Ein Lob der Unvollkommenheit

Biomedizin, Gentechnik, Menschenbild - Essayistische Betrachtungen

  • Von Viola Schubert-Lehnhardt
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.
In der Regel loben wir Vollkommenes, Schönes, Erhabenes - oder zumindest das mehr oder weniger gelungene Bestreben danach. So haben wir es in der Schule gelernt, so sehen wir es täglich im (Werbe-)Fernsehen, so suggeriert es uns der Tenor vieler Reden von Politikerinnen und Politikern. Der Mensch, Mann und Politiker Ilja Seifert lobt das Gegenteil - er lobt ausdrücklich die Unvollkommenheit von uns Menschen. Damit publiziert er ein leidenschaftliches Plädoyer für Menschsein in jeder Form und Ausprägung, für Menschenwürde, die nicht an bestimmte Fähigkeiten, Vollkommenheit unserer Organe oder Sinne oder vorgegebene Maßstabe gebunden ist. Damit setzt er ein deutliches Achtungszeichen inmitten all der Erfolgsmeldungen über Forschungsergebnisse, neue medizin-technische Möglichkeiten und künftige Strategien, die scheinbar nur eines zum Ziel haben: den perfekten (vollkommenen) Menschen. In seine Überlegungen fließen Erfahrungen aus der Arbeit in der Enquete-Kommission »Recht und Ethik der modernen Medizin« des 14. Deutschen Bundestages ebenso mit ein wie aus seiner Tätigkeit als Partner des Sachverständigenbüros »Barrierefreies Leben«. Ilja Seifert ist außerdem »Experte in eigner Sache« - seit seinem 16. Lebensjahr ist er infolge eines Badeunfalls im Halswirbelbereich querschnittsgelähmt. Das von der Rosa Luxemburg Stiftung im Rahmen ihrer Reihe »manuskripte« als 45. Band herausgegebene Heft vereint eine Reihe in den letzten Jahren von ihm geschriebener Texte, die das gegenwärtige Streben medizinischer Forschungen in Richtung Perfektion und Vollkommenheit kritisch hinterfragen. Zum Teil sind diese Essays (einer ist gemeinsam mit Heiner Fink und Ernst Luther entstanden) bereits anderweitig publiziert worden. Der Germanist Ilja Seifert hat sie für diesen Band durch dazu passende Gedichte so verbunden, dass eine anregende Lektüre entstanden ist, die die Leserinnen und Leser zwingt, über ihr Menschen- und Gesellschaftsbild, Wertsetzungen und Bewertungen von Lebensentwürfen, Ziele und Prioritäten künftiger medizinischer Forschungen (erneut) nachzudenken. Bereits Überschriften wie »Forschen - gesunden - heilen oder forsch - gesund - heil?« und »Heilen und gewinnen oder heiliger Gewinn?« deuten die Methode seiner Überlegungen an. Der Autor beschreibt sehr anschaulich und nachvollziehbar die unterschiedlichen Erwartungen von verschiedenen Menschen(gruppen) und geht gleichzeitig auf mögliche Gefahren ein, wenn Politiker diese zum Maßstab für künftige Entwicklungsrichtungen nehmen. Auch wenn es z.B. menschlich verständlich ist, dass sich kleinwüchsige Leute ein ebenfalls kleinwüchsiges Kind wünschen, so ist dies (mittels moderner medizintechnischer »Angebote« realisiert) ebenso eine Anmaßung und Herrschaft über das künftige Kind, wie die Selektion behinderten Lebens mittels PID. Als mit deutlich sichtbaren und ihn einschränkenden Behinderungen lebender Mann hat Ilja Seifert durchaus den Wunsch nach Forschungen, die seine Situation verbessern könnten, aber dies ist für ihn kein vordringlicher Wunsch: als Politiker setzt er sich vor allem für Verhältnisse ein, in denen Menschen mit unterschiedlichsten Krankheiten und Behinderungen immer besser leben können und keine zusätzlichen Benachteiligungen erfahren. Solidarität und Gerechtigkeit sind dabei die Werte, die für ihn im Mittelpunkt stehen, und nicht Forschungsfreiheit und Gewinn. Da die Rezensentin nicht nur viele seiner Positionen teilt, sondern auch großes Vergnügen am Stil dieser Publikation hatte, möchte sie diese hier nicht weiter nacherzählen, sondern abschließend die letzten Zeilen eines im Band gleichfalls enthaltenen Gedichts als Ermutigung für andere Interessierte zitieren: »Die Alten können mich z...

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