Rennen um Zukunft der Trabrennbahn

Wird der neue Pferdesport-Park e.V. Retter der traditionsreichen Sport- und Kulturstätte?

  • Von Susanne Statkowa
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Über Berlin lag noch der Rauch der im Bombenfeuer zerstörten Häuser, als am 1. Juli 1945 in Berlin-Karlshorst die Trabrennbahn auf Anregung des ersten Stadtkommandanten der Roten Armee, Generaloberst Bersarin, wieder eröffnet wurde. Bereits 1945 lud die Bahn an 31 Renntagen zu 270 Rennen ein. Die Berliner kamen in Scharen.

Einst viel Trubel rund um die Karlshorster Bahn
Heute sagen nicht wenige Kenner der Szene aus Vorwendezeiten, wenn sie am wenig einladenden Haupteingang zu dem etwa 68 Hektar großen Areal vorbeikommen: »Jetzt ist doch hier tote Hose.« Noch haben sie vielleicht in Erinnerung, dass vor der Wende mindestens 90 Mal im Jahr zu jeder Jahreszeit die eisenharten Traber ihre Runden drehten und die Wetter ihrer Favoriten anspornten.
Nicht nur für eingefleischte Wetter war Karlshorst Anziehungspunkt. Die vielfältigen Rahmenprogramme mit Modeschauen, Reit- und Voltigier-Vorführungen des Karlshorster Rennvereins, das Sulky- und Reiterfest zum Sommerferien-Ausklang für Kinder, Rennen für Jugendgruppen oder das Wohngebietsfest zogen Tausende an.
Mit dem großen Kompaktstall und der modernen Reithalle sowie der Renovierung der Totalisatorhalle und Gastronomie, dem Neubau des Geläufs mit der Lichtanlage wurde das Ambiente in den 80er Jahren weiter verbessert. So entwickelte sich die Trabrennbahn im Laufe der Zeit zum Sport- und Erholungstreff für Freunde des Pferdesports wie für ganze Familien.
Es wurden auch Rennrekorde gefeiert. So sind noch Namen von Pferden wie Hengst Solo aus dem damals volkseigenen Gestüt Prieros in bester Erinnerung. Solo errang einen Rekord von 1:17,9 mit einer Gewinnsumme von 302843 Mark und war der erfolgreichste Traber der DDR. Heute genießt er im methusalemischen Pferdealter von 30 Jahren im jetzt privaten Gestüt in Prieros sein Gnadenbrot.

Im Jahr 2004 sollen 25 Rennen stattfinden
Und heute? Ist wirklich jetzt alles »tote Hose« auf der Rennbahn? Oder wird die in den letzten Jahren Totgesagte zu neuem Leben erweckt? Ein Hoffnungsschimmer waren die am 6. und 24. April unter der Regie des neu gegründeten Pferdesport-Parks Berlin-Karlshorst e.V., dessen Vorsitzender Thomas Hartl zugleich Vorsitzender des Behindertensportverbandes von Berlin ist. Etwa 1000 Zuschauer der Abendveranstaltung des ersten Renntages ließen über 100000 Euro in die Toto-Kasse fallen.
Im Jahr 2004 sollen in Karlshorst 25 Rennen stattfinden. Daneben sind aber auch Zukunftsprobleme zu lösen. Von diesen ist auch der auf dem Gelände seit 30 Jahren beheimatete Reitverein betroffen. Viele Kinder und Erwachsene haben hier das Reiten gelernt. »Damit leisteten wir einen Beitrag zur sportlichen Betreuung und Entwicklung der Kinder«, so Jörn Oltmann, Vorsitzender des Reitvereins.
Von Anbeginn - seit 1974 - dabei ist die Reitlehrerin Christine Böttcher. Allein mehr als 70 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren trainieren gegenwärtig regelmäßig im Voltigiersport und führen Turniere und Veranstaltungen in der Reithalle durch. Sie gehörten übrigens zu den Demonstranten, die im Februar zu Pferd und per Fahrzeug gegen die Pläne der TLG Immobilien GmbH, Nachfolgerin der Treuhand, protestierten.
Die TLG ist Besitzer des Areals und hatte bei der Bezirksverordnetenversammlung von Lichtenberg einen Bebauungsplan favorisiert, demzufolge auf dem Rennbahngelände ein Wohnpark entstehen soll. 500 Wohnungen für 2000 Bewohner sollen das Oval der Rennbahn vom Bahndamm her einkreisen.
Kritiker befürchten, dass dies eher ein Investruinen-Park denn eine begehrenswerte Wohngegend wird. Der Reitverein muss nun den Bauplänen weichen. Die Ställe, die Reithalle, der Voltigierplatz und die Auslaufkoppeln sollen noch in diesem Jahr verschwinden. Erst nach der Protestdemonstration und einem Gespräch mit Bezirksbürgermeisterin Emmrich wurde die Umsiedlung des Reitvereins im Kaufvertrag zwischen TLG und Pferdesport-Park e.V. festgeschrieben.

Fast 40 Hektar Land werden verscherbelt
88 Pferdesport-Park kaufte das noch 37 Hektar umfassende verbleibende Rennbahngelände. Es liegt jedoch klar auf der Hand: Der wirkliche Gewinner des »großen Einlaufs« bei diesem Rennen um die Immobilie ist die TLG. Ihr Bauplan wurde am 18. Februar - ungeachtet der Proteste - von der Bezirksverordnetenversammlung ohne die Stimmen der SPD, CDU und FDP von der PDS-Mehrheit im Parlament abgesegnet.
Die Gegner des Bebauungsplanes wollen den Ausschuss für Stadtentwicklung einschalten, um nachbessern zu können. Etwa 40 Hektar Rennbahnland werden fast ohne Gegenleistung von der TLG für Bauland beansprucht. Der Wiederaufbau der Reitanlage an anderer Stelle ist inzwischen gesichert.
Noch am 7. Juni 2000 wurde von der damaligen TLG-Chefin auf der Rennbahn das »Konzept für die Trabrennbahn Karlshorst« vorgestellt. Danach sollten aus dem Verkauf der Baufelder 86 Millionen DM in das Projekt fließen. Aus diesem Versprechen hat sich die TLG herausgewunden. Unter den jetzigen Umständen ist dies kein glücklicher Start, weder für das Wohngebiet noch für die Erhaltung und Modernisierung der Rennbahnanlagen.

Trotz »Zockerei« hat die Anlage eine Zukunft
Zu jenen, die besorgt die »Zockerei« um die Bahn verfolgen, zählt auch Horst Pohle, Mitglied im Berliner Trabrenn-Verein e.V. und im Reitverein Karlshorst. Von 1972 bis 1983 war er Direktor der Trabrennbahn. Natürlich müsse man die wirtschaftlichen Bedingungen berücksichtigen und auch der Tatsache ins Auge sehen, dass der Pferderennsport in ganz Deutschland in einer tiefen Krise stecke, meint er.
Der 74-Jährige betont aber zugleich: »Dennoch könnte die Trabrennbahn Karlshorst eine Zukunft haben. Sie liegt verkehrsmäßig sehr gut. Der Pferdesport-Park hat die Absicht, neben dem bisherigen Trainings- und Rennbetrieb weitere sportliche und freizeitorientierte Angebote zu machen. Manches könnte aus früheren Programmen reaktiviert werden. Nach der Konzeption des Pferdesport-Parks e.V. soll die Ansiedlung von weiteren Sport- und Freizeitreitern erweitert werden. Das Gelände könnte also nicht nur dem Trabrenn- und Reitsport erhalten bl...

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