»Lasst meinen Leichnam leben - hoch Mühsam!«

Künstler und Antifaschisten trafen sich in Berlin, um den von den Nazis ermordeten Anarchisten zu ehren

  • Von Anke Engelmann
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.

Über 1600 Menschen kamen am Wochenende in Berlin zu Ehren des von den Nationalsozialisten 1934 ermordeten Dichters und Anarchisten Erich Mühsam zu einem Fest zusammen.

»Lasst meinen Leichnam leben - mir zum Gedächtnis, trinkt«, hatte sich Mühsam in einem Gedicht ausbedungen, und die Gäste gaben sich alle Mühe, diesem Wunsch Folge zu leisten. Mühsam hätte es jedenfalls gefallen in dem bunten Durcheinander auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes in der Revaler Straße. Da tummelten sich - vom Neugeborenen bis zum Neunziger - alle Altersgruppen, und die Verbindung von Politik und Kunst im besten Mühsamschen Sinne war Programm. Neben Musik, Theater, Kabarett, Lesungen, Ausstellungen und Installationen gab es Debatten und Vorträge mit Historikern und Antifaschisten, Infostände linker Initiativen und Bücherstände, auf denen Mühsam-Fans schon mal die eine oder andere seltene Ausgabe ergattern konnten. Mit Mühsam-Literatur bestens versorgt zeigte sich der 84-jährige Klaus Waderstradt, der aus Angermünde anreiste. Das Mitglied der Lübecker Erich-Mühsam-Gesellschaft las am Nachmittag aus den »unpolitischen Erinnerungen« des Dichters. »Mühsam war sein ganzes Leben unbeugsam und hat das bis zum Ende durchgehalten«, so der frühere Arzt. Gekommen waren nicht nur eingefleischte Mühsam-Fans, doch bei so vielen Infos konnte man sich nur schwer der Ausstrahlung des Antimilitaristen, Publizisten, Trunkenbolds und Schwerenöters mit dem Rauschebart entziehen. Der 1878 in Lübeck geborene Anarchist, der an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt war, saß dafür fünf Jahre in Festungshaft, kam durch die so genannte Hitler-Amnestie frei, wurde nach der Machtergreifung der Faschisten ins Konzentrationslager Oranienburg gesteckt und dort am 10. Juli 1934 erhängt aufgefunden. In Erinnerung an seinen Tod, der sich in diesem Jahr zum 70. Male jährt, lag der inhaltliche Schwerpunkt auf dem Antifaschismus, erläuterte Mitorganisatorin Manja Präkels. So widmete sich am Sonnabend eine Podiumsdiskussion dem Thema Erinnerung an die NS-Zeit. »Gibt es einen Paradigmenwechsel in der Gedenkkultur?«, lautete die Frage, die sich Historiker und Zeitzeugen stellten und bezogen sich damit auf eine zunehmende Tendenz, die faschistische Diktatur mit Verbrechen der DDR-Zeit gleich zu setzen. Erst kürzlich habe die CDU/ CSU-Bundestagsfraktion einen entsprechenden Antrag zur Gedenkstättenförderung in den Bundestag eingebracht, kritisierten Johannes Zerger von Aktion Sühnezeichen und Hans Coppi, von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten. Karl Stenzel, Überlebender des Konzentrationslagers Sachsenhausen und heute Vizepräsident der Lagergemeinschaft Sachsenhausen, berichtete von seiner Arbeit, während sich Frank Brendle von der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsgegnerInnen gegen die zunehmende Glorifizierung der Wehrmachtsoffiziere des 20. Juli wandte. Die interessante Nachmittags-Diskussion stieß leider auf geringes Interesse, und erst ein Regenguss füllte den Raum. »Im vergangenen Jahr hatten wir eine Podiumsdiskussion abends veranstaltet. Die war zwar voll, allerdings galt dasselbe auch für das Publikum«, erinnert sich Markus Liske. Bereits zum vierten Male haben er, Manja Präkels und befreundete Künstler das Erich-Mühsam-Fest auf die Beine gestellt. »Unsere Vorbereitungsgruppe besteht aus ungefähr neun Leuten - größtenteils Künstler, die hier auch auftreten«, erläutert der Kabarettist. Der Andrang wuchs von Jahr zu Jahr, reich geworden ist keiner, denn dass die Preise sozial niedrig sind, gehört ganz selbstverständlich dazu. »In den ersten beiden Jahren haben wir Hardcore-Miese gemacht«, beschreibt Liske, »und aus eigener Tasche wieder ausgeglichen«. Als das Fest im vergangenen Jahr zum ersten Mal Gewinn abwarf, wurde der umgehend an die Organisation »Ärzte ohne Grenzen« weiter gereicht. Auch in diesem Jahr sollen eventuelle Überschüsse an ein Antifa-Projekt in Pirna gehen, das gegen die Neonazi...

Warum endet dieser Text denn jetzt schon? Mittendrin? Ich möchte den Artikel gerne weiterlesen!

Um den ganzen Artikel zu lesen, haben Sie folgende Möglichkeiten:

Haben Sie ein Online- oder Kombi-Abo? Dann loggen Sie sich einfach ein. Wenn nicht, probieren Sie doch mal unser Digital-Mini-Abo:

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Warum ist der Artikel so kurz?

Der Artikel ist in Wirklichkeit länger: 574 Wörter (3962 Zeichen).

Wenn Sie ein entsprechendes Abo gewählt haben, können Sie sich einloggen und den ganzen Artikel lesen. Und auch alle anderen Artikel seit 1990.

Wir stellen einen großen Teil unseres Angebots im Internet gratis zur Verfügung. Damit das finanzierbar bleibt, ist es wichtig, das viele Leute trotzdem bereit sind, für das Angebot zu bezahlen.

Alle Abo-Angebote

Foto: Zeitung, Smartphone, iPad und eine Tasse Kaffee

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.