Palästinensischer Gandhi gesucht

ND-Spendenaktion mit SODI, INKOTA und Weltfriedensdienst / Die »Bücherei auf Rädern« wirbt für Gewaltfreiheit im Widerstand

  • Von Peter Schäfer, Hebron
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Eigentlich sieht es gar nicht gut aus für Nafez Assaily, schon gar nicht in Hebron. Die Stadt im Westjordanland wird vollständig von Israel kontrolliert. Die jüdischen Siedler im Stadtzentrum besetzen immer mehr Häuser, die palästinensischen Bewohner werden vertrieben. Das Bedürfnis nach Rache und die Unterstützung für bewaffnete Gruppen ist hier sehr hoch. Ausgerechnet hier setzt der Chef - Vordenker wäre das bessere Wort - der »Library on Wheels for Nonviolence and Peace (Bücherei auf Rädern für Gewaltfreiheit und Frieden) an. »Diese wütende Energie will ich nutzen«, erklärt der 48-jährige Assaily. »Wenn jemand getötet wird, dann darf das nicht in Vergeltung, sondern muss in eine konstruktive Aktion münden.« Zudem wäre das eine Widerstandsform, an der mehr Menschen teilhaben könnten. Palästinensische Schätzungen besagen nämlich, dass sich nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung direkt an bewaffneten Aktionen beteiligen. Doch Nafez Assaily, der auf einen palästinensischen Gandhi hofft, weiß: Israelische Soldaten schießen auch auf friedliche Demonstrationen. Selbst der Kampf des Mahatma Gandhi, das große Vorbild Assailys, hatte Tote aus den eigenen Reihen zur Folge. Als extremistische jüdische Siedler einen Olivenhain abholzten, organisierte Assaily am jüdischen Neujahrsfest der Bäume eine Wiederaufforstung mit den Dorfbewohnern und lud dazu Rabbis ein. »Etwa zwanzig Soldaten kamen und rupften unsere Setzlinge wieder aus«, erinnert sich sich Assaily. »Aber wir waren dreihundert Leute und damit einfach schneller.« Israels Behörden ist er ein Dorn im Auge. »Ich wurde wegen gewaltfreier Proteste verhaftet und wegen Aufruf zum Staatsstreich angeklagt«, lacht er über den vergeblichen Einschüchterungsversuch. Assaily hörte als Student von der gewaltfreien Variante des Befreiungskampfes. 1979 war das, und er machte sich sofort daran, das Gelernte in die Tat umzusetzen. »Damals lachten die Leute noch, als ich ihnen von Pazifismus erzählte«, erinnert er sich. Bereits zwei Jahre später organisierte er Seminare über Gandhi und Martin Luther King. »Es sind nur wenige gekommen, aber irgendwo muss man ja anfangen.« Dann musste ein professionelles Standbein her. 1985 gründete er mit Verbündeten das »Zentrum für das Studium von Gewaltfreiheit«. »Sehr akademisch war das«, findet Assaily, »eine politische Friedensgruppe war nach israelischem Besatzungsrecht jedoch illegal. Trotz allem war das Zentrum fortan der Kern der Bewegung.« Aber da selbst im Heiligen Land der Berg nicht zum Propheten findet, schaffte sich die Gruppe einen Kleinbus und Bücher über Gandhi und gewaltfreie Traditionen im Islam und anderen Religionen an. Damit besuchten sie Dörfer und Flüchtlingslager, sämtlich Orte, die durch die Hunderten von Straßensperren von den Städten abgeriegelt waren. Aber seit dem Frühjahr 2002 kommt nun auch die Bücherei auf Rädern nicht mehr durch die Belagerungsringe. Zunächst bediente sich das Team eines Esels, sogar der wurde am Ende von den Soldaten in Fußfesseln gelegt. Davon lässt sich Nafez Assaily jedoch nicht unterkriegen. »Wir haben die Fähigkeit zur trotzigen Geduld entwickelt.« Abdul Jawad Saleh pflichtet Assaily bei. Der 71-jährige palästinensische Parlamentsabgeordnete tritt selbst für gewaltlosen Widerstand ein. »Wir organisierten gewaltfreie Proteste und Streiks, boykottierten israelische Waren und Banken. Darauf reagierte Israel mit der Zerschlagung unserer Gemeinderäte und deportierte zahlreiche Bürgermeister und lokale Anführer, die für Gewaltfreiheit einstanden.« Der Durchhaltewille unter schwierigsten Bedingungen ist also da. Die Menschen müssten organisiert und in größerem Stil über gewaltfreien Widerstand unterrichtet werden. Genau diese Idee will die »Bücherei auf Rädern« im nächsten Jahr in Hebron in die Tat umsetzen. Im diesjährigen Gandhi-Sommerlager wurden hier engagierte Jugendliche dafür gewonnen. Eine Friedensfachkraft aus Deutschland - sie wird vom Berliner Weltfriedensdienst e. V. entsandt, der die rollende Bücherei bereits seit 2001 unterstützt - soll nun einen palästinensischen Kollegen anlernen. Gemeinsam bilden sie dann die Jugendlichen zu so genannten Straßentrainern aus, die ihr Wissen an Gleichaltrige weitergeben. So soll die Bevölkerung im Zentrum Hebrons, die in den vergangenen drei Jahren an fast 600 Tagen ihre Häuser nicht verlassen durfte, befähigt werden, den Soldaten und gewalttätigen Siedlern etwas entgegenzusetzen. Gemeinsam und friedlich sollen sie den ...

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