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Die relative Magnetwirkung von Leistung

  • Von HARALD KRETZSCHMAR
  • Lesedauer: 4 Min.

Rolf Biebls „Mann mit erhobenen Armen vor der „Deutschlandserie“ von Thomas Hartmann

ND-Foto: Burkhard Lange

Farbsignalen und -? Thomas Hartmann mit drei hochsensiblen Flächenbildern, aus Ost Manfred Zoller mit strengen Kubismusstrukturen und Klaus Zylla mit verfitzten Pinselstrichritzgebilden von komischer Turbulenz. Bei der wesentlich knapper vertretenen Bildhauerei sorgt diesmal Rolf Biebl mit seinen überlebensgroß-überlangen Gestaltschöpfungen für plastische Fanfarenstöße. Da halten sich seine Kollegen Mark Lammert und Alexander Sgonina geradezu asketisch zurück, indem sie beim graphischen Improvisieren auf Papier nur einen überzarten Hauch geben.

Fast zu schön, um wahr zu sein, daß just die Könräd-Adenauer-Stiftung dieses Jahr im Maisalon-Sponsoring tonange^ bend ist und die Ausstellung anschließend in eigene Räume in St. Augustin bei Bonn übernimmt. Sollte tatsächlich die Leistung von Ostrplus-West-Künstlern einen gewissen Magnetismus nicht nur in sich, sondern auch nach außen entwickeln? Dann funktioniert offenbar ähnliches bei den Plakatkünstlern. Der hohe Stand der Plakatkultur, zumal zu künstlerischen und kulturellen Themen, war in den östlichen Ländern, allen voran Polen, sprichwörtlich. Die DDR veranstaltete bereits seit 1966 den Wettbewerb um die 100 besten Plakate des Jahres. Einigen nicht gleich auf den Kopf gefallenen Graphik-Designern ist 1990 die Gründung eines eigenen Verbandes, dem Verband der Grafik-Designer e.V (VGD), und die Fortführung dieses Wettbewerbes zu verdanken.

Nun dürfen sich auf gesamtdeutscher Bühne die gegensei-

tigen Anziehungskräfte bewähren: Aus dem Osten eine noch stark zeichnerisch, ja karikaturistisch akzentuierte fast-naive Vitalität, aus dem Westen abgeklärt vornehme visuelle Eleganz, die alle Errungenschaften elektronischer und anderer Techniken nutzt. Gemeinsamkeit und Verbundenheit ergeben sich aus der Kulturnische, in der allein das

hervorragende Plakat noch zu finden ist - Politik und Wirtschaft haben sich längst geradezu lächerlichen „Einschaltquoten“-Mechanismen eines platten Mehrheitsgeschmacks gebeugt. Werbung (um diese handelt es sich ausschließlich bei diesem politökonomischen Brei) legt in Deutschland Wert darauf, dumm zu sein. Und Dummheit, auch wenn sie

noch so gut bezahlt wird, ist für den aufgeweckten Plakatdesigner höchstens der Angriffspunkt inhaltlicher und formaler Aussage. Erklärt sich daraus die Vielfalt satirischer Metaphern, die auch dieses Jahr wieder in dieser Musterauswahl aufzuspüren ist? Oder ist der prägende Einfluß des schon lange nicht mehr nur Ostberliners Volker Pfüller so

übermächtig geworden, daß in sein persönliches Magnetfeld nicht nur die jüngeren Wolf-Dieter Pfennig, Ulrich Schreiber und Thomas Matthaeus Müller gerieten, sondern auch der ältere Erhardt Grüttner?

Da lob ich mir das Musterbeispiel des ganz eigenständig auf DDR-Humus gewachsenen Plakat-Talents Henning Wagenbreth, der verdienter-

maßen den Lorbeer des Ehrendiploms für eines seiner vielen wundersam polyphon komponierten Theaterplakate einheimsen konnte. Die alten, überaus vielseitig-erfolgreichen Theaterplakathasen Frieder Grindler aus Schwaben und Holger Matthies aus Hamburg (hier mit eher matten Beispielen vertreten) werden ihm diesen Erfolg gern gönnen. Immerhin kommen von den teilnehmenden 54 Autoren allein 19 aus Berlin und elf aus den neuen Ländern - damit dürfte der Proporz in Ordnung und eine Variabilität gesichert sein. Wenn nicht mancher Anlaß zum Plakatauftrag zu unscheinbar gewesen wäre (Eigenausstellung, Buchhandlung), wäre die Freude größer Immerhin reagierte die Jury unter Vorsitz von Matthias Gubig positiv auf Veränderungen in der Plakatszene, indem sie einem Fax von Heribert Birnbach aus Bonn das Ehrendiplom für Soziale Plakate zuerkannte.

Und inwiefern sind nun Äpfel und Birnen, Bilder und Plakate, Maisalon und 100 Beste vergleichbar? Weil hohes gestalterisches Niveau, ob nun auf Leinwand oder auf bedrucktem Papier, gewachsen aus humanistischer Gesinnung, nicht mit der Phraseologie politischer Absichten wegzuwischen ist. Wenn das denn Markt sein sollte, der dieses freie Spiel der Kräfte ermöglicht, dann lebe ein Markt, der auch eine Stiftung Kulturfonds leben läßt (Hauptsponsor für die 100 Besten).

Neues Kunstquartier Berlin, Gustav-Meyer-Allee 25 oder über Voltastr 5, Gebäude 13. Fünfter Maisalon. Kunst in Berlin. Bis 28. Mai, Di-So 12-19 Uhr Berliner Stadtbibliothek, Breite Straße 32-34. Die 100 besten Plakate des Jahres 1993. Bis 9 Juni, Mo 14-21, Di-Fr 9-21, Sa 9-16 Uhr

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