Elektronische Allmende

WLAN sollte das kabellose Büro ermöglichen. Doch der drahtlose Internetzugang scheint nun eine neue soziale Bewegung für freie Kommunikation zu generieren

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Elektras Arbeitsplatz ist einer der schönsten, den man sich denken kann. Statt von surrenden Computern ist sie von frischer Luft umgeben. Der Arbeitsplatz liegt inmitten der Wagenburg an der Modersohnbrücke in Berlin. Von hier aus schreibt sie Artikel für das »Linux-Magazin«, von hier aus hat sie in der vergangenen Nacht eine neue, freie Version des Betriebssystems Linux veröffentlicht. Möglich ist das, weil inzwischen auch in Berlin um sich greift, was außerhalb Deutschlands schon länger für Aufsehen in der Computerwelt sorgt: die Verbreitung der WLAN-Technik. »Wireless Local Area Networks« wurden entwickelt, um in Großraumbüros den Kabelsalat zu vermeiden oder im Vorgarten E-Mails lesen. An die Stelle der Kabel tritt dabei ein wenig weit, aber mit hoher Bandbreite funkender Mikrowellensender - den man, wie »alternative« Computertüftler in den USA, London oder auch Athen schon lange festgestellt haben, auch einfach »aus dem Fenster halten« kann. Solange niemand außergewöhnlich große Datenmengen bewegt, können sich einen DSL-Anschluss gute drei Dutzend Benutzer teilen, und wenn sie dasselbe auch mit den Kosten tun, bedeuten solche WLAN-Netze praktisch einen fast kostenlosen Zugang zum Internet. In Städten wie Seattle oder London besteht bereits seit längerem eine zum Teil selbst gebastelte Infrastruktur, die derartige Netze untereinander verbindet, auch in Deutschland werden solche Ideen jetzt populärer. Und seit die EU im vergangenen Jahr das ISM-Band, auf dem die WLAN-Mikrowellen transportiert werden, prinzipiell freigegeben hat, ist dieses Treiben auch völlig legal, solange bestimmte gesetzliche Sendeleistungen nicht überschritten werden. Datenfunk-Aktivisten wie Ulf Kypke-Burchardi, der mit dem »WLANhain«-Netz in Berlin-Friedrichshain ein mit über 100 Usern bereits recht ausgedehntes Netz betreibt, wollen sich aber nicht auf die Rolle kostenfreier Internetversorger reduzieren lassen. Die Technik biete vielmehr eine politische Chance: freie Netze aufzubauen. Die WLAN-Computer können sich in einem WLAN-Netz nicht nur als Konsumenten verhalten und sich eine Internet-Anbindung teilen. Computer, die WLAN-Anschluss zum Internet haben, können sich auch untereinander verbinden und so die erste Masche in einem Netz werden, bei dem unter Ausschluss des Internet kommuniziert werden kann - und die User dieses WLAN-»Intranetzes« können darüber entscheiden, wer teilnimmt und was für Regeln gelten. Eine »elektronische Allmende« schwebt Elektra vor, und Jürgen Neumann von der Initiative »Freifunk.net«, die seit etwa eineinhalb Jahren WLAN politisch begleitet, sagt: »WLAN-Netze bieten die Chance, alle die vom Internet enttäuschten Hoffnungen auf Informationsfreiheit noch einmal auszuprobieren.« Im Herbst will die europäische Datenfunker-Gemeinde zum zweiten Mal zusammenkommen. Das Treffen im September ist aber nicht in einem urbanen Szene-Habitat geplant, sondern in der ländlichen Region Dursland in Dänemark. Kommerzielle Anbieter haben hier mangels Profiterwartung ganz auf die Verlegung von Breitband-Anschlüssen verzichtet. Doch die Region hat sich selbst geholfen und inzwischen über 1200 Haushalte an ein Mikrowellen-Netz angeschlossen, das quasi von Kirchturm zu Kirchturm springt. Vorbildlich ist aber nicht nur die Technik, sondern vor allem die Nutzung dieses Netzes. Längst bieten die ehemaligen Redakteure der eingestellten Regionalzeitung über das WLAN-Netz ein Portal mit Regional- und Lokalinformationen an, weitergehende Nutzungen bis zur kostenlosen Internet-Telefonie sind in Planung. Als Nebeneffekt haben sich viele der einfachen Landbewohner erstmals mit neuen Medien beschäftigt und nutzen die Angebote jetzt wie selbstverständlich. Warum sollte eigentlich in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg nicht klappen, was im dänischen Hinterland funktioniert? In Deutschland sind derlei Nutzungen freier Netze noch weitgehend Zukunftsmusik; doch wächst die Infrastruktur ohne Unterlass. In Berlin arbeitet man am »BerlinBackBone«, einer starken Rückgratverbindung, die die bislang verstreuten lokalen Netzwerke der Stadt zu einem übergreifenden zusammenführen soll. Elektra experimentiert derweil mit »meshing«, einer Technologie, die die an WLAN angeschlossenen Computer »zu einem organisch wachsenden Peer-to-Peer-Netz verbindet, so dass sich dieses mit jedem Teilnehmer weiter verbreitet und die Abdeckung eines Gebiets verbessert«. Alles was die Teilnehmer dazu brauchen, sind gewöhnliche LAN-Karten und eine Software auf ihrem Computer, die automatisch geeignete Teilnehmer aufspürt. Wenn die derzeitige, durch Medienberichte noch angeheizte Boom-Phase bei WLAN noch eine Weile anhält, besteht technisch die Möglichkeit zu einer Befreiung der Information. Die Frage besteht darin, ob diese M...

Warum endet dieser Text denn jetzt schon? Mittendrin? Ich möchte den Artikel gerne weiterlesen!

Um den ganzen Artikel zu lesen, haben Sie folgende Möglichkeiten:

Haben Sie ein Online- oder Kombi-Abo? Dann loggen Sie sich einfach ein. Wenn nicht, probieren Sie doch mal unser Digital-Mini-Abo:

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Warum ist der Artikel so kurz?

Der Artikel ist in Wirklichkeit länger: 690 Wörter (4887 Zeichen).

Wenn Sie ein entsprechendes Abo gewählt haben, können Sie sich einloggen und den ganzen Artikel lesen. Und auch alle anderen Artikel seit 1990.

Wir stellen einen großen Teil unseres Angebots im Internet gratis zur Verfügung. Damit das finanzierbar bleibt, ist es wichtig, das viele Leute trotzdem bereit sind, für das Angebot zu bezahlen.

Alle Abo-Angebote

Foto: Zeitung, Smartphone, iPad und eine Tasse Kaffee

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.