Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Wir sind die Schildkröte...«

Präventionspläne und Kompetenzgerangel: 50. Herbsttagung des Bundeskriminalamtes / Sicherheitsexperten suchen nach Netzwerken gegen Terror - und stoßen auf viele Fragen

  • Von René Heilig, Wiesbaden
  • Lesedauer: 5 Min.
350 in- und ausländische Experten versuchten bei der diesjährigen Herbsttagung des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden »hinter den Pulverdampf der Anschläge zu schauen«. Da entdeckten viele vieles, das sie noch nicht so recht deuten können.
Das Bundeskriminalamt brauche mehr Kompetenzen, erklärte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) auf der BKA-Herbsttagung. Es könne nicht länger angehen, dass jeder Landespolizist mehr observieren und belauschen dürfe als die Supercops vom BKA. »Wir brauchen dichte Netzwerke mit engen Maschen und starken Verknüpfungen, denn wir können uns keine Lücken leisten.« Und damit auch gleich klar ist, dass die Netzwerker nicht an der langen Leine agieren dürfen, verkündete er den Umzug der für die Abwehr islamistischen Terrors zuständigen Abteilung nach Berlin. Dort werde er schon dafür sorgen, dass Auslands- und Inlandsgeheimdienste mit der Polizei des Bundes alle relevanten Informationen austauschen. Denn: »Wir führen einen asymmetrischen Krieg!« Den Terroristen genüge ein einziges »erfolgreiches Attentat«, die Sicherheitsbehörden indessen müssten »jedes Attentat verhindern«.

Frage nach den Motiven
Wer bei den Wiesbadener Debatten hingehört hat, muss gemerkt haben, dass dieser »Krieg« nicht allein mit polizeilichen und militärischen Mitteln zu gewinnen ist. BKA-Chef Jörg Ziercke kündigte die Gründung einer Forschungsstelle in seiner Behörde an, die sich »aus primär sozialwissenschaftlicher Perspektive auf den Phänomenbereich des Terrorismus und Extremismus« konzentrieren soll. Wer Netzwerke gegen Terrorismus knüpfen wolle, so Ziercke, der muss zunächst einmal das Netzwerk des Terrorismus verstehen wollen.
Dazu hat das BKA die Lebensläufe von 60 mutmaßlichen und überführten terroristischen Gewalttätern rekonstruiert - und ist auf jede Menge Fragen gestoßen, die Frühwarnsysteme beantworten müssten: Wer wird wann warum zum Terroristen? Welche Motive treiben ihn zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort wie zuzuschlagen? Wie muss man sich Gruppendynamik im Untergrund heute vorstellen?
Nur wer Modelle zu entwickeln vermag, wird zu Prävention in der Lage sein. Mit dieser Erkenntnis bedeutete der noch nicht allzu lange im Amt stehende BKA-Chef seinem Minister, dass vor zentralem Austausch von Informationen die Informationsgewinnung stehen müsse. Da sei man noch ganz am Anfang. Und dazu ziemlich allein. Daher auch Zierckes Appell an die Wissenschaft, gemeinsam ein Netzwerk des Erkennens zu knüpfen. Nur so »kann« es gelingen, Prognosen über und Handlungsinstrumentarien gegen den internationalen Terrorismus zu entwickeln.
Wie unsicher das ist, was wir angeblich über islamistischen Terror wissen, zeigte sich, als Professor Peter Waldmann von der Universität Augsburg bemerkte, dass man Informationen über Motive und Ziele islamistischer Terroristen am besten von ihnen selbst oder aus ihrem Unterstützerumfeld erhält. Seit einigen Jahren bereits versuche das Auswärtige Amt, »tiefer in die arabischen Zivilgesellschaften einzudringen«. Seit einigen Jahren habe man mehr Leute in diesen Teil der Erde geschickt, auch um ins Gespräch mit jenen zu kommen, die den Terrorakten gegen den Westen mit einiger Sympathie zur Seite stehen. Bislang war man gewohnt, eisiges Schweigen zwischen gegensätzlichen Gesellschaften durch kulturelle Annäherungen aufzubrechen. Doch was im Verhältnis zu Osteuropa funktioniert habe, werde in der arabischen Welt allzu oft als Fortsetzung des aggressiven westlichen »Kulturimperialismus« verstanden. Das Resultat: zusätzliche Feindschaft. Die man sich angesichts der demographischen Wachstums- und der wirtschaftlichen Schrumpfungszahlen allein im Mittelmeerraum nicht leisten könne. Zwischen 2000 und 2030 wird sich hier die Bevölkerungszahl von 240 Millionen auf 480 Millionen erhöhen und während das »alte Europa« langsam vergreise, macht der Anteil der Jugend unter der arabischen Bevölkerung mehr als 50 Prozent aus.

