eisenberg.
ND: Wie kommt es, dass Globalisierung in aller Munde ist, niemand mehr ohne dieses Wort auskommt?
Eisenberg: Weil allgemein das Bewusstsein von der globalen Natur wirtschaftlicher Prozesse gewachsen ist. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Globalisierung selbst - oder was man damit bezeichnet - tatsächlich schon so weit gediehen ist wie behauptet. Vieles, was früher anders erklärt wurde, wird heute unter Globalisierung summiert, mit positiver wie auch negativer Konnotierung. Das hängt von der jeweiligen Sichtweise und Funktion ab.

Der Begriff kommt aus der Ökonomie.
Ja, zunächst wurde er im Handel und vor allem in der Geldwirtschaft verwandt. Er wird jetzt auf alle möglichen anderen Gebiete übertragen und ausgeweitet, aber immer mit derselben Bedeutung.
Eine interessante und für solche Prozesse typische Bedeutungsentwicklung hat das Kernwort »global«. Es bezieht sich zunächst auf den Globus und hat dann später die Bedeutung von »insgesamt« oder »total« bekommen. Eine Bedeutungsabstraktion, die wir inzwischen teilweise auch beim Wort »Globalisierung« beobachten. Wenn man heute sagt: »Global gesehen ist die steuerliche Entwicklung in Deutschland so und so«, dann zeigt das eben, dass dieses »global« sich vom Globus wegbewegt hat und einfach nur »insgesamt«, »aufs Ganze gesehen« bedeutet.

Wie ist das in anderen Sprachen?
Ich habe bei Umfragen festgestellt, dass das Wort »Globalierung« eigentlich nur im Französischen - »mondialisation« - mit einem eigenen Wort belegt wird. Sonst, ob man Japaner, Portugiesen oder Kasachen fragt, bleibt in der jeweiligen Sprache der Stamm »global«. In vielen Sprachen der so genannten Dritten Welt ist das Wort dagegen unbekannt. Globalisierung wird oft in ganzen Sätzen umschrieben, »Die ganze Welt wird ein Dorf«, sagte mir ein Kenianer, der Kisuaheli sprach. »Globalisierung« wird vor allem in den Sprachen der Regionen benutzt, die sie aktiv betreiben. Das Wort selbst ist Ausdruck von Globalisierung.

Und seit wann gibt es dies?
Im Englischen gab es das Wort - »globalization« - sehr viel früher als im Deutschen. Das Adjektiv »global« tauchte in deutschen Wörterbüchern erst Ende des 19. Jahrhunderts auf, in englischen bereits im 17. Ausdruck der Tatsache, dass Englisch über viele Jahrhunderte die Sprache eines riesigen Kolonialreiches war und sozusagen naturwüchsig übergegangen ist in die Weltsprache des Zeitalters der Globalisierung. Englisch hatte viel mehr Power als Französisch, war in der Kolonialzeit viel weiter verbreitet und hat den Wortschatz anderer Sprachen stärker geprägt als die Sprachen anderer Kolonialmetropolen. Im Französischen gibt es zwar neben »mondialisation« auch das Wort »globalisation«, aber man versucht in Frankreich, Anglizismen zu vermeiden.

Im Gegensatz zu Deutschland.
Die Deutschen haben das Wort an die Phonetik ihrer Sprache und Wortbildungsregeln angepasst, etwa mit den Endungen »-ieren« und »-ierung«. Das Wort ist integriert, es fällt gar nicht auf, dass es über das Englische zu uns gekommen ist.

Nun ist die Inflation des Wortes auch auf die zunehmende Kritik an der Globalisierung zurückzuführen. Es wird in das Bedeutungsfeld immer mehr auch die Kritik am Marktmechanismus, an der ökonomischen Liberalisierung hineingetragen.
Tatsächlich gibt es zwei unterschiedliche Verwendungen. In der Bildungspolitik verlangte man z.B. die Öffnung in Richtung auf das angelsächsische System; da war bis vor kurzem der Begriff »Globalisierung« positiv konnotiert. Seit längerer Zeit wird er ebenso negativ interpretiert. Kein Wunder. Je stärker den Menschen Abhängigkeiten bewusst werden, Ängste aufkommen oder geschürt worden sind - sei es in der Zuwanderungsdebatte oder der Diskussion um nationale Identität und Souveränität -, umso deutlicher formiert sich eine politische Abwehrbewegung, die sich gegen die Globalisierung stemmt. Für uns Sprachwissenschaftler ist es deswegen ganz natürlich, dass der Begriff selbst mehr und mehr negativ konnotiert wird. Vermutlich wird er in Ökonomie und Politik in den kommenden Jahren immer weniger Verwendung finden.

Wobei aber das Paradoxon interessant ist, dass die Gegner der Globalisierung, jedenfalls der neoliberalen, selbst eine globalisierte Bewegung sind. Sie globalisieren sich auch. Beispiel: attac.
Das ist Teil der Widersprüchlichkeit. Und eigentlich vertritt niemand, außer einigen fundamentalistischen Gegnern, ernsthaft die Meinung, man könne den Prozess der Globalisierung aufhalten.

