Der Langsam-Geher

Zum Tode des Schriftstellers Hanns Cibulka

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 5.5 Min.
Mir fällt zuerst das Wort Nachtwache ein. Es hätte aber auch Rebstock oder Lichtschwalben sein können. Oder Schwesternwort. Nachtwache also: »Das Bedeutendste, was man einem Menschen mitgeben kann, wenn er auf Nachtwache geht, ist nicht das Gewehr, es ist der Schlüssel, der ihm die Tür zu anderen Menschen öffnet. Überall dort sollten wir Nachtwache stehn, wo der Mensch in Gefahr ist, wo man ihn ausweist, unterdrückt, im eigenen Land heimatlos macht ...« So gebotsfest, so hemmungslos zuwendungswillig, so unwandelbar gutmenschlich schrieb Hanns Cibulka. Die Dichtung des Lyrikers und Tagebucherzählers ist eine Literatur der spirituellen Überwindung von etwas, das man vielleicht Modernität nennen kann. Diese Literatur ist Ausdrucksform eines Schriftstellers, der weit zurückreichende Witterungen hat, der ein »Vergangenheitsorgan« besitzt, wie Botho Strauß es formulierte, und er meinte damit eines Schriftstellers Sensibilität für jene innere Biografie des Menschen, die mehr ist als die Summe seiner Tage und Jahre. Cibulka hat den Monte Cassino zum Anlass seiner Tagebücher genommen und Thüringer Landschaften um Naumburg, Kochberg, Erfurt. Oder die Höhenlagen um Tambach (»Dornburger Blätter«, »Liebeserklärung in K.«, »Tagebuch einer späten Liebe«, Wegscheide«); er hat Hiddensee und Rügen (»Sanddornzeit«, »Swantow«) ein literarisches Denkmal gesetzt und spät noch einmal seine Heimat am Fuße des Altvatergebirges besucht (»Am Brückenwehr«). Immer wieder durchklaren Frauen - Eva, Halina, Ruth und Mnemosyne - die Reflexionen. Die Tagebücher, ob »Umbrische Tage«, »Heimkehr der verratenen Söhne« oder »Sonnenflecken über Pisa«, sind auch Auskünfte über Lese- und Hörstunden: Wer Cibulka liest, bekommt Lust an Goethe und Meister Eckhart, an Bach und Schubert, an Rilke und Hauptmann, an Jünger, Ezra Pound und Franz von Assisi. Die Notizen sind Zeugnisse einer Vergewisserung von Halt und Aussicht bei den Vorboten, den mächtigen Propheten der Erinnerung - die auftreten, um Risse zu heilen, Kontinuitäten zu gewährleisten; Schreiben als Aufenthalt in einem Humanismus, der nur im Kunstwerk sicheres Asyl findet. Von großer Kraft seine Landschafts- und Kirchenbeschreibungen, überhaupt seine Zwiesprache mit Schöpfer und Schöpfung. Immer ist der reisende Cibulka ein bescheidener, anspruchsloser Zeitgast in kleinen, schmucklosen Zimmern - der aber mit seiner grüblerischen Fantasie und seiner unaufgeregten Neugier in die Welt drängt. »Vor dem Fenster,/ wie sich das Laub der Jahre setzt/ und wie die Wege/ heller werden.« Der Dichter aus Gotha, Jahrzehnte Leiter der dortigen Stadt- und Kreisbibliothek »Heinrich Heine«, später in seiner Finnhütte bei Tambach-Dietharz wohnend und schreibend, ist zum Herzton-Setzer derr »verratenen Söhne« geworden - jener Generation also, die ihre unheilbare Lebenswunde in den Schlachten des Zweiten Weltkrieges zugefügt bekam. Gefesselt an die Uniform, wurde da einer mittels Literatur zum frei Sinnenden; gebunden an fremden Befehl, fand er in klassischer Kultur das Eigene, das überleben half. Der Landser, »unter bekümmertem Himmel« und »auf empörter Erde« das Land der Griechen mit der Seele suchend. Cibulka, 1920 im mährisch-schlesischen Jägerndorf geboren, ist zudem Vertriebener, war US-amerikanischer Kriegsgefangener auf Sizilien, wurde zum Umsiedler im Osten Deutschlands, erfuhr die DDR, deren ermutigenden Beginn, deren erschöpfende Existenz, deren überraschend-euphorische Reformsekunde, deren Übergang in die abschließende Kälte der Industriegesellschaft. Das »Sperrfeuer der Abwicklung«. Dahinein gebettet (gebettet?) diese kleine bürgerliche Biografie, gelebt ohne Schroffheit, ohne Vehemenz, ohne Radikalität in den Entschlüssen. Ein Langsamgeher. Aus Alltag wurde immer wieder nur Alltag. Immer befasst mit Wurzelgrabung, aber leider: »Das Sternbild Heimat leuchtet/ wortlos«. Ausgesetzt den rundum agierenden kalten Technikern der Weltdurchleuchtung, aber glücklicherweise: »Unauffindbar bleibt in der Landschaft/ die Erinnerung stehen«. Umgeben von den forschen Lotsen des sicheren Sinnbesitzes, aber: »Wir sind das Vergangene und haben doch kein Zuhause, wir sind das Werdende und können doch nicht in ihm wohnen.