Vom Anstand

Eine britische Studie stellt »heftig nachlassender Anständigkeit« unter Arbeitslosen fest. Auf den Sozialämtern häuften sich »unhöfliches Benehmen, Ausfälle gegen Mitarbeiter, grobes Verhalten«. Bewerbertraining müsse daher künftig gekoppelt werden mit mahnender Beratung, »sich auch unter komplizierten persönlichen Bedingungen allgemeinen Anstandsregeln« zu unterwerfen. Vieles geschieht zwischen Menschen, das zweifellos dazu angetan wäre, sie nervös zu machen. Wenn nun aber jeder gleich seiner Nervosität freien Lauf lassen wollte! Unvorstellbar. Die Erfinder der Zivilisation - die Gegenwart hier zu Lande lässt uns mehr und mehr denken, dies müssten einzig und allein Mitglieder der FDP gewesen sein - haben sich deshalb das so genannte gute Benehmen ausgedacht. Das die Stimmen dämpft, die Gebärden mäßigt, den Farben der Beziehungen das Grelle nimmt. Wie aber benimmt sich nun ein Individuum anständig, das man zu unfreiwilliger Erwerbslosigkeit verurteilt hat? Da stößt man einen Menschen in aller gesetzlichen Form aus den Reihen der anständigen, also arbeitenden Menschen - und mahnt ihn dann noch, dies gefälligst wie ein anständiger Mensch zu tragen. Die Satzungen, die das Verhalten in gesitteter Gesellschaft regeln, lassen diesen oft unvermeidbaren Fall des Aussortiertwerdens leider unberücksichtigt. Diese Satzungen wissen Antwort auf viele heikle Fragen, vor die das unberechenbare Leben den Anständigen stellen mag - etwa, wie man korrekt Austern oder Spargel isst. Aber wie benimmt man sich anständig bei Kündigung? Dankt man dem Chef? Und wie? Mit Worten oder nur mit einer Verbeugung? Hält man den Kopf bescheiden und verständig gesenkt oder darf es doch ein offener Blick ins Gesicht des Geschäftsführers sein? Ein Fauxpas ist schnell begangen. Ist Erbleichen gestattet? Ab wann geziemen sich Tränen? Verlangt der fortgesetzte Aufenthalt auf Arbeitsämtern wehmütiges Lächeln oder demütigen Ernst? Der Leitfaden für gute Manieren hat, wie man sieht, empfindliche Lücken. Keinesfalls gehört es sich, zu schreien. Da hat die britische Studie Recht, und das gilt auch in Deutschland. Schrei oder Zornesausbruch sind unpassend und geht anderen Anwesenden auf die Nerven. Dies widerspricht aller Konvention, wie sie unter anständigen Leuten gilt. Also: Auch ein Langzeitarbeitsloser - wenn er denn weiß, was sich gehört - muss sich selber immer dort haben, wo ihn di...

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