Musealisierung des Momentanen

Christo und Jeanne-Claude: Rückblick und Ausblick

  • Von Peter H. Feist
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Christo und Jeanne-Claude, das sechsundsechzigjährige bulgarisch-französische Künstlerehepaar aus den USA, muss niemandem mehr vorgestellt werden, der oder die auch nur ein wenig Aufmerksamkeit für die bildende Kunst der letzten Jahrzehnte aufgewandt hat und demzufolge auch mitbekam, dass die Anwendbarkeit des Begriffes »bildende Kunst« so strittig wurde wie wohl nie zuvor. Den meisten der rund 5 Millionen Schaulustigen, die im Sommer 1995 vierzehn Tage lang den silbrig umhüllten Reichstag in Berlin bestaunten, war die Definition dieses »Events« wohl gleichgültig, und vielen mögen die Namen der beiden Erfinder und Veranstalter entfallen sein.
Ersteres gehört zu dem Konzept, die Grenze zwischen Kunsterleben und deren sinnlichen Erfahrungen aufzuheben und sich gerade an die zu wenden, die im Umgang mit Kunst ungeübt sind. Das Letztere müssen die zwei am gleichen Tag Geborenen jedoch zu korrigieren suchen, wenn die Firma, die sie bilden, im Markt bleiben soll. Das Logo »Christo und Jeanne-Claude« bestimmt den mittlerweile sehr hohen Preis. Es ist ein Bestandteil ihres an Widersprüchen reichen Prinzips, ihre nur zeitweilig existierenden, aufwändigen, von jedermann kostenlos zu betrachtenden Projekte allein durch den Verkauf von herkömmlichen Kunstwerken an Museen und Sammler zu finanzieren. Deshalb zeigen sie jetzt knapp 400 frühe Arbeiten aus ihrem noch unverkauften Fundus und aus dem Besitz zahlreicher Museen, Sammler und Kunsthandlungen in aller Welt im Berliner Ausstellungshaus Martin-Gropius-Bau sowie Entwürfe zu zwei noch unrealisierten Projekten im Neuen Berliner Kunstverein. Gleichzeitig bietet auch die Galerie Georg Nothelfer Arbeiten an.
Im Gropius-Bau stehen weite, helle Raume zur Verfügung, in die Christo Javachev anziehende und geradezu feierliche Arrangements placierte, so als stünden da Goldpokale und nicht gebrauchte Farbbüchsen, verschmutzte Flaschen und vor allem in Folie oder Sackleinen verpackte Gegenstände. Solche können auch, ironisierend goldgerahmt, an der Wand hängen. Es folgen Zeichnungen, Collagen, Modelle und Fotos zu Installationen aus farbigen Ölfässern, zu Verhüllungen von Gebäuden, Bäumen usw., verhängte Schaufenster und eine üppige Dokumentation des Projekts »Verhüllter Reichstag« mit mehrfach wiederkehrenden Packen der aluminiumbeschichteten Hülle und der blauen Taue. Der begrünte Innenhof des Baues ist während der Ausstellungszeit als Erholungsraum kostenlos zugänglich.
Der bulgarische Maler Javachev riss 1957 nach Paris aus, wo er bald die Frau traf, die vor allem als Organisatorin seiner Vorhaben wirkt und seit 1994 immer als Mitautorin genannt werden muss. Im kleinen Kreis der »Neuen Realisten«, die mit gebrauchten Alltagsdingen als bildnerischen Mitteln gegen die damalige Vorherrschaft der gegenstandslosen Kunst revoltierten, verschnürte er vor allem Pakete aus Folie, die entweder ihren Inhalt nicht erkennen ließen oder etwas verpackten, bei dem das unüblich ist, z. B. ein Motorrad oder nackte Mädchen. Schon 1961 hatte er die Idee, ganze Gebäude zu umhüllen, bzw. stapelte leere Ölfässer, deren Lackierung je nach Firma unterschiedlich ist. 1962 verbarrikadierte er mit ihnen einige Stunden lang eine Pariser Straße, was ein Verkehrschaos hervorrief. Zum selben Zeitpunkt begann er, verhüllte Schaukästen, später ganze Ladenfronten herzustellen. Damit war innerhalb kurzer Frist das ganze seither angewandte Repertoire von Verhüllung, Veränderung des öffentlichen Raumes und temporärer Aktion ausgebildet, das sich seit der Verkleidung von einigen Kilometern australischer Küste (1968/69) in immer gigantischeren Ausmaßen hauptsächlich auf Stadt- oder Landschaftsräume richtet.
