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»Daheim, da ist es immer so laut«

Im pfälzischen Wörth möchten die Kinder ihre Ganztagsschule nicht mehr missen

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: ca. 7.0 Min.

Mitte 2003 wurde vom Bund und den Ländern das Ganztagsschulprogramm ins Leben gerufen. Bis 2007 soll es in Deutschland 10000 zusätzliche Ganztagsschulen geben. Vier Milliarden Euro lässt sich das der Bund kosten. Dass das Geld gut angelegt ist, zeigt die Regionale Schule im pfälzischen Wörth.

Punkt acht Uhr: Die Schulglocke läutet zum Unterrichtsbeginn. Für den Ortsfremden hat diese Schule nichts Einladendes: ein grauer Betonklotz aus den 60er Jahren. Warum sollen hier Kinder bereitwillig einen Großteil der Tageszeit verbringen?
Vor zwölf Jahren stellt sich diese Frage auch Joachim Paul, Rektor der damaligen Wörther Hauptschule. Die Schülerzahlen sanken, die Einrichtung stand kurz vor der Schließung. Die Umwandlung in eine Regionalschule mit größerem Einzugsgebiet und der Ausbau in eine kombinierte Haupt- und Realschule brachte die Rettung. Heute legen rund 60 Prozent der Schüler nach der 10. Klasse die Mittlere Reife ab. Bis zur neunten Klasse bleiben sie zusammen in einer Klasse, nach der 6. Klasse erfolgt lediglich die so genannte innere Differenzierung, d.h. der Unterricht ist in den Hauptfächern in Haupt- und Realschulkurse aufgeteilt.

Mehr Anmeldungen als freie Plätze
Doch Joachim Pauls Schule ist noch in anderer Hinsicht außergewöhnlich. Hier endet der Unterricht erst um 16 Uhr, nur am Freitag ist bereits nach der sechsten Stunde Schluss. Mit 240 von damals 600 Schülern wurden im Jahr 2000 die ersten Ganztagsklassen ins Leben gerufen. »Der Start war nicht einfach, denn viele Eltern befürchteten, dass wir an den Nachmittagen nur ein Freizeitprogramm anbieten werden«, umschreibt Joachim Paul die Reaktionen. Doch das Misstrauen legte sich rasch. Derzeit gebe es mehr Anmeldungen als freie Plätze zur Verfügung stünden. Sogar aus Baden-Württemberg, das ein paar Kilometer weiter östlich auf der anderen Seite des Rheins beginnt, kommen Kinder nach Wörth. Um den Schulbesuch an der Ganztagsschule zu ermöglichen, hätten manche Eltern sogar ihren Wohnsitz nach Wörth verlegt, erzählt Joachim Paul.
Die Eltern haben unterschiedliche Gründe, ihre Kinder ganztags zur Schule zu schicken. Die Berufstätigkeit beider Elternteile sei zu 50 Prozent der Hauptgrund, weiß Joachim Paul. Auch der Anteil allein Erziehender sei relativ hoch. Dennoch hat sich die Ganztagsschule auch in Wörth noch nicht vollständig durchgesetzt. Auch nach vier Jahren sind nur etwa ein Drittel der Kinder Ganztagsschüler. Das dürfte auch daran liegen, dass sich bestimmte Vorurteile hartnäckig halten. »Da sollen die Leute ihre Kinder hinschicken, die arbeiten müssen und keine Zeit haben, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern«, fasst Paul die negativen Meinungen zusammen.
Der »Klassendünkel« findet sich auch innerhalb der Lehrerschaft. In Rheinland-Pfalz haben sich in den letzten zwei Jahren zwar viele Ganztagsschulen neu gegründet, doch nur wenige davon sind Gymnasien. Viele Gymnasiallehrer lehnen diesen Schultyp ab. »Wir sind doch keine Aufpasser, dafür sind die Eltern zuständig«, gibt Joachim Paul Äußerungen von einigen Studienräten wider. Viele Eltern befürchten aber auch, dass in Ganztagsschulen die Kinder weniger Zeit zum Spielen und kaum noch Möglichkeiten hätten, außerschulische Kontakte zu pflegen. Außerdem würden sie durch ihre lange Abwesenheit von zu Hause der eigenen Familie entfremdet.
Wie so oft, sind die Kinder auch bei diesem Thema schon weiter als die Erwachsenen. Fragt man einen der derzeit 260 Ganztagsschüler in Wörth nach seinen Erfahrungen, dann erhält man durchweg positive Reaktionen. Er gehe gern in die Ganztagsschule«, erzählt Max. Der 11-Jährige wohnt wie so viele seiner Mitschüler nicht in Wörth und nimmt einen längeren Schulweg in Kauf. Deshalb ist er auch immer erst gegen 17 Uhr zu Hause. »Das macht aber nichts, mit meinen Kumpels bin ich dafür am Wochenende viel zusammen«, sagt er. »Außerdem habe ich hier viele neue Freunde gefunden«. Mit denen spielt er während der Freizeit in der Schule Fußball. Sein Freund Alexander ergänzt: Die Ganztagsschule sei weniger anstrengend als die Halbtagsschule. »Hier kann ich mit anderen Kindern zusammen sein und muss mich nicht mit den Erwachsenen rumärgern.« Einen anderen Vorteil hat Orkan entdeckt. Ihm gefällt es, dass er hier mehr Zeit und Ruhe hat, seine Hausaufgaben zu erledigen - »daheim sind wir viele Geschwister, da ist es immer so laut«.

