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Die Oper als Kaspertheater

Von Ernst Kulcsar

Ernst Kulcsar kommt aus Rumänien und lebt seit 1984 als Journalist in Nürnberg.
Es herrscht in Deutschland der Zustand, den die Maghrebiner weise mit der Sentenz »Im Hause des Gehängten soll man nicht vom Strang sprechen« umschreiben. Nun wird den Maghrebinern ein ausgeprägter Sinn für Realitäten bescheinigt, Sinn, den die CDU-Chefin Angela Merkel im »Spiegel« bei den Sozias vermisst, fragt sie doch, ob »Schröder nicht unter einem Realitätsverlust leidet«. Fast im gleichen Atemzug gibt sie, was die Reformen in Deutschland betrifft, zu: »Wir sind nicht so viel schlauer.« Das mag stimmen, und es klingst genauso nach Pfeifen im Walde, wie auch der optimistische Titel im jüngsten »Stern«: »Wir sind besser, als wir glauben.« Und eine Tageszeitung aus Sachsen verdirbt sogar allen Flugpassagieren den Appetit mit der Meldung »Lufthansa würzt Menü mit sächsischen Köchen!« Trotzdem wird der Nutzer unserer Medien feststellen, dass sich der deutsche Blätterwald, Radio und TV langsam auf die SPD einschießen, wenn auch der »Spiegel« sich eingehend mit den Memoiren von Bill Clinton befasst und sogar die Praktikantin Monica Lewinsky und ihre Reize nicht vergisst. Im »Stern« dagegen wettert Hans-Ulrich Jörges, die SPD möge »endlich den Mut zur Ehrlichkeit aufbringen, die Courage, schönfärberischem Opportunismus zu widerstehen«, weil sie sich sonst »als Volkspartei im Misstrauen des Volkes auflöst wie Hühnerfleisch in Salzsäure«, und in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« stellt Wolf Schmiese fest: »Die SPD liegt in Scherben«. In einigen ostdeutschen Wahlkreisen ist sie ohnehin kaum mehr als eine Splitterpartei. Ex-SPD-Vize Hans Koschnik legt in der »Welt am Sonntag« den Finger auf die Wunde: »Das Problem der Politik ist doch, dass sie den Bezug zur sozialen Wirklichkeit verloren hat.« Gesetze gegen Gen-Nahrung und dicke Kinder, Verordnung von Eliteuniversitäten und Lehrstellenpflicht zeugen davon, wie sehr die SPD ihr »Selbstbewusstsein und damit auch ihr Sendebewusstsein verloren« hat. Nur möge das ja nicht irreführen. Der maghrebinische KP-Chef hatte Ende der sechziger Jahre durchaus Realitätssinn gezeigt, als er angesichts eines drohenden militärischen Konflikts mit der damals knapp 850 Mio. Einwohner zählenden Chinesischen VR seinen Generalstabschef gefragt hatte, wo man die denn alle begraben würde. Das Dilemma wird noch größer, wenn die Leute sehen, dass bewährte Werte sich in nichts auflösen und gar nichts mehr einzuordnen ist, weil am Mittwochabend bei Frank Plasberg in der TV-Sendung »Hart aber fair« auf WDR 3 bewiesen wurde, dass Kamillentee die Mutter aller Pillen ist. Und woran soll sich der orientierungslos gewordene deutsche Michel denn festhalten, wenn sogar Italien, Spanien und Deutschland in der Vorrunde der Fußball-EM aus dem Rennen geworfen werden? Wir wissen nicht, ob bei den Italienern und Spaniern der Trainer Schuld daran trug oder einzelne Spieler. Im Falle Deutschlands kennen wir den Schuldigen genau: es war die Zeitung mit den großen Buchstaben. Mittwoch druckte sie auf ihrer Titelseite das Foto von elf barbusigen Damen ab, die dann auf der letzten Seite, diesmal nackt bis auf Stutzen und Fußballstiefel, der DFB-Elf den Rücken zukehrten und versprachen: »Wenn ihr nicht siegt, könnt ihr uns mal!« Das haben uns bestimmt die Holländer eingebrockt, denn welcher deutsche Fußballer lässt sich solche Leckerbissen entgehen? Hätten unsere Medien Realitätssinn bewiesen und die Damen den Holländern angeboten, Rudi Völler wäre auch heute noch DFB-Teamchef. Was aber Realitätssinn der SPD betrifft: man kann seinen Wählern nicht ständig »Figaros Hochzeit« ankündigen, und den Leuten dann in der Oper nur Kaspertheater bieten. Jeden Montag die Medienkolumne mit wechselnden Autoren.

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