Werbung

Vier Romeos drängeln sich unterm Balkon

»Juliet in Wonderland« als nächtliches Farbenspektakel im Hexenkessel-Hoftheater

  • Von Almut Schröter
  • Lesedauer: 3 Min.
Kann das wahr sein? Im ersten Drittel des Programms »Juliet in Wonderland« verrieten Gesichter im Publikum bei der Premiere Unsicherheit. Für gewöhnlich wird ihm im Hexenkessel-Hoftheater die Hand gereicht, um es in die Handlung zu führen. Manchmal auch, um es mit reinzuspringen zu lassen. Aber immerhin.
Bei der dritten Openair-Premiere des Hexenkessel-Hoftheaters dieses Sommers im Monbijoupark, der Kostüm-Tanz-Theater-Video-Show - also einer ganzen Genrefamilie in einer »Person« - muss sich bei den Besuchern erst das Gefühl einstellen, dass sie sich 90 Minuten zurücklehnen können. Sie sollen die bildhafte Bearbeitung einer einzigen Szene von William Shakespeares wohl bekanntestem, 1595 geschriebenen Werk Romeo und Julia genießen: Die Kostüme, die Nacht, die Bewegungen, die Farben, das Licht, den Witz, die Musik. Eine bekannte Geschichte wird illustriert.
Julia schluckt ihren Trunk, der sie in den Scheintod versetzt. Die Videowand, die später bearbeitete Filmsequenzen bietet, zeigt den Rhythmus ihres Herzens. Da nähern sich in gehemmter Bewegung schon die Traumgestalten, die irrwitzige Verstrickungen vorhaben. Kommen sie aus dem alten Verona? Ihre manchmal aberwitzigen Aktionen - locker inhaltlich festgemacht an Liebe, Trauer, Leben, Tod - kann man nicht bis in die letzte Bewegungen nachvollziehen. Warum springen denn plötzlich unter Julias Balkon vier Romeos herum? Sollen sie doch. Wer versteht schon alle Träume und die anderer dazu. Mit dieser Kunst könnte man sofort eine Traum-Ich-AG mit traumhaften Aussichten gründen.
Herzlichen Glückwunsch! Die Gratulation gebührt dem Hexenkessel-Hoftheater, das seinen zehnten Sommer feiert. Deshalb ist es versprochen, dass in Julias Schlaf jeweils eine Figur aus einem Stück des früheren oder jetzigen Repertoires als Überraschungsgast auftaucht. Bei der Premiere von »Juliet« war es Carsta Zimmermann als Truffaldino aus »Der Diener zweier Herren« von Goldoni, einer Inszenierung von 2001. Da löste sich kurz das Publikum aus der unwirklichen Welt, um der wunderbaren Komödiantin den einzigen Szenenapplaus des Abends zu schenken. Im aktuellen Programm sieht man die sich durch hinreißenden Mutterwitz auszeichnende Schauspielerin in Shakes-
peares »Das Wintermärchen«.
Roger Jahnke, der darin als sizilianischer König Leontes in hilfloser Eifersucht an ihrer Seite auf dem Theatersteg wütet, erfand »Juliet in Wonderland«. Seine fantasiereiche Choreografie, die nur an wenigen Stellen noch etwas hakt, überzeugt bei dieser, große Energie verratenden Regiearbeit, in der Komödianten sich durchaus selbst zum Besten zu halten vermögen. Verlassen konnte sich Roger Jahnke bei der Produktion auf die glänzende Ausstattung von Isa Mehnert, den überzeugenden Live-Gesang von Kim la Belle, die Dar- steller Anna de Carlo, Marlene Erforth, Antje Görner, Claudia Graue, Andreas Köhler, Steff Schwenker und Oliver Kube, auf die Videoperformance von Viso.Thek und auf die Musik von »min«.

»Juliet in Wonderland« bis 25.8., So. u. Mo. 21.30 Uhr. Bis 6.9., Di.-Sa. 19.30 Uhr: »Das Wintermärchen«; bis 30.8., Di.-Sa. 21.30 Uhr: »Richard III«; Hexenkessel-Hoftheater, Monibjoustr. 1, Mitte, Infos und Karten (11/8 Euro), Tel.: 24048650; www.hexenkesselhoftheater.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln