Gurus der Hochleistungsgesellschaft

McKinsey-Gesellschaft und die Diktatur der Ökonomie

  • Von Peter Samol
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.
Eigentlich sollte das Buch »Die McKinsey-Gesellschaft« heißen, aber die Unternehmensberatungsfirma McKinsey hat ihr Recht auf diesen Namen geltend gemacht. Das Buch ist dünn, leicht zu lesen und steckt voller Informationen. Darin geht es darum, wie Unternehmensberater unsere Welt umbauen. Irgendwann tauchen Männer mit dunklen Anzügen und Frauen in dunklen Kostümen in der Firma auf, immer mindestens zu zweit. Sie sind überall und verfolgen die Leute, die ihre Arbeit machen, auf Schritt und Tritt. Sie blicken oft auf die Uhr, machen Notizen und stellen Fragen: Was machen Sie da? Warum? Warum machen sie es so? Sie sprechen eine eigene Sprache, Deutsch mit Englisch vermischt und mit seltsamen Worten wie »Reengeneering«, »Outsourcing«, »Produktportfolio«. Sie sind immer freundlich, aber sie strahlen eine unangenehme Entschlossenheit aus. Es sind die Leute von McKinsey auf der Suche nach Nischen am Arbeitsplatz, in denen sich Leute verstecken, die wenig leisten können oder wollen. In der Firma kommt Angst auf. Es geht um Arbeitsplätze, Leute sollen entlassen werden. Plötzlich sind die dunklen Anzüge verschwunden. Irgendwann kommen sie zurück und gehen mit ihren teuren Aktenkoffern direkt in die Chefetage. Wenn schließlich die Betroffenen erfahren, dass sie entlassen werden, sind die Leute von McKinsey schon längst im nächsten Betrieb. McKinsey ist ein Jobkiller. Oft hat diese Firma übertrieben und mehr wegrationalisiert als gut war. Einige Betriebe sind Pleite gegangen, z.B. der Bauunternehmer Holtzmann. Die Sanierung von Wirtschaftsunternehmen reicht McKinsey nicht mehr. Das zweite Standbein ist die Umerziehung der Gesellschaft. Ein Projekt heißt »McKinsey bildet«. Ziel ist eine McKinsey-Bildung, in der die Schule nur noch dazu dient, junge Menschen so rasch wie möglich dem Wirtschaftsleben verfügbar zu machen. Am liebsten würde der Chef von McKinsey schon im Kindergarten ansetzen. Menschen sieht er vor allem als intelligente Maschinen, die unermüdlich Höchstleistungen erbringen sollen. McKinsey berät auch Politiker, Stadtverwaltungen, Theater, Opernhäuser, Kirchen und Krankenhäuser, Buch- und Zeitungsverlage. Das Ziel ist die Verwandlung der gesamten Gesellschaft in ein Unternehmen. Nicht schlagartig, sondern schleichend. Jeder Einzelfall ist erträglich, jeder denkt, es blieben noch unberührte Freiräume übrig. Aber wenn es nach McKinsey geht, dann gibt es bald keinen Bereich mehr, in dem nicht Leistungsfähigkeit das oberste Ziel ist. Man macht sich keine Gedanken darüber, was aus denen werden soll, die nicht mithalten können. Dass man oft genug Trümmerhaufen hinterlassen hat und dass dies auch der gesamten Gesellschaft droht, dafür fehlt jedes Gespür. McKinsey ist nur ein Beispiel in einer Gesellschaft, die den Hochleistungsgedanken zum Götzen erhebt, aber ein wichtiges Beispiel. Seltsamerweise bleibt der Autor Dirk Kurbjuweit in seiner Kritik inkonsequent, trotz all der bedrohlichen Vorgänge, von denen er berichtet. Immer wieder betont er, dass er Konkurrenzdenken und Marktwirtschaft an sich gut und richtig findet. Das klingt fast so, als wollte er die geschilderte Entwicklung nicht wahrhaben und die Gesellschaft wieder gesundbeten. Aber wo soll denn zum Beispiel die Grenze sein, in der Markt und Leistungsdenken noch erträglich sind? Nachdem der Kapitalismus den Kampf zwischen den Systemen gewonnen hat, verliert er die Menschen. Er neigt zum Exzess und mutet ihnen immer mehr Unmenschliches zu. Kurbjuweit erkennt das selbst und beschreibt es auch so. Warum er sich dennoch immer wieder um Rechtfertigung bemüht, bleibt rätselhaft. Wenn man jedoch über diese gebetsmühlenhaften Bekenntnisse einfach hinweg liest, d...

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