Die Show unterm Kreuz

Andrew Llyod Webbers »Jesus Christ Superstar« hatte in Cottbus Premiere

Wann hat es das schon mal gegeben? Die Jubelfeier findet unterm Kreuz mit dem angenagelten Jesus statt. Das ist der Tiefpunkt dieser »Oper«, einer Mischung aus Rockmusik und Symphonismus, die in den frühen 70er Jahren mit viel Businessbegleitmusik auf die Bühne kam und die Zerstreuungswelt beglückte.
Fragt sich, was die Leute vom Staatstheater Cottbus angetrieben hat, diese Webber-Klamotte neu aufzulegen? Wo doch Hollywood gerade einen neuen Jesusstreifen kreiert hat. Viel Blut soll darin fließen und die Judenchöre sollen lauthals Christus niederschreien und seinen Tod fordern. In diese Kerbe haut auch Mister Webbers »Werk«, und Michael Apels Inszenierung stört sich nicht mal daran.
»Jesus Christ Superstar« (Text: Tim Rice) sei ein Meilenstein in der Geschichte des Showbusiness, eine Revolutionierung des Musicals, riefen die Marktschreier zur Broadway-Premiere 1971, als die Studentenunruhen in den USA und Westeuropa noch nachzitterten. Die »erste Rockoper« dürfte seinerzeit gut gepasst haben. Sie verabreichte einem unruhigen Bewusstsein (Jesus: »Die Welt ist nicht änderbar«) gleichsam eine Beruhigungspille und konterkarierte die Hoffnungen auf Umwälzung einer aufbegehrenden Jugend. »Superstar« ist eigentlich ein verkapptes Passionsspiel mit allerlei melodiösem Süßzeug und pathetischen Pop(p)fantasien im 4/4-Takt. Es erzählt die letzten Tage, bevor Christus am Kreuz stirbt. Judas ist in dem Stück der potenzielle Terrorist und Gegenspieler des Jesus. Erst ist der abtrünnige Jünger Antreiber der Widerständigkeit gegen die römische Besatzungsmacht, dann Komplize der jüdischen Hohepriester, schließlich in sich zerrissener Verräter. Wenn Judas nach Kampf schreit, schreit er mit der Stimme des ewig Hintangesetzten. Der Superstar, ein Magier, kein Mann der Tat, verleugnet indes seine Gaben der Heilung und der Bereitschaft zum revolutionären Handeln und ergibt sich schließlich todessehnsüchtig dem Willen Gottes. Erstaunlich, »Superstar« hat einen frauenemanzipatorischen Aspekt. (Die jüdischen biblischen Quellen sind voll von Animosität gegen die Frau, die geringeren Wert habe als der Mann.) Anders bei Lloyd Webber. Die weiß gekleidete schöne Maria Magdalena (Heidi Jütten) bildet einen Mittelpunkt. Ihre anrührend-rührseligen Songs gelten dem Meister, dem sie bis in den Tod die Treue hält.
Die Cottbuser Umsetzung brauchte 121 Mitwirkende, um den Webber-Schinken in Bewegung zu halten. Was für ein Aufwand in Zeiten knapper Staatstheaterkassen. »Jesus Christ« ist durchweg arm an Musik. Oper? Jeder Takt einer Mozartarie übertrifft das ganze »Superstar«-Geheule um ein Vielfaches. Aus dem Sängerpersonal stechen Andreas Jäpel als Pilatus und Tilmann Rönnebeck als Kaiphas heraus. Sie kommen dem Opernduktus am nächsten. Schwer haben es der Superstar (Hardy Brachmann) und Judas (Hans Anacker). Oft zu laut und aufgeregt und vor allem musikalisch allzu dürftig ist, was sie über Kontaktmikro an Stoff zu adressieren haben.
Problematisch sind die Schlussszenen. Eine indifferente Masse, es sind ohrenbetäubende Judenchöre, schreit den Juden Jesus nieder. Das ist das alte Muster. Hitler hat es in den Satz gefasst: Die Juden haben Jesus umgebracht, darum haben sie kein Recht zu leben.
Zwar stellt die Aufführung Pilatus als den Befehlsgeber in den Vordergrund. Aber Roms Schandtaten der Kreuzigung - sie gehörten einst zum römischen Recht, nicht zum jüdischen, und kosteten tausende jüdische Insurgenten das Leben - werden letztlich weißgewaschen, noch weißer als im Evangelium des Johannes. Es geht nicht mehr nur ums eigene Überleben, wenn Freudentaumel herrscht unterm Kreuz, ehe die romantische Schlussmusik, eine polyphone Orchesterpartie, einsetzt.
Was überhaupt nicht reflektiert worden ist: Das Problem der Tötung Jesus führt weit zurück in die Geschichte und - zur Shoa. Webbers »Jesus Christ« nimmt der unseligen Tradition, die Juden seien schuld, nicht die Spitze oder legt dieselbe bloß, sondern verstärkt sie. Die Regie hat das gar nicht bemerkt.

Täglich bis 27. Juni, (außer am 24.), en suite vom 14. August bis 22. August (außer am 16. u.19.), Karten im Besucher-Service unter 01803 / 44 03 44 (9 Cent/Min.), www.staatstheater-cottbus.de

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