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  • Kultur
  • „Das war mein Lebensexil“: Erich Honecker im Originalton des Jahres 1990 auf CD

Zu Risiken und Nebenwirkungen. . .

Seit neuestem habe ich einen kleinen Hausaltar Heimlich im Kommodeneck ist ein kleines Gerät installiert. Daraus tönt es: „Die Zukunft wird zeigen, daß Marx und Engels recht hatten...“ Das könnte mir anstelle einer Schlaftablette schon fast genügen, ginge der von 1 Honecker zitierte Satz nicht noch weiter: „. .als sie zum Ausdruck brachten, die bisherigen Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert, es kommt aber auch darauf an, sie zu verändern.“ Wie man sie verändere, gibt Honi höchst unphilosophisch mit leichtem Ansatz eines asthmatischen Röcheins kund, habe er nachgelesen.

Wir können dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden ganz privat und ganz ergriffen lauschen: Es ist die Stimme eines Abgedankten, des Ikarus nach seinem Sturz, der, im Namen des Sozialismus, einem deutschen Autor (welcher anonym bleiben möchte) im Frühjahr 1990 ein letztes Interview gab. Dieses, auf CD erschienen, zieht in einen Strudel, in ein Wechselbad der Gefühle. Putscht auf, deprimiert, stimuliert.

„Das war mein Lebensexil“ - so der an Udo Jürgens gemahnende Titel, mit dem man sich getrost identifizieren mag, der zum Lebenselixier gereichen könnte. Die CD vereint wesentliche Bruchstücke des autorisierten Interviews: die definitive tonale Ergänzung des Honecker-„Sturz“-Buches von Reinhold Ändert. (Zugleich das bessere Substitut für die „Moabiter Notizen“.) Abrech-

nung, Rechtfertigung, Horizonterweiterung - wen diese runde CD-Sache kalt läßt, der verpennt ein brillantes, bewegendes Stück Zeitgeschichte jenseits Kohlscher Klitterungen.

Vorweg betört Schlummermusik. „Mister Lonely ist einsam heute Nacht“ - das klingt wie eine Parodie auf Erichs Einsamkeit nach dem Mauerfall. „Laß uns miteinander

träumen, Mr. Lonely“, schleicht sich Barmusik ins Gemüt, gesungen vom 60er-Jahre-selig-Sopran der Helga Brauer Damit ist das ironische Warnsignal gegeben. Für Sentimentalität ist kein Raum. Aber für den Bericht eines im angeblich naiven Glauben Gescheiterten. Insofern ist Honis zerhäckselter Monolog kein Interview Post-Staatsschauspiel: Nostalgie und Zynismus. Die zittrige, atemlose Intonation des Gebrochen-Ungebrochenen treibt bis ins Absurde.

Die Fragen, die sich ergeben, sind andere als die vom Reporter gestellten. So findet das eigentliche Worttheater im Hörerkopf statt, vorzugsweise, wenn der - wie Erich 1990 unter Isolation leidet. „Zur Einschätzung der Novemberrevolution 1981“, danke für den Lapsus, Honi, auch heute können manche nicht datieren. Wie lang der 9 November 1989 schon zurückliegt! Den Abstieg der DDR wollen ja im nachhinein viele prophezeit haben. Mit schleppendem Ge-

stus, mal förmlich, mal sehr vertraut, beantwortet der Alte all das, was sein Volk von ihm schon immer mal wissen wollte, sich aber nicht zu fragen traute: wieviele Brötchen er morgens vertilgte, was er zu den Wandlitz-Anwürfen sage, wie er Gorbi, Genscher, Kohl einschätzte.

Wirkungsvoll zitiert er die soziale Frage, deutet den Jahrtausendwende-Kapitalismus

„als die höchste und zugleich letzte Etappe des Kapitalismus“ und bereut aufs Stichwort „Wahlfälschung“ „Wer das inszeniert hat, ist mir bis heute unbekannt.“ Solle mer's glaube?

Als Rhetoriker hatte er zweifelsohne seine eigenen Reize. Wenn Erich H. die humane Kraft des sozialistischen Staates beschwört, in intim-vertraulichem Tonfall, als verrate er ein Geheimnis. Und daß eine Rede aus besseren DDR-Tagen eingeflochten ist, erleichtert die Rückbindung zur Realität unter den neuen Vorzeichen. Zwischen den Silben steckt viel Authentisches.

Zu Gast in Erichs Hirnstübchen fühlt man sich eigenartig verloren. Er habe stets Bier statt Wodka getrunken, raunt er mir am Hausaltar zu, möglichst volkseigenes, „weil es bei uns viel bessere Sachen gab“ als im kapitalistischen Ausland. Eines hatte er mit vielen noch lebenden Bundesrepublikanern gemein: der verhängnisvolle Seelenzwang zur Be-

scheidenheit, zum Klein-Klein, zur Überschaubar- sprich Kontrollierbarkeit, zur Biedermeierlichkeit. Dennoch ließe sich von keinem Politiker solch ein dokumentarisch-historisches Dokument herstellen. Die Irr-, Gut- oder Stargläubigkeit des gefallenen Oberhauptes, das vor dem Hörer wie vor Gericht sitzt und sich entsprechend verteidigt, beeindruckt. Man darf sich mit ihm in innere Zwiesprache begeben, auf den Pfaden des Konjunktives wandeln, ein eigenes Urteil bilden.

Markige Aussagen in Nuschelsoße: Honi plädiert für ein „europäisches Haus“ („öropä'Schas“) mit „offenen Fenstern und Türen“ und mit einer noch. ,zu, schaffenden,„HauS'< Ordnung“ Helga Brauer zwitschert „Mach mal 1 'ne Reise“ nach Leipzig“ „Das Lied der Partei“, ein Moskauer Kinderchor, auch „Die Abschiedsmelodie“ süßen den Honi-(Liebes-)Trunk mit taktvollen Noten. Schließlich geht das Mikrofon nah an die vormals staatslenkenden Hände heran, fängt ein Rascheln, ein Blättern, ein ratlos-selbstbewußtes Hin- und Herschieben von Papieren ein ..... ich blättre nu

hier rum“, sagen Honi und aufbereitender Produzent, und der letzte, oft gehörte Satz schien selten so gefüllt von schlichtem Pathos: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel. “ Oder?

Am 18. Oktober jährt sich der Tag, an dem Honi notgedrungen zurücktrat. Für die Wahl-Qual-Feierei am 16. Oktober, spätestens aber zum Gedenktag am 9 November, sollte man sich das „Lebensexil“ schon mal sichern. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Vor- und Rückseite der CD-Verpackung: „. .in Verbindung mit der Frage- und Antwortstellung, in dem sogenannten Laden. auch im fünften Jahrzehnt. “ Das ist alles andere als ein Schlaflied. Und: Farewell, Honi!

„Das war mein Lebensexil“, Total Time: 67:53, 1994, NE-BELHORN MUSIK, Vertrieb: BUSCHFUNK-Vertrieb, Rodenbergstraße 8, 10439 Berlin, Fon/Fax: 030/444 72 89

GISELA SONNENBURG

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