Das redelustige, aber theoretisch nicht besonders tief schürfende Künstlerpaar möchte, dass jeweils ein Stück bekannter Realität neu gesehen und damit auch neu bedacht wird, was lm Grunde auf jede künstlerische Tätigkeit zutrifft. Es will ferner, was nicht so selbstverständlich ist, dass dies sowohl massenwirksam, als auch durch Beteiligung Vieler geschieht. Die meist jahrelange Überzeugungsarbeit, um die Genehmigung von Behörden und Grundbesitzern zu erhalten, wird als Bestandteil des jeweiligen Werks aufgefasst. Die enormen Kosten für Material und Hilfskräfte werden durch Verkauf unzähliger, nüchtern informativer und über die Jahre hinweg ziemlich gleichbleibender Zeichnungen Christos und die Bildrechte an den Fotos von Wolfgang Volz und den Fernsehdokumentationen der tage- oder wochenlangen Verfremdungen eines Gebäudes, einer Straße, eines Landstrichs aufgebracht. Damit werden auch Kapitalismus und der jeweilige landesübliche Zustand von Zivilgesellschaft und Bürokratie »enthüllt«. Ob sich die im Kunstverein ausgestellten Projekte zu flatternden, safrangelben Vorhängen über den Wegen des Central Park in New York oder zu einer Art Überdachung von zehn Kilometern des Arkansas Rivers realisieren lassen, steht noch offen.
lm Verlauf der Jahre sind Christos und Jeanne-Claudes Installationen immer farbiger und gefälliger geworden. Der Protest gegen Schwindelpackungen und Abfallsünden ist nur noch Vergangenheit. Die Verhüllungen haben letztlich keine verborgenen Wahrheiten erkennen lassen. Die Bedeutungsgeschichte des deutschen Reichstags, bzw. Bundestags und seines Gebäudes ist nicht dadurch fasslicher geworden, dass das Haus einmal wie ein silbriges Raumschiff erschien. Allenfalls wurde Berlin ein wenig interessanter und »moderner«. Ein verstiegener Einfall aus dem Geist der 60er Jahre und der Nachfolge des Dadaismus sowie ein zweifellos staunenswertes doppeltes Lebenswerk an Aktivität driftet von den verlöschenden Utopien des 20. Jahrhunderts in Richtung Guinness-Buch der Rekorde. Wie für alle Versuche, aus dem Museum in die allumfassende Verschmelzung von Ästhetik, Alltag und Umwelt auszubrechen, bleibt auch hier als letztes Ziel doch nur ein Museum übrig, das für möglichst viel Geld die noch greifbaren Spuren einstigen Wollens ankauft.


Christo und Jeanne-Claude: Early Works 1958-69, Verhüllter Reichstag 1971-95, Berlin, Martin-Gropius-Bau, bis 30. 12., Mi-Mo 10-20. Sa bis 24 Uhr, Eintritt 12 bzw. 8 DM. Gruppen ermäßigt, Führungen. Gropius-Nächte Sa ab 20 Uhr, 2 Katlaoge (Taschen-Verlag). Two Works in Progress: The Gates, Over the River, Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Mi.-Mo. 10-20 Uhr, Eintritt frei. - Objekte Collagen, Zeichnungen, Grafiken, Galerie Georg Nothelfer, Corneliusstr. 3, Berlin-Tiergarten, Di.-F...

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