Im Kontrast dazu steht Regionalismus.
Es ist damit zu rechnen, dass Regionalismen eine Gegenbewegung und »Regionalismus« einer der Gegenbegriffe auch in der Zukunft sein werden. Je negativer »Globalisierung« konnotiert ist, desto positiver werden solche Begriffe wie »Regionalismus« verwendet, obgleich dieser gelegentlich den Touch von »abgeschlossen«, »nicht modernisierungs-willig« usw. hat, also höchst ambivalent ist.

Sie haben vorhin über die Macht der englischen Sprache gesprochen. Weswegen hat Esperanto sich nicht zur Weltsprache entwickeln können?
Das ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht kein Wunder. Der Ruf nach einer Weltsprache ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts laut geworden, also in der Zeit, die wir als Imperialismus bezeichnen, in der sich erstmals globale Strukturen herausgebildet haben. Esperanto war übrigens nicht die einzige Kunstsprache, die im Laufe der Zeit entwickelt worden ist. Es gab eine ganze Reihe von Versuchen, z.B. auch einen, der stärker auf dem Deutschen basierte. Mit Esperanto wurde angestrebt, Elemente der wichtigsten - das heißt: damals von seinen Erschaffern als am wichtigsten angesehenen - Sprachen in sich zu vereinigen. Es war ein Versuch, der scheitern musste, weil sich das Englische schon so stark ausgebreitet hatte. Bisher ist es noch keiner künstlichen Sprache gelungen, zu einer natürlichen zu werden. Nehmen wir das Beispiel Ivrith, die Wiedereinführung des Hebräischen. Das geschah immerhin auf dem Substrat einer existierenden Sprache.
Kunstsprachen haben nur in speziellen Kontexten eine Chance, etwa als Programmier- oder als Logiksprachen.

Esperanto hat also keine Chance?
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Der Turm von Babel. Es gibt keine Weltsprache mehr; keiner versteht den anderen, nur ein paar Spezialisten haben eine Ahnung davon, wie die verschiedenen Sprachen tatsächlich aufgebaut sind. In einer solchen Situation hätte der geniale Wurf der Erschaffung einer Sprache, die verschiedene Elemente in sich vereinigt, durchaus gelingen können. Aber nach zwei Generationen wäre auch diese Sprache nicht mehr wiederzuerkennen gewesen. Wir hätten wieder eine ganz andere Sprache, die ihren künstlichen Charakter verloren und sich im allgemeinen Gebrauch wie alle natürlichen Sprachen gewandelt hätte.

Fürchten Sie im Zeichen der Globalisierung, die ja auch mit Cocacolisierung, also Amerikanisierung gleichgesetzt wird, um den Bestand der deutschen Sprache?
Nein. Die deutsche Sprache gehört zu den großen Sprachen, wird von hundert Millionen Menschen gesprochen. Es gibt sehr viele Sprachen, die im Augenblick sterben - jene, die von vielleicht nur noch 5000 Mündern gesprochen wird. Es ist ein großes Sprachen-Sterben im Gang. Das Deutsche wird davon in absehbarer Zeit nicht betroffen sein. Aber es wird wie alle anderen Sprachen zunächst mal in seiner Universalität beeinträchtigt werden. Das ist durchaus kritisch zu sehen. Aber dies betrifft nicht nur das Deutsche, sondern grosso modo alle Sprachen außer dem Englischen. Es betrifft die französische und auch die spanische Sprache, wenngleich mit etwas anderen Voraussetzungen, weil Spanisch auf dem amerikanischen Kontinent eine große Bastion hat.
Aber es gibt jetzt schon bestimmte Fachwortschätze - und die Tendenz wird sich verstärken -, die nur einer Sprache angehören, dem Englischen. Das Deutsche war mindestens bis zum Ersten Weltkrieg eine der führenden Wissenschaftssprachen der Welt. Es hat diesen Status verloren, wie vordem auch das Französische, ebenfalls einst eine universelle Wissenschaftssprache, in der alles gesagt werden konnte. Aber das bedeutet noch keine Bedrohung der Alltags-Sprache.

Welche Sprachen sind bedroht?
Viele kleine Sprachen in Südamerika und in Südostasien. Die Sprachen der nordamerikanischen Indianer sind schon in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gestorben und nur noch teilweise auf Tonbändern und in Wörterbüchern dokumentiert. Wir haben vor einigen Jahren die Gesellschaft »Bedrohte Sprachen« gegründet, ein Abkömmling der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft. Wir versuchen, vom Aussterben bedrohte Sprachen zu dokumentieren. Jährlich verschwinden fünfzig Sprachen, auch in Europa. Das Okzitan ist praktisch weg. Es hat Wiederbelebungsversuche gegeben, aber ohne Erfolg.

Peter Eisenberg ist Lehrstuhlleiter des Lehrstuhls Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam. Er gehört der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung an.
Foto: Uni Potsdam

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