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Wir dürfen uns nicht wie Blätter im Wind treiben lassen

Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano über George W. Bush, den Wahlsieg der Linken in Uruguay und ein Signal gegen die Wasserprivatisierung

»Die offenen Adern Lateinamerikas«. Mit diesem Werk wurde Eduardo Galeano 1971 weltweit bekannt. Seit seiner Rückkehr aus dem Exil nach dem Ende der Militärdiktatur in Uruguay 1985 setzt sich Galeano für die Demokratisierung des Landes ein. Mit ihm sprach in Montevideo für ND Gerhard Dilger.
ND: Herr Galeano, noch einmal vier Jahre Bush & Co. - was bedeutet das für uns?
Galeano: Es ist ein Sieg der Angst. Die Welt ist einer Diktatur der Angst unterworfen, einer unsichtbaren Diktatur, die nur manchmal sichtbar wird. Die USA-Öffentlichkeit ist besonders empfindlich, wenn Panik gesät wird. 60 Prozent glauben an die Existenz des Teufels. Er wechselt seine Verkleidung, vorher war es der Kommunismus, heute ist es der islamische Terrorismus.
Es ist kein Zufall, dass wenige Tage vor dieser Katastrophe für die Menschheit Bin Laden aufgetaucht ist, um seine Drohungen auszustoßen und große Katastrophen anzukündigen. Ich weiß nicht, ob er von Bush bezahlt wird, aber verdient hätte er es. Was wäre das Gute ohne das Böse? Dabei ist das »Gute« eine absolut verrückte Art, die Welt zu organisieren: Am Tag werden 2,5 Milliarden Dollar in die Industrie des Todes gesteckt. Mit den Ausgaben von zehn Tagen könnte man das Leben aller Kinder retten, die jedes Jahr an heilbaren Krankheiten sterben oder verhungern. Aber zur Rechtfertigung dieser Militärausgaben braucht der kapitalistische Himmel einen Teufel, und wer eignet sich besser als Bin Laden mit seinem Bärtchen, seiner Maschinenpistole, diesem Blick.

Kerry wäre Ihnen also lieber gewesen?
Wäre ich USA-Bürger, ich hätte für Ralph Nader gestimmt, denn ich glaube, das Schlimmste für eine Demokratie ist eine Einheitspartei, die sich als zwei Parteien ausgibt, wie wir es in Uruguay 170 Jahre lang mit den Blancos und den Colorados gehabt haben. Mit Nader gab es eine kleine Möglichkeit, dass etwas anderes hätte entstehen können. Aber das verleitet mich nicht zu der Ansicht, dass Bush das Gleiche ist wie Kerry, natürlich ist Bush viel schlimmer.
Wir sind in der Hand eines Verrückten, der von Leuten umgeben ist, die alles andere als verrückt sind und diesen irrationalen Diskurs organisieren. Wie die Betrunkenen negieren die Verrückten das Offensichtliche. Bush sagt, die Welt werde immer sicherer, während sie in Wahrheit an allen Stellen explodiert.

Manche sagen ja, solange die USA in anderen Teilen der Welt beschäftigt sind, können sie in Lateinamerika nicht so viel Unheil anrichten. Sehen Sie das ähnlich?
Auf die direkten militärischen Unternehmungen trifft das zu, die Marines sind in Irak beschäftigt. Aber bei uns landen andere Soldaten, die genauso viel oder sogar mehr zerstören: die Technokraten des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Welthandelsorganisation. Diese Machtstruktur setzt uns mehr zu als je zuvor. Es stimmt also nicht, dass ihnen Lateinamerika egal ist, dass sie uns in Ruhe lassen.

Nun ist ja auch in Uruguay gewählt worden...
Ja, aber hier war es ein Sieg über die Angst. Das ist neu. Hier hat die Rechte nämlich auch eine Angstkampagne gefahren, die haben die »Frente Amplio« (Breite Front) mit den Tupamaros gleichgesetzt und suggeriert, die Linken seien Entführer, Mörder, Diebe, Vergewaltiger und Feinde der Demokratie. Ein Kandidat für die Vizepräsidentschaft sagte, alle Uruguayer müssten sich gleich kleiden, so wie die Chinesen zu Maos Zeiten.
Auch der Sieg im Wasser-Plebiszit war ein Sieg über die Angst. Verbreitet wurde, Uruguay werde sich ohne die Privatisierungen in ein Land der schwarzen Brunnen verwandeln, die Uruguayer seien Exoten, Marsmenschen in einer Welt, wo das Wasser privat verwaltet werde, diese Lüge hat der Kulturminister verbreitet!

Tatsache ist: Die Spielräume für die neue Linksregierung werden eng sein.
Ja, es ist klar, dass Uruguay nicht die Kraft hat zu sagen: Wir werden die Schulden nicht mehr bezahlen. Das wäre realitätsfremd. Aber Uruguay kann und muss sich mit den anderen lateinamerikanischen Ländern zusammentun, um gemeinsam gegen den Würgegriff der Verschuldung und der internationalen Märkte anzugehen. Die Großen - Brasilien, Argentinien und Mexiko - müssen davon überzeugt werden, dass auch sie denselben stählernen Gesetzen der internationalen Machtstruktur unterworfen sind. Wenn sie glauben, sie können sich alleine retten, dann sind sie geliefert. Es gibt keinen Raum für die Einsamkeit.