Drei Euro fürs tägliche Mittagessen
13:10 Uhr. Für 500 Kinder und Jugendliche beginnt jetzt der schulfreie Nachmittag. Die Ganztagsschüler dagegen gehen jetzt zum Mittagessen. Rinderbraten mit Rotkraut und Klößen steht heute auf dem Speiseplan. Drei Euro müssen die Eltern dafür bezahlen. Für manche Familie mit schmalem Geldbeutel ist das nicht wenig, dafür gibt es jedoch Qualität. »Das Essen wird jeden Tag frisch zubereitet, Tiefkühlkost kommt bei uns nicht auf den Tisch«, berichtet der erste Konrektor Fritz Hock. Gut die Hälfte der Schüler macht vom Essensangebot Gebrauch. Der Rest bringt sein Lunchpaket von zu Hause mit. »Wir achten aber darauf, dass die Kinder etwas Ordentliches mitbekommen«, betont Fritz Hock. »Nur ein paar Groschen für den Bäcker, das ist nicht drin.«
13:30 Uhr. Im Lehrerzimmer herrscht Betriebsamkeit, jedoch keine Hektik. Anfangs hätten einige Kollegen befürchtet, dass mit der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb auch eine Mehrbelastung auf sie zukomme, erzählt Fritz Hock. Doch diese Befürchtung habe sich als unbegründet herausgestellt. Zusatzarbeit müsse hier niemand leisten, betont Schulleiter Paul. Die Arbeitszeit ist individuell gestaltbar. Manche Lehrer arbeiten an bis zu drei Nachmittagen in der Woche. Dafür erhalten sie einen Tag frei. Von den Kollegen werde diese Regelung positiv aufgenommen, versichert Joachim Paul. »Wir haben Arbeitsplätze für die Lehrer eingerichtet, an denen sie ihren Unterricht vor- und nachbereiten können«, erklärt er. Vor allem aber habe sich die Teamarbeit verbessert. »Die Kollegen sitzen in der unterrichtsfreien Zeit zusammen und besprechen sich, das gab es vorher nicht.« Diesen positiven Effekt betont auch die Deutsch- und Biologielehrerin Marianne Ochsenreither. »Wir Lehrer haben jetzt mehr Möglichkeiten, auf einzelne Schüler einzugehen und unser pädagogisches wie didaktisches Vorgehen zu koordinieren.«
13:45 Uhr. Die Lehrer eilen in ihre Klassenzimmer. Auf dem Stundenplan der 5 C steht »Hausaufgaben/Übungsstunde«. In der Matheklasse von Marco Rieder brüten die Schüler über den Geometrie-Aufgaben, die sie während der Mathe-Stunde heute Vormittag erhalten haben. Allein oder in Gruppen wird gerechnet und gezeichnet. Wer nicht mehr weiter weiß, fragt Mitschüler oder sucht beim Lehrer um Hilfe nach. Wer fertig ist, kann Hausaufgaben aus anderen Fächern erledigen oder bekommt von Marco Rieder Zusatzaufgaben gestellt. Auf diese Weise wird das individuelle Lerntempo der Schüler besser berücksichtigt. »Das ist der große Vorteil von Ganztagsschulen«, erklärt der Junglehrer. Während der Hausaufgabenstunden könne er die Schüler besser beobachten, schwächere Schüler fördern und lernstärkere Schüler fordern.

