Ronaldo - ein exzellenter Stoßstürmer

  • Von Peter Ducke, 68-facher DDR-Nationalspieler
  • Lesedauer: 2 Min.
Ich habe mir zunächst für ein paar Minuten im TV das Spiel Griechenland gegen Russland angesehen, aber eigentlich ging es ja hier um wenig. Die Griechen standen fast schon im Viertelfinale, und die Russen waren raus. So schaltete ich sehr schnell zur Partie Portugal kontra Spanien um. In diesem hochbrisanten Duell trafen zwei Mannschaften mit südländischem Temperament aufeinander. Beide standen mit dem Rücken zur Wand: Beide mussten bedingungslos ihre Chance um den Viertelfinal-Einzug suchen. Ich war gespannt darauf, wie die Portugiesen mit den Motivationsschüben zurecht kommen: Zum einen hatten sie über zwei Jahrzehnte lang nicht gegen den Angstgegner Spanien gewinnen können - dieser Negativsserie wollten sie ein Ende bereiten. Zum anderen standen sie mächtig unter Druck als EM-Gastgeber. Bloß nicht ausscheiden. Das wäre blamabel für den portugiesischen Fußball gewesen. Das Stimmungsbarometer war also erheblich angestiegen. Beide Mannschaften hielten über 90 Minuten, was sie versprachen. Kein gnadenloser Fight, bei dem das Fußballspielen in den Hintergrund tritt. Es war ein unheimlich bewegtes Spiel, temposcharf und auf technisch hohem Niveau. Beide Teams boten Angriffsfußball vom besten. Keine taktischen Geplänkel, keine Defensivhaltung. Nicht Pressfußball zwischen den Strafräumen, bei dem die Torhüter kalte Hände bekommen, sondern Angriff über Angriff, mal die Portugiesen, mal die Spanier. Da lachte das Fußballerherz. Neben vielen schönen Einzelaktionen auf beiden Seiten, die das Spiel belebten, begeisterte mich am meisten, was so ein Stoßstürmer wie der Portugiese Cristiano Ronaldo drauf hat. Es ist fast ein Double des brasilianischen »Wunderstürmers« Ronaldo von Real Madrid. Ich habe ja auch zu meiner aktiven Zeit in der Rolle als Stoßstürmer versucht, mit schnellem Antritt, trickreich und mit vielen Körpertäuschungen den Gegner auszumanövrieren. Wie das Ronaldo gegen die technisch beschlagenen Spanier demonstriert hat, war allererste Klasse. Dass die Spanier am Ende rausgeflogen sind, lag ganz simpel gesagt daran: Schön gespielt, aber im gesamten EM-Turnier zu wenig Tore geschossen. Doch sollte man auch nicht übersehen, dass es eine junge Mannschaft ist, von der man sicherlich zur WM 2006 einiges mehr erwarten kann. Und die Portugiesen? Sie dürften ihre Hemmungen als EM-Gastgeber abgelegt haben. Ich erwarte sogar noch ein, zwei Leistungsschübe und vermute mal, dass sie im Viertelfinale dort weiter machen werden, wo sie im letzten Gruppenspiel aufgehört: beim attraktiven Angriffsfußball.

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