Bilanz des Elends

TV-Tipp: »Arbeitsmigranten in der EU«

  • Von Gitta Düperthal
  • Lesedauer: 3 Min.
Themenabend »Eine Handvoll Euros - Arbeitsmigranten in der EU« auf arte: Es ist eine Bilanz des Elends, die Rolf Pflücke in seinem Film »Europas neue Sklaven« dokumentiert. »Wir sind wie zerschnitten, die Seele ist in Marokko, der Körper hier«, sagt ein Marokkaner, der sich illegal in den Treibhäusern Spaniens, »El Ejido«, verdingt. Er ist einer von rund 17000 Saisonarbeitern, die meist ohne Papiere und demzufolge auch ohne Sozialversicherung und Krankenkasse mit Niedriglöhnen von 3,50 Euro in der Fremde leben. Arbeiter aus islamischen Ländern hätten es seit dem Anschlag in Madrid besonders schwer, sie würden von den Bauern kaum mehr eingestellt, das Klima sei zunehmend rassistisch, ist zu erfahren. Der Film berichtet über zerrissene Familien, zeigt Eltern, die sich für ein paar Euro bei der Gemüseernte ihren Rücken ruinieren. Eine Szene geht es ins Detail: Ihren Kindern schicken sie aus der Ferne monatlich 50 Euro. Der dreifache Betrag, 150 Euro, wird an Schlepper überwiesen. Die Lebensqualität der Tagelöhner, so zeigt der Film, reduziert sich auf ein monotones Arbeiten, Schlafen, Fastfood-Einnahme. Unterdes verdoppelten die Zwischenhändler ihren Gewinn. Der Kilopreis für das Gemüse falle entsprechend, was wiederum die Bauern veranlasse, die Löhne weiter zu drücken. In Pflückes Film bleibt es jedoch bei der Bilanzierung zunehmender Ausbeutung und Missachtung der Menschenwürde. Zwar kommen Experten wie Raymond Gétaz vom Bürgerform in El Ejido, Wendy Peters vom Comité Bio Suisse und Abdel Kader Ataya von der Gewerkschaft SOC zu Wort, doch sind sie im Film nur gefragt, um mit ein, zwei Sätzen zur Bestandsaufnahme der Unmenschlichkeiten beizutragen. Es gibt keine Analyse, mögliche Maßnahmen zur Gegenwehr werden nicht erörtert. Auch der zweite Film des Themenabends, »Jobnomaden« von Ulrike Baur, hebt hauptsächlich die Konkurrenz der Armen gegenüber den Ärmsten ins Bild. »Solange die anderen nicht schlechter arbeiten, sollen sie ruhig kommen«, werden Osteuropäer zitiert, die sich von Nordafrikanern abgrenzen. »Schmutzkonkurrenz« nannte Karl Marx dies dereinst. Ob solche Fernsehbilder dazu beitragen, die zunehmende Entsolidarisierung zu verdeutlichen und zu problematisieren? Oder werden so etwa gar bestehende Vorurteile verfestigt? Auch Baurs Film geht nicht über eine bloße Schilderung der Verhältnisse hinaus. Interessant ist, dass einer der osteuropäischen Tagelöhner gegen neue europäische Regelungen argumentiert: Mit der Schattenwirtschaft habe man wohl mutmaßlich besser leben können. Doch dieser spannende Ansatz wird leider nicht weiter verfolgt. Interessant wäre gewesen, EU-Politiker mit solch kritischen Auffassungen zu konfrontieren und zu hinterfragen, was die Öffnung Europas tatsächlich für die illegalen Tagelöhner bedeutet. Wichtig wäre auch, an verantwortlicher Stelle nachzuhaken, wieso eigentlich jede Gesetzgebung automatisch mehr Repressionen für die sozial Schwachen befürchten lässt. Dennoch sind beide Dokumentationen durch die Präzision der Schilderung durchaus sehenswert. Immerhin wird somit ein weitgehendes Tabuthema an die Öffentlichkeit gebracht. arte, ab 20.45Uhr

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