Mit dem Förster in den Wald
14:30 Uhr. Die letzten beiden Schulstunden brechen an. An zwei Nachmittagen findet Förder- bzw. Ergänzungsunterricht statt. An den anderen beiden Tagen arbeiten die Schüler in verschiedenen Projekt- und Arbeitsgruppen. Auf der Stundentafel stehen zum Beispiel Bodybuilding, Chemische Experimente, Holztechnik, Schülerzeitung, Theater, Tischtennis, Schulgarten oder Berufsorientierung in der Lernwerkstatt. Ein Gärtner, ein Förster und ein Schreiner ergänzen das Kollegium.
16 Uhr - Schulschluss. Die Kinder strömen zur Straßenbahnhaltestelle. Es sind fröhliche Kinder. Hier sind also alle zufrieden mit ihrer Schule. Natürlich nicht alle, schränkt Joachim Paul ein. Die Anmeldung für den Ganztagsbetrieb ist für ein Jahr verbindlich. Nach diesem Jahr wollen aber einige der Schüler nicht mehr. Sagen sie zumindest, in Wahrheit können sie aber nicht, weil sie zum Beispiel auf die kleine Schwester aufpassen müssen, für die die Eltern keinen Krippenplatz mehr bekommen haben. Manche aber wollen auch wirklich nicht mehr bis um 16 Uhr zur Schule gehen - zum Beispiel, weil die beste Freundin dies auch nicht tut. »Eltern geben in diesen Fällen leichtfertig den Wünschen ihrer Kinder nach«, kritisiert die zweite Konrektorin Rita Ulm. Für manche Eltern sei es der bequemere Weg, die Kinder einfach vor die Glotze zu setzen. »Dies aber rächt sich später, wie die schlechten PISA-Ergebnisse gezeigt haben«, ist sich die Lehrerin sicher.
Viele sind es allerdings nicht, die sich nach einem Jahr abmelden. Und manchmal kommt es auch vor, dass ein Halbtagsschüler in die Ganztagsklasse wechseln will, weil dort sein bester Freund ist. Joachim Paul kann das nur recht sein.


Ganztagsschulen
Im Jahr 2000 gab es insgesamt 2015 Ganztagsschulen in Deutschland. Dies entspricht einem Anteil von 4,8 Prozent der allgemein bildenden Schulen. Spitzenreiter in dieser Statistik ist Thüringen mit 9,8, Schlusslichter Bayern mit 0,4 Prozent. Gut ein Drittel der Schulen sind Sonderschulen, ein Fünftel Gesamtschulen, lediglich sechs Prozent Gymnasien.
In Rheinland-Pfalz werden derzeit 163 Ganztagsschulen mit Mitteln des Bundes gefördert. Insgesamt sollen bis 2006 dreihundert Ganztagsschulen neu entstehen. Damit steigt der Anteil solcher Schulen im Land von 6,6 auf über 17 Prozent.
Voraussetzung für die Förderung ist die Vorlage eines pädagogischen Konzepts, das z.B. einen veränderten Unterricht, u.a. durch die Lösung vom 45-Minuten-Takt, mehr individuelle Förderung und eine verbesserte Teilnahme der Eltern und Schüler an der Schularbeit bietet.

www.regionale-schule-woerth.de;
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