»Schludrig und selbstverliebt«

Heute erscheinen in den USA die Memoiren von William Clinton

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: ca. 2.0 Min.

Mit seinen Memoiren »My life«, die heute in den USA erscheinen, wird Ex-Präsident William Clinton wieder zum Medienstar.

Für die 957 Seiten, auf denen William Clinton zum einen seine Kindheit und jungen Jahre, zum anderen die acht Jahre seiner USA-Präsidentschaft ausbreitet, hat der neue und alte Medienstar vom Knopf-Verlag eine Vorauszahlung von sagenhaften zehn Millionen Dollar erhalten. Mehr als zwei Millionen Vorbestellungen haben das Werk, das heute in den meisten USA-Buchläden ausliegen wird, schon zu einem der größten Kassenschlager aller Zeiten gemacht. Diversen Teilvorveröffentlichungen, Interviews und Kritiken zufolge ist der Inhalt für die Geschichtsschreibung allerdings irrelevant. Clinton weicht in »My life« an keiner Stelle vom Dogma der »nationalen Sicherheit« ab. Interna aus dem Weißen Haus über Entscheidungen, die die amerikanische oder Weltgeschichte maßgeblich beeinflusst haben, darf man von ihm nicht erwarten. Weder zu islamistischen Fundamentalisten wie Osama bin Laden noch zur Demontage des Sozialstaatssystems unter seiner Regie. Vielmehr psychologisiert der erste USA-Präsident nach dem Ende des Kalten Krieges über seine Befindlichkeiten während seiner Amtszeit, womit er die Mainstream-Leserschaft bedient. In der jetzt veröffentlichten Besprechung der »New York Times« erntete er dafür einen Totalverriss. Clintons Autobiografie sei »schludrig, selbstverliebt und oft zum Einschlafen öde«, »ein schlampiger Mischmasch« der Präsidentenerinnerungen, teils »Politleitfaden, teils Bekenntnis, zum Teil Propaganda und zum Teil Präsidentschaftsarchiv«. Einziges Glanzlicht sei die Beschreibung seiner Jugend im Heimatstaat Arkansas. Wie bei keinem anderen Präsidenten war die Öffentlichkeit - vermittelt von den Medien, die auch bei Clinton das leicht zu verdauende »Persönliche« in den Vordergrund stellten - von ihm entweder fasziniert oder angewidert. Den unstillbaren öffentlichen Appetit nach Clintons Privatleben versucht der Autor nun mit entsprechenden Darstellungen zu stillen: von der Innenschau auf die Ehekrise mit Gattin Hillary bis hin zu Erörterungen, wie ein Erwachsener mit Kindheitstraumata zurechtkommen könne. Es geht Clinton dabei um die psychologische Aufarbeitung des Lewinski-Skandals, seiner Sexaffäre mit einer Praktikantin im Weißen Haus. Während sich Clintons ehemalige Gegner Presseberichten zufolge erneut formieren, um publizistisch darauf zu pochen, erst Präsident George Bush habe »die Ehre des Weißen Hauses wiederhergestellt«, hoffen die Demokraten, über die Clinton-Memoiren zusätzliche Punkte für ihren Kandidaten John Kerry einfahren zu können. Clinton tingelt täglich durch die großen TV-Networks, und er wird in den kommenden Wochen in Dutzenden von Buchläden Autogramme unterzeichnen - jeweils unterfüttert mit Kritik an der Bush-Regierung. Und nicht zuletzt zählt Clinton, der eine treue Demokraten-Fangemeinde um sich schart, weiterhin zu den wichtigsten Sp...

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