Diamanten auf der Spur
Dass der gemeinsame Kampf westlicher Demokratien gegen den islamistischen Terror oft genug an Inkompetenz oder unterschiedlichen Interessen scheitert, illustrierte Professor Nikos Passas von der Northeastern University in Boston (USA). Der Mann ist Finanzfachmann und hat sich - nachdem Geheimdienste die »sichere Erkenntnis« hatten, dass Terrorismus mit Diamanten und Gold bezahlt wird - aufgemacht, diese Handelszweige zu untersuchen. Er stieß auf sagenhafte Ungereimtheiten. So ist jeder Importeur von Diamanten in den USA zwar verpflichtet, mit seinem Namen zu bürgen, doch kein Mensch stört sich daran, wenn diese Pflicht von Strohmännern »erfüllt« wird. Ebenso muss man das Herkunftsland der Diamanten angeben. Ist den offiziellen Einfuhrzertifikaten zu glauben, dann kommen viele Edelsteine nicht etwa aus südafrikanischen Minen, sondern aus Kohlegruben in Großbritannien. Denn, so hat Passas ermittelt, seit Jahren wird als Ursprungsland der Diamanten ihrer Majestät Insel, der wichtigste Verbündete der USA im Anti-Terror-Kampf, angegeben. Ist die Gewinnspanne nur groß genug, ist eben alles möglich. Auch dass der Handel von Diamanten über schier unüberwindliche politische und religiöse Grenzen realisiert wird. In das Geschäft teilen sich Juden aus Antwerpen, Araber aus dem Hisbollah-beherrschten Südlibanon und Inder, deren Herkunft zum Teil im umkämpften Kaschmir-Gebiet liegen soll.
Doch das alles scheint marginal, schließlich hat sich die UNO doch ganz in den Dienst des Anti-Terror-Kampfes gestellt. So sagte es zumindest Jean-Paul Laborde, der für die Weltorganisation die Stellung bei einer Anti-Terror-Zentrale in Wien hält. Laborde erinnerte an eine Geschichte.
Sie handelt von der Schildkröte und dem Hasen, die einen Wettlauf veranstalten. Warum auch immer, am Ende soll angeblich die Schildkröte gewonnen haben. »Und wir, meine sehr verehrten Damen und Herren«, so Laborde ganz optimistisch, »sind die Schildkröte...«


Was nach dem 11. 9. 2001 geschah

11.4. 2002: Anschlag auf die Synagoge von Djerba (Tunesien). 21 Tote.
12.10.2002: Anschläge auf der indonesischen Insel Bali. 202 Menschen sterben.
23.10.2002: Überfall auf das Moskauer Musical-Ttheater »Nord-Ost«. Beim Sturm sterben 170 Menschen, darunter alle 41 Terroristen.
Februar 2003: In Südalgerien werden 32 Touristen als Geiseln genommen. Eine Frau stirbt an den Strapazen der Haft, die anderen werden freigekauft.
7.6.2003: Ein Attentäter sprengt sich in Kabul (Afghanistan) mit vier Bundeswehrsoldaten in die Luft. Ein Passant stirbt ebenfalls.
7.8.2003: Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad. 17 Tote.
19.8.2003: Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad. 23 Menschen, darunter der UN-Beauftragte Sergio Viero de Mello sterben. Fortan werden Attentate in Irak zur Alltäglichkeit.
15. und 20.11.2003: In Istanbul (Türkei) werden vier Anschläge verübt. Mindestens 63 Tote
11.3.2004: Anschläge auf Vorortzüge in der spanischen Hauptstadt Madrid. 191 Tote gehören zur mörderischen Bilanz.
1.9. bis 3.9.2004: Terroristen richten ein Blutbad in der nordossetischen Schule von Beslan an. Mindestens 335 Menschen - vor allem Kinder - sterben.
9.9.2004: Attentat auf die australische Botschaft in Jakarta (Indonesien). Neun Tote.
hei

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln