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In Petrarcas Mantel

Der Dichter Rainer Kirsch wird 70

Man muss heute, Rainer Kirsch zum Siebzigsten zu ehren, wohl schon vorausschicken, wer Rainer Kirsch ist: ein bedeutender deutscher Dichter, über den beispielsweise Karl Mickel... Aber wer nun wieder ist Karl Mickel? Es lässt sich nicht leugnen, dass uns beim gegenwärtigen Autoren- und Bücher-Ranking die wirklichen Dichter abhanden kommen. Die können da nur grimmig einverstanden nicken: In der DDR beargwöhnt, heute zwischen Biermann-Schwulst und Reimann-Kitsch entsorgt - das verdiente Schicksal von Leuten, die sich an Petrarca, Goethe, Shelley oder Mandelstam halten. Man klagt über den Verlust der Lesefähigkeit beim Publikum, aber was nutzt die, wenn sie sich an den falschen Propheten übt? (Wer noch lesen kann, der findet nun zum Jubiläum bei Eulenspiegel, wo früher schon zwei Kirsch-Bändchen erschienen sind, eine umfassende Werkausgabe in vier Bänden.) Kirsch selbst macht sich keine Illusionen über die Lage. »Gehöre ich nicht zum klassischen Flügel der Sächsischen Dichterschule? Schimpft man mich nicht Vertüftler, Wortgeizling und Realissimus, falls man in Zeiten, da jemand nur recht romantisch stottern muss, um als Genie zu gelten, mich überhaupt liest?« Wenn schon keiner so recht weiß, ob es die sog. Sächsische Dichterschule gegeben hat, so ist die Bezeichnung, sei sie auch nur einer Laune geschuldet, doch eine gute Hilfe, die Charakterzüge einer fruchtbaren Generation unter einen Hut zu bringen: Ende der Fünfziger gab es für junge Dichter in der DDR zwei Hauptrichtungen. Man konnte über Brecht hinausgehen, und man konnte hinter ihn zurückfallen. Mit den ihr anhängenden Attributen Sanguinik, Weltbezug, Handwerksernst und Bestehen auf Vernunft kam für diese Schule nur die eine Richtung in Frage, mögen heute die Positionen der ihr entwachsenen Schüler auch unvereinbar weit auseinander liegen. Rainer Kirsch hat gelebt, wie es sich für einen guten Dichter in der DDR gehörte: Er kommt aus Sachsen (Döbeln), in Halle und Jena hat er Geschichte und Philosophie nicht zu Ende studieren, dafür in der Druck- und Chemieindustrie, auch in der Landwirtschaft das Gelernte am geschichtlichen Subjekt überprüfen dürfen - eine parteiliche Haltungsprobe, die persönlich zu nehmen, ihm sein Naturell verbot. Dann absolvierte er das Literaturinstitut in Leipzig. Insgesamt wurde er öfter immatrikuliert als relegiert, von der Partei öfter gestraft als gelobt, von den Verlagen meist gedruckt, seine Angebote aber wurden - wie die manch anderer - zunehmend abgewiesen. Dem seit 1961 freischaffenden Schriftsteller war klar, wohin das führen würde: »Dichter formulieren auf anders nicht sagbare Weise gesellschaftlich wichtige Erfahrung, den Schaden hat, wer sie wegwirft.« In die Akademie kam er 1990, bei Toresschluss, als Erfahrungen nicht mal mehr zum Wegwerfen gebraucht wurden. Kirsch hat Bestes geleistet. Nicht nur hat er einen »Faust« geschrieben, der »Heinrich Schlaghands Höllenfahrt« heißt, eine gutgebaute Komödie, die heute unspielbar ist. Die Aufgabe, Arbeit, Genuss und Schönheit kraftvoll in eins zu bringen, ging um 1970 und in der DDR gerade noch poetisch zu denken; und sie ging als scheiternde darzustellen, wenn ihre Lösung gewalttätig herbeigeführt würde. Im heutigen neokulinarischen Theater für autistische Rezensenten und pauperisierte Werbeagentur-Angestellte würde selbst einer, der nach dieser Aufgabe nur fragte, hinter die Stäbe eines Irrenkäfigs gesteckt. Es gibt vorzügliche Kinderbücher und Stücke für Kinder von Kirsch, ausnehmend eingängig, hell-lustig, zitabel bis in nächste Generationen die einen, die andern fabelfreudig und voll dialektischen Witzes, dabei ausnahmsweise auch wirklich gespielt auf Bühnen, jedenfalls so lange, bis ihnen die grüne political correctness zu Leibe rückte und sich an dem