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Kardinal und kleiner Mann

Heute wäre der Schauspieler Arno Wyzniewski 65 Jahre alt geworden

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
Erinnerung macht, was sie will, nicht, was wir wollen. Oder was andere wollen. Es gibt jenseits von Ostshows tatsächlich eine Bewahrungskultur, die beide Begriffe dieser Wortverbindung verdient. Bewahrung als Kultur. Erinnert sei an Arno Wyzniewski, der heute 65 Jahre alt geworden wäre. Dieser Schauspieler wird, so lange Erinnerung reicht, Pinneberg bleiben. Der kleine Angestellte im deutschen Krisengetriebe. Lange her, längst wieder die drohende Schrift an der Wand. Pinneberg: Er spricht mehr und mehr wie jemand, der sich nicht selber gehört. Er ist dem Gespenst der Zeit ausgeliefert, der Arbeitslosigkeit. Wird davon überfallen wie von einem Virus, das lange schlummerte und nun zum Fieber, zur Hitze, zum Wahnsinn führt »Kleiner Mann - was nun?« von Hans Fallada, 1967 in Adlershof zum TV-Ereignis gemacht - in einem Mehrteiler von Hans-Joachim Kasprzik. Der Film gehört zum Bleibenden der DDR-Filmkunst. Den naiven, hoffnungsgläubigen, in die Zermürbung getriebenen Pinneberg, auf hoffnungsloser Flucht vor dem sozialen Abgrund, spielte Wyzniewski als ein zerbrechliches Wesen mit großen, staunenden Augen, dem die Autonomie rasend-düster abhanden kommt. Der Schauspieler unvergesslich stark neben Starken: Jutta Hoffmann als Lämmchen, Inge Keller als Mia Pinneberg, Wolf Kaiser als Lachmann. Wer diesen Film heute sieht, schaut ins Gesicht der Gegenwart. Dieser Eifer, nicht ausgestoßen, aussortiert zu werden - Menschen zwischen »Hoppla, wir leben noch!« und »Hoppla, wir stolpern schon!« Schiffsingenieur wollte Arno Wyzniewski werden. An die Schauspielschule kam er nur, weil die Kader-Bürokratie der Schiffsbauer zu lange mit der Antwort auf sich warten ließ und seine Mutter keine Geduld hatte. Als die Zulassungspapiere fürs Ingenieurstudium irgendwann doch noch kamen, dachte Arno nicht mehr an Planken, sondern nurmehr an Bühnenbretter. Schauspielschule Berlin, Theater der Freundschaft, Potsdam, Maxim Gorki Theater, Volksbühne, Berliner Ensemble - Wyzniewski war Hamlet und Don Carlos, Marat im Weiss-Stück und Mattukat in »Moritz Tassow«, er spielte in Karge/ Langhoffs heißdiskutierten »Räubern« den Karl Moor, in Horst Sagerts dunklem »Urfaust« den Mephisto, in Schatrows »Blaue Pferde auf rotem Gras« gab er einen unkonventionellen Lenin. Unvergesslich sein eiskalter Kardinal Inquisitor in Manfred Wekwerths »Galilei«-Interpretation am BE: das freundliche, vernünftige, verständige Gesicht als gefährlichste Maske einer todbringenden Ideologie. Das konnte Wyzniewski: im wohlgeformten Wort einen Abgrund verbergen. Das Hagere an ihm arbeitete gern allem zu, was Drohung, Finsternis sein wollte; er konnte unnahbar wirken und blieb doch aber auch der große, aufrichtige Junge. Manchmal ein Spieler mit herrisch-sanfter Unergründlichkeit. Eher zur Statuarik, zur inneren Spannung neigend als zur quirligen Verwandlungslust. Was vielleicht aus tiefem heißem Herzen kam, wurde ausgehalten, vorgeführt und abgekühlt im Kopf. Was in Film, Fernsehen und Theater Vergangenheit ist, wird in Deutschland zum Teil auch weiterhin eine geteilte Zukunft haben. Jede Hemisphäre hat ihre Schauspieler, die abrufbar bleiben in sehr verschiedenem Gedächtnis. Arno Wyzniewski war einer der beliebtesten Darsteller der DEFA und des Fernsehens: »Die Abenteuer des Werner Holt«, »Und das am Heiligabend«, »Die unheilige Sophia«, »Zement«, »Sachsens Glanz und Preußens Gloria«. Er gehörte zu den Filmgesichtern, deren frühe Einprägsamkeit ein beträchtliches Vertrautsein mit dem Publikum schuf; und diese Vertrautheit war schnell so groß, dass mancher gar nicht mehr wahrnahm, wenn Wyzniewski andere Nuancen spielte; man sah immer »nur« den, den man wiedererkennen wollte. Ein typisches Filmschauspielerproblem. Ein ernsthafter Mensch, ein Künstler, dessen Arbeit keiner Zeit Pionier war und keine Zeit zu Grabe trug. Er war gefestigte Mitte und Gewährsmann dort, wo sich ein gültiger Bestand an DDR-Film- und Theaterkunst festigte. Wirkte in seinen letzen Auftritten wie ein Schatten seiner selbst - und »gewann« so eine tiefe, fast magische Traurigkeit, die über den Ernst der Lage hinwegtäuschte. 1997 ist er gestorben, erst 58-jährig. Über den ND-Videoservice können Sie bei Bestellungen bis zum 23.10.2003 den Film »Die Abenteuer des Werner Holt« auf VHS zum Sonderpreis von 12,75 beziehen. Tel. (030)29390-654, Fax -650 oder E-Mail: videoservice@nd-online.de

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