Was ist das Besondere an der uruguayischen Linken?
Die Frente Amplio ist wirklich ein Bündnis mit vielen Widersprüchen. Als Sohn von Marx und Enkel von Hegel bin ich davon überzeugt, dass der Widerspruch der Motor der Geschichte ist. Deswegen mache ich mir auch nicht das Geringste aus den Widersprüchen der Frente, sie sind ja der Beweis, dass sie lebendig ist. Andere Genossen sind darüber entsetzt, die kommen sich superrevolutionär vor und sind Anhänger einer linearen Logik. Sie verwechseln Einheit und Konformismus.
Und dann die Geduld. Die Frente ist ganz langsam aufgebaut worden, ab 1971 und mit einer brutalen Unterbrechung durch die Militärdiktatur. Danach ist dieser Impuls, diese Energie wieder aufgegriffen worden und Bewusstsein für Bewusstsein, Haus für Haus, erobert worden, mit einer geradezu chinesischen Geduld. Das war unglaublich, denn üblicherweise ist die Linke sehr ungeduldig. Jetzt ist diese Entwicklung in den Wahlsieg gemündet.

Könnten Sie den gewählten Präsidenten in wenigen Worten charakterisieren?
Tabaré Vázquez ist sehr nüchtern, ernsthaft, verantwortungsvoll und kohärent. Sein ganzes Leben lang haben seine Taten und sein Handeln übereingestimmt. Er ist sehr, sehr uruguayisch in seiner sanften, verhaltenen Art zu reden. Er treibt die Nüchternheit auf die Spitze, wenn man das sagen kann.

In puncto Vergangenheitsbewältigung haben sich die führenden Frente-Vertreter sehr vorsichtig geäußert...
Ja, wie eigentlich auf allen Gebieten. Wir müssen um die Rückgewinnung der Erinnerung und gegen Uruguay als Paradies der Straflosigkeit kämpfen. In den Jahren des erzwungenen Gedächtnisverlustes mussten wir den Müll unter dem Teppich verstecken und den Mund halten. In der ersten Etappe geht es darum, den Artikel vier des entsetzlichen Amnestiegesetzes auszuschöpfen, gegen das wir 1989 erfolglos ein Plebiszit organisiert hatten. Dieser Artikel, wonach Untersuchungen in Mordfällen durchaus möglich sind, ist nie angewendet worden. In dieser ersten Etappe könnte man schon einiges erreichen.

Aber hat die künftige Regierung den politischen Willen dazu?
Ja, zur ersten Etappe bestimmt, das hat Tabaré Vázquez auch versprochen. Dann sehen wir weiter. Es ist ein langer Weg, aber es nützt nichts, groß herumzuschreien. Es geht darum, langsam mit klarem Ziel zu handeln.

All das klingt doch sehr nach dem, was der brasilianische Präsident Lula immer sagt. Nur ist der jetzt schon fast zwei Jahre im Amt, und die Ergebnisse sind bescheiden. Die neoliberale Logik scheint übermächtig.
Die Regierung Lula ist sehr widersprüchlich. Die Freigabe der Gensoja zum Beispiel ist schwer zu verstehen. Die besten Signale gehen in die Richtung, die gemeinsame Front zu erweitern, in der Wirtschaftsgemeinschaft MERCOSUR, oder innerhalb der Welthandelsorganisation der Versuch, mit Indien, Südafrika und China zusammenzuarbeiten. Doch auch hier ist der Ausgang offen. Uruguay jedenfalls ist zur Kooperation mit Argentinien und Brasilien verurteilt, wir können uns nicht in ein eigenes Abenteuer stürzen.

Wie fühlen Sie sich heute angesichts der Nachrichten aus den USA und der Hoffnung, die in Uruguay mit Händen zu greifen ist?
Solche Situationen sind eine Herausforderung. Viele US-Amerikaner denken, die Welt sind sie. Die Welt sieht das vielleicht anders. Es ist an der Zeit, nein zu sagen, wir dürfen uns nicht weiter wie Blätter im Wind treiben lassen. Wir müssen den Widerstand organisieren, im Namen des Planeten, der in diesem Rausch der Gewalt und des Konsums unterzugehen droht.
Die Welt muss ihnen sagen: Ihr dürft nicht über uns verfügen. Das gilt besonders für uns Lateinamerikaner, denen die Erniedrigung jahrhundertelang eingetrichtert worden ist. Uruguay ist ein kleines, fast geheimes Land, das nie in den Medien auftaucht. Unser Wasser-Plebiszit hat jedoch Aufmerksamkeit verdient. Jetzt ist das Wasser als öffentliches Recht und Gut für alle in der Verfassung verankert und die privaten Geschäftemacher sind draußen. Das sollte man uns nachmachen!

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