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Bürgernetze über den Hausdächern

Dank WLAN entstehen kabellose Internetzugänge und freier Datenaustausch

Bürgernetz! Das Wort weckt Vorstellungen von selbst organisierten Gemeinschaften auf freiheitlicher Basis. Die WLAN-Technik eröffnet der Idee neue Möglichkeiten und faszinierende Aussichten. Berliner Computerspezialisten arbeiten an der Entwicklung eines freien Bürgernetzes. Aktionen, die bisher auf der Erde geschahen - auf der Straße, in Vereinen, Wohnungen, Geschäften, Bühnen oder sonst wo - bekommen einen zusätzlichen Raum: In »Datenwolken« über den Hausdächern können vielleicht bald private Informationen getauscht, Waren angeboten und gekauft, Veranstaltungen mitverfolgt, Videofilme angeschaut, womöglich gratis telefoniert und faktisch umsonst gesurft werden. In Berlin gibt es bereits einige funktionierende und wachsende freie WLAN-Netzwerke. Angestrebt wird, Netzwerke zu schaffen, die wie das Internet zu seinen Gründerzeiten nicht hierarchisch organisiert und keine Dateneinbahnstraßen sind. Interaktiv sollen sich die Netzteilnehmer verhalten, eigene Inhalte anbieten und die Kommunikationsregeln selbst bestimmen können. Die User sollen sich emanzipieren vom gängigen kommerziellen Internet. WLAN steht für Wireless Lan Technologie. Ein mit hoher Bandbreite funkender Sender (im zulassungsfreien ISM-Band, Industrial, Scientific & Medical) ersetzt die typischen Kabelverbindungen. Mit der Technik (am häufigsten: IEEE 802.11 Standard) ist es möglich, Datenverbindungen bis zu drei Kilometer Entfernung über Funk aufzubauen, dabei können bis zu 11 Megabits (bis zu 54 Mbps pro Sekunde mit einem neueren Standard) erreicht werden. Das ist schnell. Störeinflüsse wie Wasser, Beton, Metall oder andere Geräte schränken die Übertragungsgeschwindigkeiten zwar ein, mit speziellen WLAN-Antennen aber kann das Signal verstärkt werden. WLAN-Netze werden auch kommerziell betrieben. Mit mehr als 300 professionell betriebenen Standorten ist Berlin führend in Deutschland. Den größten Teil davon hat der regionale Telekommunikationsanbieter BerliKomm aufgebaut Wer in einem Freifunknetz surft, springt von WLAN-Knoten zu WLAN-Knoten, also von Funkstation zu Funkstation. Als Antenne reicht gegebenenfalls eine einfache Sauerkrautdose. Die Funkverbindung zwischen zwei Antennen, so lautet eine Faustregel, besteht nur so weit, wie auch Sichtkontakt besteht. Deshalb sieht man derzeit öfter mal Menschen, die auf Dächern stehen und mit einem Fernglas nach flatternden Laken Ausschau halten. Sichtweiten werden dabei ermittelt und damit zugleich der Ausbau des Bürgernetzes vorangetrieben. Ad hoc vernetzt sich dann Computer mit Computer - ohne zentralen Funkmast. Alternativ dazu gibt es den Infrastruktur-Modus: Ausgang sind Basisstationen (Access Points), bei denen sich jeder anmelden muss. Von dort wird die Nutzung verwaltet. Ob via Ad-hoc-Netzwerk oder im Infrastruktur-Modus - wenn sich einige Dutzend Benutzer über Funk einen DSL-Anschluss und die Kosten teilen, ist der Zugang zum Internet faktisch umsonst. Große Hoffnungen setzen die freien WLAN-Communitys ins so genannte Meshing. Ein Meshed Network ist ein drahtloses Netz, das sich selbstständig organisiert. Die Grundlage dafür ist Software, die nach Netzwerkpartnern sucht. Sie ruft Informationen darüber ab, wer im Netzwerk ist, und errechnet automatisch die besten Wege zu den Netzwerkknoten. Bald, hofft man, gibt es Meshing-Software speziell für WLAN-Netzwerke, die sich dann von Dachantenne zu Dachantenne über die Städte ausbreiten können. Je mehr Funkstationen, desto breiter und dichter das Netz und umso stärker sein Rückgrat. Von ausgereiften Bürgernetzen wie im strukturschwachen Djursland im Nordosten von Dänemark oder in Seattle, USA, ist man in Berlin noch einige Schritte entfernt. Der Drang zum freien Funknetz in Berlin entsprang vielfach einer Mangelsituation. Grund dafür ist die so genannte OPAL Problematik (Optische Anschlussleitung), die vor allem in den neuen Bundesländern auftritt. Aufgrund der im Boden verlegten Glasfaserkabel ist eine DSL-Anbindung nicht möglich. Warum aber nicht ein besonders schnelles Netz auf Glasfaserbasis angeboten wird, blieb bisher unbeantwortet. Stattdessen verlegt die Telekom parallel zu den Glasfaserkabeln neue Kupferkabel, um DSL anzubieten. Der Anstoß zu der bundesweiten Initiative »freifunk.net« kam vom Berliner Jürgen Neumann. An freien Bürgernetzen basteln die Computerfreunde vom Verein »C-Base« ebenso engagiert wie die Leute von »WaveLan«. Das »Kreisauer Lan« ist ein loser Zusammenschluss von einigen Mietern in der Kreisauer Straße in Friedenau, die es sich zur Aufgabe gesetzt haben, die Gegend mit Wireless Lan zu versorgen. In Moabit sorgt der »Ku Funk« für Anbindungen. Das WLAN-Projekt in Hohenschönhausen betreibt der Computerclub »Media 2000 «. Im WLAN in Friedrichshain hängen insgesamt schon 100 Rechner am Netz, 20 davon konstant. Der Datenfunkaktivist Ulf Kypke-Burchardi stellt seinen Internetzugang, der 50 Euro im Monat kostet, kostenlos zur Verfügung. Wer Probleme mit der Technik hat und mit Begriffen wie Accesspoint oder Essid nichts anzufangen weiß, bekommt Hilfe. In Kursen lernen Laien, wie Antennen gebaut, Netzwerkkarten installiert und der Computer gegen Missbrauch geschützt wird. Denn »wir sind ein offenes Netz, für die Sicherheit seiner Daten ist jeder selbst verantwortlich«. Und die Kosten für die Komponenten? Zwischen 80 und 150 Euro sollte man investieren. Tipps und Infos unter www.wlanhain.de und http://www.freifunk.net

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