« Dies alles beobachtet in leiser Trauer, ertragen mit tapferer Milde, geschrieben in demütiger Tonlage und mit dem hartnäckigen Drang zum Innehalten. Verhaltensweisen sind das, die den Menschen dazu prädestinieren, schnell übersehen, missachtet, vergessen zu werden. »Ich habe nichts als das Wort, diese Landschaft mit dem siebenfachen Echo.« Cibulka lebt in Sprache, er rettet sich in Sprache, um doch nur umso ausgesetzter, schutzloser, erschütterter zu sehen, was so wehtut: »Die Räume zwischen unseren Worten sind größer geworden, Meere haben sich dazwischengeschoben, Kontinente und in den letzten Jahren - das Schweigen.« Geschrieben 1970. Die Tagebücher und Gedichte (u.a. »Arioso«, »Windrose«, »Lebensbaum«) sind Verteidigung einer Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen: seiner doppelten Eingespanntheit - einmal in die realen Verhältnisse, aus denen heraus wir unser Wollen und unser Wünschen definieren, und zum anderen in jene träumerischen Versuchungen, die dieses real Mögliche ständig übersteigen wollen. Das »Es ist erreicht« der liberalen Demokratie, bei dem jedes Ding zur Reklame für sich selbst und jede technische Neuerung zur quasikopernikanischen Wende ausgerufen wird, um einen Markt dafür herzustellen - diesem falschen Endzustand, der unser Leben nunmehr so stark durchdringt, setzt Cibulkas Werk, ganz im Lessingschen Sinne, ein Warten im Dasein entgegen. Wider jene zahllosen Konzepte des Wohlseins, die man kaufen kann. »Ein Dämon hat das Herz in Ketten gelegt: das Geld«. Cibulkas Geist ist ein Träumen, das die Fähigkeit des Menschen zur Vervollkommnung nicht aufgeben will. Da ist also noch, wenn auch gebrochen: Fernerwartung. Erwartung in eine Zeit, da der Mensch aufwacht, »getroffen von einem Tag/ der keine Lüge kennt«. Aber diese Erwartung gewinnt ihre Unverzichtbarkeit freilich aus dem gleichzeitig mahnenden Blick auf jene Dinge, die den Übermut des Geistes beständig in Schach halten: Seele, Furcht, Krankheit, Erinnerung. Und immer wieder Krieg, denn der Mensch, »das Flammentuch der Städte/ als Standarte,/ ist auf dem Weg,/ die Hölle zu erkunden.« Cibulka lobte mit der Silberdistel (»zart im Wuchs, streng in der Form, unbiegsam im Geiste«) eine Naturschönheit, die im Schatten der anderen leuchtet; Metapher wohl auch für die Umstände seiner eigenen Existenz. Auf der einen Seite hat er, kühn und naiv, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ins Gedicht zu zwingen versucht, und andererseits formte er freilich seine bitteren ökologischen Ahnungen zum warnenden Bild: »Irgendwo/ in unserem Jahrhundert,/ das den Himmel verkommen läßt,/ die Mondschale mit Atomstaub füllt,/ den Regenbogen/ auf die Folterbank spannt,/ haben wir unsern Namen verloren.« Die Liebe, die Leidenschaftlichkeit und der aufgeweckte Spürsinn, mit der Cibulka immer wieder Fauna beschrieb - es klingt heute wie ein Hinweis darauf, dass im Pflanzenreich das Universum reiner und deutlicher spricht als in der Menschengeschichte: Als sei da in jeder Blüte und jeder Wiese die Ahnung einer mächtigen Mitte, als finde da eine Spiegelung der Gestirne statt. Poesie in natura. Und als sei eben, im Sinne von Blochs Staunen über unsere noch vorgeschichtliche, offene Existenz, durchaus humane Vervollkommnung vorstellbar - aber nicht, indem wir uns als Sieger der Geschichte, sondern als Sinn stiftende Möglichkeit einer Natur begreifen, deren abhängiger Teil wir sind. Diese Möglichkeit gab Cibulka dichtend nie auf, auch wenn seine Töne in den letzten Jahren resignativer wurden. Aber er sah diese Möglichkeit eben nur dann als erreichbar, wenn wir das Höhere, Unbegreifliche in unser Werk nehmen und damit mehr meinen als nur immer uns selber: »Solange noch ein Wort/ an deinen Augen sich entzündet,/ Leben,/ bleibt das immer zu Nennende:/ Erde, Wasser, Luft«. Han...

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