hübschen Wort Pfefferminzteeschlampe und einem schnapstrinkenden Hasen stieß. Er hat formbewusste, gedankenklare Gedichte geschrieben - sein »1984« heißt »2005«, und jedem sollte zur Pflicht gemacht werden, den Text vor Anbruch des neuen Jahrs zur Selbstbefragung zu nutzen -, und er hat nach 1990 ungebeten weitergeschrieben, eingehüllt in Petrarcas Mantel. Außerdem, und allein dies gibt erschöpfend Auskunft über sein poetisches Vermögen, ist er derzeit der einzige Dichter, der wirklich Lieder kann. Die Sammlungen »Reglindis« und »Anna Katarina oder die Nacht am Moorbusch« bieten schönste Beweise. Auch als Prosaist besticht Kirsch durch hohes Formbewusstsein. Mit seinen literarisch stark gezeichneten Porträts bemerkenswerter Wissenschaftler »Kopien nach Originalen« hat er geradezu das Genre erweitert. Seine Erzählungen, meist kurze, gestochen scharfe Texte, leisten, was er von Kunst fordert: den Menschen »ihre Möglichkeiten vorzuführen, sie kann ihnen helfen, zu sich selber zu kommen«. Es ist kein Zufall, dass weder er noch seine Kollegen sich in der stoffhaltigsten, form- und also kunstlosesten (und demzufolge auch beliebig-beliebtesten) Gattung, dem Roman, hervorgetan haben. Dichter können keine Romane, Romanschriftsteller können nicht dichten. Die Beweise fürs Gegenteil sind meist erwartbar schwach ausgefallen. Vollständig unterbelichtet blieben stets Kirschs Leistungen als Nachdichter (die erst in einer zweiten, ebenfalls vierbändigen Abteilung seiner Werke vorgestellt werden können) wie als Theoretiker und strenger Handwerksmeister des Nachdichtergewerbes. Was Kirsch darüber an atemberaubend Wissenswertem verfasst hat, ist nun in dem handlichen Band der »Essays & Gespräche« versammelt: Die große Untersuchung »Das Wort und seine Strahlung« also und eine Reihe kleinerer Aufsätze bis hin zum aktuellen »Zeitgeist und Übersetzung«, in dem er dem Gemeinplatz vom »Ende der Geschichte« und dem in diesem eingeschlossenen, oft verkündeten »Ende der Kunst« abwinkend das Karl Kraussche Diktum entgegenhält: »Die Dichter brauchen eine neue Sprache? Besser dichten sollen sie, dann wird's schon gehen.« Dass der Mann weiß, wovon er spricht, beweisen die ebenfalls an dieser Stelle zusammengefassten Einlassungen zu Kollegen, Kritik, Gattungs- und kulturpolitischen Fragen, Lieblingsgedichten Kirsch, der zu den wenigen gehört, die sich (und uns) bei der Erörterung schwieriger Fragen des Versbaus nie langweilen, knüpft in jedem Text über das Dichten ebenso mit tausend Fädchen an literarisch Überkommenes an wie mit seinen eigenen Gedichten. In diesem Sinne ist er neuer als die Greise, denen Botho Strauß als Dichter gilt: »Keine Kunst fängt bei Null an. Die sogenannten absoluten Neuerer in der Kunst sind Wirrköpfe, im sympathischen Falle Clowns; alle wirklichen Neuerer sind in hohem Maße der Tradition verpflichtet.« Denn aus allem, von allen lässt sich lernen, so »bei Shakespeare, Wassa Pschawela und anderen, wie aus der Schilderung einer barbarischen und aus den Fugen geratenen Welt Hoffnung hervorgeht«. Oder von Goethe die »Mischung aus Weisheit, Bescheidung, Altershohn und tapferer Zurkenntnisnahme der Randbedingungen unserer Existenz«. Kirsch ist aktuell wie nur einer und kennt Allerneuestes! Gerade wird berichtet, dass Catull im erzählenden Verspaar, dem Distichon aus Hexameter und Pentameter, den letzteren Vers auch durch den jambischen Trimeter ersetzte. Sensationell - das will nun ausprobiert sein. »Darf ich sagen«, fragt Kirsch maliziös, »daß Leute, die Goethe nicht lesen, mir leid tun?« Ungefragt bekenne ich, dass Leute, die Kirsch nicht lesen, mir leid tun. Rainer Kirsch: Werke in vier Bänden. Eulenspiegel Verlag. Gedichte & Lieder. 284 S.; Erzählungen & Porträts, 259 S.; Stücke & Libretti, 394 S., Essays & Gespräche, 477 S., geb., im Grauschuber. 98 EUR.

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