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Bis zu jenem Tag im Dezember...

1984 wurden in Mosambik acht DDR-Entwicklungshelfer ermordet

Der 6. Dezember 1984 war ein schwarzer Tag für die Entwicklungshilfe der DDR. Bei einem Terroranschlag in Mosambik wurden acht Landwirtschaftsexperten, die aus verschiedenen LPG kamen, getötet - der größte Anschlag dieser Art in 40 Jahren DDR-Geschichte.
Die DDR-Nachrichtenagentur ADN verbreitete am 7. Dezember 1984 eine Meldung, nach der Tags zuvor in der Volksrepublik Mosambik »bei einem brutalem Überfall konterrevolutionärer Banden sieben Bürger der DDR heimtückisch ermordet« wurden. Zwei weitere wurden verletzt, einer verstarb später. Die DDR-Landwirtschaftsspezialisten, hieß es in der Meldung weiter, befanden sich auf dem Weg zu ihrer Arbeit in der Staatsfarm Unango. Mit diesem Anschlag vor 20 Jahren fand eines der erfolgreichsten neuen Landwirtschaftsprojekte in der VR Mosambik ein tragisches Ende. Auch in vielen anderen Objekten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit musste die DDR danach ihr Engagement aus Sicherheitsgründen verringern. Im Oktober 1981 war mit Unterstützung der DDR der Aufbau einer Staatsfarm auf einem Areal von 4500 Hektar Savanne in der Provinz Niassa begonnen worden. Der Standort der Farm Empresa Estatal da Agricultura de Unango (Staatlicher Landwirtschaftsbetrieb von Unango) befand sich 60 Kilometer von der Provinzhauptstadt Lichinga entfernt. Da die für die DDR-Helfer vorgesehenen Wohnstätten in Ungango noch nicht fertig waren, lebten sie mit ihren Familien in Lichinga und fuhren täglich von hier zu ihrer Arbeitsstätte. Die mosambikanischen Arbeitskräfte der Farm waren überwiegend amnestierte Häftlinge und so genannte Asoziale, die aus Maputo und anderen größeren Städten im Rahmen der »Operation Produktion« auf das flache Land umgesiedelt worden waren. Von Landwirtschaft hatten die meisten keine Ahnung. Trotzdem hatte sich innerhalb von drei Jahren ein Stamm von Technikern und Arbeitern herausgebildet, der auf drei erfolgreiche Ernten verweisen konnte. Im dritten Wirtschaftsjahr bestellte die Staatsfarm etwa 1300 Hektar, davon 1000 Hektar mit Mais, und das mit Hektarerträgen, die bis dahin in der Region noch nicht erreicht worden waren. Unter Leitung der DDR-Experten wurden zwei Staudämme errichtet. Dadurch konnte in größerem Umfang Gemüse angebaut werden. Auf einer Fläche von 50 Hektar gediehen Bananen, Ananas, Paprika, Blumenkohl, Erbsen, Gurken, Tomaten, Zwiebeln und vieles mehr. Zunächst war der Obst- und Gemüseanbau nur für die Versorgung der Farmarbeiter gedacht, aber schon bald konnte auch die Bevölkerung der Provinzhauptstadt Lichinga zusätzlich mit Gemüse beliefert werden, es gab sogar einen eigenen Gemüseladen im Zentrum der Stadt. Natürlich wussten die DDR-Bürger von den Versuchen der Rebellenorganisation Renamo, die Lage im Land zu destabilisieren. Die bewaffneten Banditen hatten sich als Ziele für ihre Anschläge vor allem solche Objekte ausgesucht, die bei der Bevölkerung großen Anklang fanden und als Erfolge der Frelimo-Führung gewertet wurden: Schulen, Verkehrswege, Gesundheitsposten, Versorgungsstützpunkte. Immer wieder gab es Tote, aber bis zu jenem Dezembertag waren Ausländer verschont geblieben. So fühlten sich die DDR-Experten ziemlich sicher, zumal die Kolonne nach Unango von bewaffneten mosambikanischen Begleitern geschützt wurde. Wie an jedem Werktag setzten sich die Fahrzeuge am Morgen des 6. Dezember 1984 in Bewegung. Monika Smardz, die Leiterin der Viehzuchtabteilung, hatte an diesem Tag Haushaltstag. Am Morgen in Lichinga sah sie die Opfer zum letzten Mal: den Bauingenieur Manfred Lindner, den Meister Klaus Einicke, die Mechanisatoren Helmut Liepe, Hans-Jürgen Michel und Hans-Dieter Wagner, den Fachmann für Beregnung und Rodung Günter Skibbe, den Brigadier für Feldwirtschaft Uwe Wriedt und ihren Ehemann Wolfgang Smardz. Etwa 10 Kilometer vor Unango wurde die Kolonne beschossen und zum Halten gebracht, die meisten der DDR-Bürger und fünf mosambikanischen Begleitkräfte starben durch Kopfschüsse aus nächster Nähe. Auch einer der beiden in der ADN-Meldung erwähnten Verletzten erlag seinen schweren Verletzungen. Nach dem Terroranschlag wurden die DDR-Entwicklungshelfer sofort aus Lichinga abberufen. Die mosambikanischen Kollegen versuchten zunächst, die Farm am Leben zu erhalten. Doch nachdem die Renamo-Leute auch die Staudämme zerstörten, konnte es auch keine guten Ernten mehr geben. Der Betrieb zerfiel schließlich in viele Einzelwirtschaften. Geblieben aber ist die Erinnerung an acht Deutsche aus der DDR, die in Unango ihr Leben für eine bessere Zukunft Mosambiks gaben. Ein ausführlicher Bericht von Monika Smardz über die Arbeit in Unango und eine Studie über »Das entwicklungspolitische Engagement der DDR zwischen Solidarität und Risiko« von Dr. Ulrich van der Heyden erscheint Anfang 2005 in dem Sammelband »Wir haben Spuren hinterlassen. Die DDR in Mosambik« im Lit-Verlag Münster.

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