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mal 49 Mark? Wiedervereinigung allenthalben: Die Sex Pistols auf Tour und beim Abzocken-dem Punktut das keinen Abbruch

Der einzige der Pistols, der das public image noch pflegt: Johnny Rotten

Viele Anhänger des Punk wurden zur selben Zeit wie die Musikrichtung geboren: Gute Halbwertzeit für eine Rockvariante. Fotos: Nicolas Tchegloff

Von Markus Pohl

Aus den Boxen dröhnt »Anarchy In The U.K.«, das Bier dröhnt auch, das Publikum schlägt sich die Springerstiefel um die Ohren, und man sieht sie vor sich: Sid Vicious und Johnny Rotten, die Urväter des Punk, die legendären Idole der Sex Pistols, beide blutverschmiert, jung, wild, ausgemergelt und grenzenlos in ihrem Haß auf die Gesellschaft.

Allerdings nur, wenn man die Augen schließt. Es ist 1996, Berlin-Treptow, Sid ist schon längst an einer Überdosis Heroin krepiert, und Rotten hat Falten und einen Bauch. Die ursprüngliche Formation der Sex Pistols, mit Bassist Glen Matlock statt Sid Vicious, machte am Samstag auf ihrer »Filthy Lucre Tour« (soviel wie »Dreckige Abzock-Tour«) Halt in Berlin und gewährte für schlappe 49 Mark Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, als die britische Band die Rockmusik revolutionierte und das Establishment schockte. Mit Texten, die durch keine Spur bürgerlicher Moralvorstellungen getrübt waren, und einem Sound, dem Wut und Aggressivität über musikalische Virtuosität ging, sorgten die Sex Pistols vor 20 Jahren für zahlreiche Skandale im »fascist regime« der Queen und entfesselten den Punk. Ihr erster Auftritt im November 1975 dauerte nur wenige Mi-

nuten, ehe die Band wegen zahlreicher Flaschenwürfe die Bühne räumen mußte, und 1977 fanden sich nur mehr unter dem Pseudonym The Spots (Sex Pistols On Tour) Auftrittsmöglichkeiten. Trotzdem schnellte ihr erstes und einziges Album »Never Mind The Bollocks« in den britischen Charts von Null auf Eins hoch und wurde die Kultplatte des Punk, bevor die Sex Pistols schon ein Jahr später auseinanderbrachen.

Der Punk-Rock war der kollektivitätsstiftende musikalische Hintergrund der neuen Bewegung, die sich vornehmlich aus arbeitslosen, sozial deklassierten Jugendlichen zusammensetzte. Punk-Musik konnte jeder machen, der genügend Wut im Bauch hatte, weder brauchte es eine große Ausstattung noch besondere musikalische Fähigkeiten. Mit Kleidung, die aussah, als käme sie geradewegs aus der Mülltonne, Irokesenschnitt und Ratte auf der Schulter verweigerten sich die Punks den Sekundärtugenden der bürgerlichen Leistungsgesellschaft von Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit. Dem Karrieredenken setzten sie ihr »no future« entgegen, statt Ein- und Unterordnung galten Anarchie und Chaos. Zwanzig Jahre später ist Punk immer noch als Subkultur existent. Natürlich konnte auch Punk sich seiner Vermarktung nicht entziehen: Auf den Laufstegen von Paris und Mailand tragen die Models Lederriemen,

Nietenbänder und Sicherheitsnadeln, Vivienne Westwood ist längst eine anerkannte Designerin, und die Bezeichnung »Punk« dient mancher Kapelle wohl einzig und allein zur Erhöhung der Verkaufszahlen.

Doch es gibt auch noch die Büchsbier-Punker, die sich auf der Straße durchs Leben schnorren, immer noch als Bürgerschreck taugen und keinem Marketing-Strategen dieser Welt als anvisierte Zielgruppe in den Sinn kommen würden. Ab und an gönnt sich diese Szene einige »Chaos-Tage«, demonstriert bei der Plünderung von Supermärkten ihr Verständnis von Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums und läßt biedere Zeitgenossen den Untergang des Abendlandes prophezeien. Über das Stadium der Rebellion ist Punk jedoch nie hinausgekommen. Zwar schuf die Punk-Be-

wegung ein Klima, in dem etwa die Anti-Nazi League oder die Rock Against Racism-Konzerte gedeihen konnten, zwar verirrt sich in manch autonome Gruppe noch ein Iro-Träger - eine explizit politische Bewegung war Punk trotz seines politischen Gehalts aber zu keiner Zeit. Es ging immer in erster Linie darum, sich gesellschaftlichen Zwängen zu widersetzen, gegen alle Normen und Konventionen zu rebellieren und sich von den Spie-ßern abzugrenzen - gegebenenfalls auch von den linken Spießern.

So läßt sich vielleicht erklären, daß an mancher Punker-Kutte gleich neben dem großen A ein Hakenkreuz prangt und 14jährige Punks mit Hitlergruß durch die Gegend laufen. Schockieren als erste Punker-Pflicht. »Punk sein bedeutet für mich, mein Leben zu führen, ohne mir von irgendwelchen Leuten in den Arsch treten zu lassen«, erzählt Andre, 21jähriger Punker, vor dem Sex Pistols-Konzert. Und ein anderer, der sich »Das kleine Arschloch« nennt, meint. »Ich mach mein Ding, laß mich nirgends einordnen und will Spaß haben.«

Wenn jetzt - wie in Berlin geschehen - auf Flugblättern den Sex Pistols Verrat an Punk-Idealen vorgeworfen und die »wahren« Punker zum Sturm auf das Konzert aufgerufen werden, ist das nur blödsinnig. Mit 20 Jahre alten Hits eine schamlose Abzocktour durch die Welt zu starten, sich einen Dreck um künstlerische Ansprüche und den eigenen Mythos zu scheren und statt dessen wie Rotten freimütig zu bekennen: »Wir wollen nur euer Geld!« - das ist wahrer Punk. So hatten am Samstag ein paar Tausend Leute ihren Spaß mit den Pistols, die trotz ihres Alters kein bißchen lächerlich wirkten und alle Vertreter des Punk-Revivals der letzten Jahre als billigen Abklatsch erschienen ließen. Das Ende war dann fast wie in alten Zeiten: Nachdem eine Bierflasche aus dem Publikum Johnny Rotten an der Brust getroffen hatte, brach die Band den Auftritt ab und verabschiedete sich mit einem herzlichen »Fuck You!«. Und selbst wenn demnächst der erste »VW Golf Sex Pistols« durch die Straßen kurvt. Der Punk geht weiter!

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