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Angehörige klagen über Fehldiagnosen

Scharfe Kritik an Zuständen in Pflegeheimen und deren Unterfinanzierung

Auf dem Symposium der Alzheimer Angehörigen-Initiative (AAI) am Wochenende wurde ein neuer Umgang mit den Kranken und deren Angehörigen gefordert.
Der Geiger Helmut Zacharias ist vielen bekannt. Warum er seit 1994 keine neue CD mehr eingespielt hat, wissen die wenigsten: Helmut Zacharias leidet an Alzheimer. Inzwischen ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass er keine Noten mehr lesen und nicht mal mehr Autogramme geben kann. Ein Fall unter vielen. Schätzungen gehen in Deutschland von etwa 1 Million an Demenz Erkrankten und jährlich 200000 Neuerkrankungen aus.
Zwei Drittel der Demenzfälle entfallen auf die Alzheimer-Krankheit, die bis heute von vielen Ärzten nicht ernst genommen wird. Sie verwechseln oft normale Altersvergesslichkeit mit Alzheimer. Dabei gibt es inzwischen gute, eindeutige Tests. Der einfachste ist die Aufgabe »Elf Uhr zehn«. Der Patient wird gebeten, eine Uhr zu zeichnen, die diese Zeit anzeigt. Wer diese Aufgabe nicht mehr lösen kann, sollte sich in fachärztliche Behandlung begeben.

Helfende Medikamente werden nicht verordnet

Sylvia Zacharias, die Tochter des Geigers, eröffnete das Symposium mit sehr persönlichen Worten, sparte aber auch nicht mit Kritik. Die Pflege der Kranken werde in die Familie abgedrängt, obwohl dafür gerontologische Fachkräfte nötig wären. So würden zwei Drittel der Krankheitskosten in die Familie verlagert. Die Folge: Krankheiten bei den Pflegenden. Die Angehörigen seien oft die zweiten Opfer der Alzheimer-Krankheit.
Zum aktuellen Forschungsstand erklärte die medizinische Sachbuchautorin Annelies Furtmayr-Schuh, dass es noch immer keine gesicherten Erkenntnisse über die genauen Ursachen der Krankheit gebe; dennoch bringe sie zwei gute Botschaften mit: Es gibt Medikamente für Alzheimer-Kranke. Und es gibt Möglichkeiten, sich vor der Krankheit zu schützen. Allerdings warnte Furtmayr-Schuh vor zu großen Erwartungen, die Medikamente Aricept und Exelon könnten zwar die Symptome mildern und so die Einweisung in Pflegeheime verzögern, eine Heilungschance aber gebe es nach wie vor nicht. Die Patienten könnten sich aber wieder besser konzentrieren, liefen nicht mehr weg; die Selbstmordneigung sinke deutlich, und bei Männern nehme die Aggressivität ab. Sie ertragen es oft nicht, bei zunehmender Demenz nichts mehr zu sagen zu haben. Trotz dieser Erfolge werden die beiden Medikamente kaum verordnet. Sie sind teuer und belasten das Budget der Ärzte, die in drei Monaten für einen Rentner maximal 60 Mark ausgeben dürfen. Aricept kostet am Tag 8 Mark. Furtmayr-Schuh empfahl deshalb, sich die Medikamente selbst zu kaufen, wenn der Arzt sie nicht oder nicht mehr verschreiben wolle. Noch wichtiger sei es, bereits bei ersten Anzeichen einen Arzt aufzusuchen und sich nicht mit dem Argument »Vergesslichkeit im Alter ist normal« abwimmeln zu lassen. Alzheimer sei eine Schwellenkrankheit und könne im Anfangsstadium viel besser beeinflusst werden.
Die Autorin befürwortete eine gesunde Ernährung mit viel naturbelassenem Obst und Gemüse. In den künstlich nachgereiften Tomaten würden genau die Inhaltsstoffe fehlen, die für die Kranken wichtig sind. Hier sei auch in den Pflegeheimen noch viel zu tun. Denn wer immer der Vater der Krankheit ist, die Mutter ist die Ernährung, zitierte Furtmayr-Schuh eine chinesische Weisheit.

Tagebuch führen und Zweitgutachten einfordern

Tipps für den Umgang mit Gutachtern der Pflegekassen gab danach der Sachverständige Siegfried Buttjes. Angehörige sollten jedes Gutachten als Kopie anfordern und bei Zweifelsfällen auf einem Zweitgutachten bestehen. Scharf kritisiert Buttjes die Praxis, dass die Zweitgutachter fast immer das Erstgutachten lesen würden, bevor sie sich selbst mit dem Fall befassen würden. Damit aber sei ein objektives Zweitgutachten nicht mehr möglich. Er empfahl allen Angehörigen, ein genaues Pflegetagebuch zu führen, bevor der Gutachter kommt. Je genauer das Tagebuch sei, desto größer seien die Chancen, eine angemessene Pflegestufe zu bekommen. Insbesondere der erhöhte Zeitaufwand für aktivierende Pflege werde von vielen Gutachtern nicht ohne weiteres anerkannt. Auch Mehrfachverrichtungen müssten genau dokumentiert werden.
Günter Queißer, AAI-Vorstandsmitglied, forderte von den Ärzten und Pflegeheimen, die Angehörigen der Erkrankten als Partner anzuerkennen und nicht als Störfaktor zu diffamieren. Für die Defizite in der Pflege nur Ärzte und Pfleger verantwortlich zu machen, greife zu kurz, so Queißer. Das qualifizierte Personal werde oft aus Kostengründen reduziert oder durch Hilfspersonal ersetzt. Bis heute gebe es keine gesetzliche Regelung, wofür Pflegeheime das viele Geld ausgeben dürfen, das sie bekommen. So gebe es gute preiswerte Heime und teure schlechte. Der gute Wille der Pflegenden reiche oft nicht aus. Ob die Patienten menschliche Zuwendung bekämen, sei indes keine Frage des Geldes. Die Angehörigen sollten auf ihren Rechten bestehen und eine Partnerschaft mit Heimleitung und Pflegekräften anstreben. Diese Gratwanderung sei zwar schwierig, aber es lohne sich.
Kontakt: Alzheimer Angehörigen Initiative, Frau Drenhaus-Wagner, Tel. (030) 47378995 oder www.alzheimerforum.de

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