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  • Politik
  • Die Schriftstellerin Gisela Kraft wird 60

Dritte Pubertät

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Viele Leute wunderten sich, fanden es ziemlich unverständlich, als 1984, da nach der Biermann-Ausbürgerung Schriftsteller in immer neuen Schüben westwärts abwanderten, eine Autorin den umgekehrten Weg nahm: Gisela Kraft, promovierte Islamwissenschaftlerin, mit etlichen Veröffentlichungen in westdeutschen Verlagen, zog aus dem gutsituierten Berlin-Wilmersdorf in das rauhe Arbeiterviertel Friedrichshain, in die Nähe der Warschauer Straße. Nach dem überraschenden Mauerfall fühlte sie sich als »Doppeldeutsche« wie ein Transvestit, der in sein altes Geschlecht zurückschlüpfen muß. Gewendete Reporter hielten nun mit ihrem Unverständnis nicht zurück, sie fragten und fragten. Die Antwort, klipp und klar: »Ich wollte in der Geborgenheit hier meine Bücher schreiben und vom Schreiben leben können, ohne irgendwelche Gelegenheitsjobs annehmen zu müssen. Ich bin ganz froh, daß ich noch hergekommen bin. Ich hatte Lust auf die Landschaft, als Kind war ich nach Thüringen und an die Ostsee evakuiert worden.Entscheidend für die Übersiedlung aber war mein Hauptthema: Novalis. Alle seine Lebensstationen lagen auf DDR-Boden, die wollte ich gründlich erforschen. Ich bin also mit dem roman-

tischen Dichter der .Blauen Blume ins Land gekommen.«

Der Roman »Prolog zu Novalis«, über die kurze Lebensetappe des Friedrich Freiherr von Hardenberg (er wurde nur 29 Jahre alt) aus altem Adelsgeschlecht, ein Salineninspekteur, der sich für seine Dichtungen das Pseudonym Novalis (Einer, der Neues pflanzt) zulegte, erschien 1990 bei Aufbau und sollte eigentlich Auftakt einer Romantrilogie sein. Eine akribische Arbeit, die mehr herausholt als die vielzitierte Liebe des Zweiundzwanzigjährigen zur zwölfjährigen Sophie von Kühn, die schon mit 14, nach mehreren Operationen stirbt. Viel Einfühlung in ein exemplarisches Dichterschicksal, aber auch etliche Zeitbezogenheit, nicht zuletzt deshalb, weil Novalis für die Freiberger Bergakademie bei Borna nach Braunkohle suchte und fündig wurde.

Die Orientalistin, von der zahlreiche Übersetzungen aus dem Türkischen vorliegen (u.a. Nazim Hikmet), fühlt sich diesem Volke nicht von ungefähr besonders verbunden. Als 1986 ein FAZ-Mitarbeiter für ihren Weggang aus dem Westen nach Beweggründen bohrte, sagte sie: »Für die Kulturpolitik des Senats habe ich mich geschämt, besonders was den Umgang mit der türkischen Kultur angeht.« Daß man in Ostberlin Türkisch studieren könne, in Westberlin, wo Tausende aus dieser Nation lebten, dagegen nicht, sei doch ein ungeheuerlicher Widerspruch.

Der Granatapfelverkäufer aus Kairo, der Nil wie ein Eidechsenzeichen, Istanbul mit seinen Moscheen, das Marmarameer, Feiern mit Hammel und Wein: Eine Erlebniswelt voller sinnlicher Vergleiche und Gerüche in den Gedichten der Gisela Kraft, bei Aufbau in den gediegenen Bänden »Katze und Derwisch« (1989) und »Keilschrift« (1992) niedergelegt. Türkische Volkssänger von einst verpflanzt sie nach Berlin. Und erinnert bedenkenswert auch an Kara Mustafa, jenen osmanischen Großwesir, der 1683 vergeblich Wien belagerte. Jetzt steht er plötzlich vor Berlin: »brüder/ wir nehmen das ding/ noch drei jähr/ oder hundert der halbmond geht auf/ über kreuzberg/ und der stern/ über Köpenick«.

Viele Facetten, listige und zornige, leuchten aus diesen Augen, die von langmähnigem Haar umrahmt sind. Die schönsten Liebesverse: »heute hab ich den ganzen tag nur dein bett gemacht/ hab ginster geschüttelt und oleander gebügelt/ die mühlen mit frischem segel bezogen damit sie dich fächeln/ wenn du zurückkommst vom bergeversetzen...«

Immer möchte sie, vital wie eh und je, etwas bewegen. Sie setzt ihre Landsleute auf die »West-Östliche Couch«, ein Taschenbuch (»Ich sage immer auf die vielen Nachfragen, ich sei deshalb so gut in der DDR zurechtgekommen, weil ich den Orient kannte. Orient minus Warenangebot gleich DDR.«), engagiert sich in der Frauenbewegung, für eine saubere Umwelt und pocht darauf, daß wir das Wort Solidarität nicht gänzlich vergessen. Und meint von sich selbst: »Ich bin sehr neugierig, was nach meinem 60. Lebensjahr geschieht. Vielleicht so eine Art dritte Pubertät? Zumindest im Schreiben.«

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