Ein Kontinent wird »ausgequetscht«

Deutsche Außenpolitik hat Afrika entdeckt - für den Außenhandel / UNCTAD kritisiert den Westen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.

Die politische Spitze der Bundesrepublik hat sich in diesem Jahr Afrika zugewendet. Der amtlich gepflegte Optimismus hat aber wenig mit der Realität des verarmten Kontinents zu tun.

Horst Köhler hat am Montag seine erste große Auslandsreise als Bundespräsident begonnen. In Afrika seien große Probleme und tiefe Not zu finden, aber auch Lebensfreude, Mut und Stolz, »gegen die manche Haltungen in Europa beschämend kleinmütig erscheinen«, sagte Köhler vor seiner zehntägigen Reise in vier afrikanische Länder. In diesem Jahr hatte schon Kanzler Gerhard Schröder zusammen mit Unternehmenschefs Afrika besucht, um Investitionen und Außenhandel zu befördern. Laut Außenminister Joschka Fischer bietet der Kontinent große politische und wirtschaftliche Chancen.
Diesem amtlichen Afrika-Optimismus widersprechen Experten. »Lediglich einige kleine Inseln behaupten sich in einem Meer des Unglücks«, sagt etwa der französische Publizist Stephen Smith. Die eine Hälfte des Kontinents sei durch Kriege und Gewalt verwüstet, die andere vegetiere zwischen Krise und Korruption. Krankenhäuser und Schulen verfielen, der Staat verflüchtige sich, überall schlage Aids zu. Die besten Köpfe emigrieren nach Europa und in die Vereinigten Staaten. Das traurige Fazit von Smith: »Afrika stirbt.«
Harmloser klingen die Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). In Subsahara-Afrika ist die Arbeitslosenquote 2003 leicht zurückgegangen - auf 10,9 Prozent. Statistisch betrachtet sieht es in Deutschland nicht viel anders aus. Allerdings gibt es in Afrika kaum staatliche Unterstützung für Erwerbslose, und der Statistik darf wohl noch weniger getraut werden. Verschärft wird die Arbeitslosigkeit durch Strukturreformen im öffentlichen Dienst, die der Internationalen Währungsfonds, dem Köhler einst vorstand, verordnet hat. Zudem fehlt es an Infrastruktur und an Binnennachfrage, um die Wirtschaft selbstständig anzukurbeln. Und die reichen Golfstaaten schicken zurzeit viele afrikanische Arbeitskräfte wieder zurück, um sie durch Einheimische zu ersetzen.
»Es scheint unmöglich, das Millenniums-Entwicklungsziel in Afrika zu erreichen«, lautet das pessimistische Fazit der ILO. Die Halbierung der Armut bis 2015 ist ohnehin ein kühnes Ziel, da in Subsahara-Afrika die Hälfte der Menschen in strenger Armut lebt, also am Tag mit weniger als umgerechnet 1,08 US-Dollar auskommen muss. Darunter fallen auch sehr viele Erwerbstätige.
Zu den Problemen, die einen wirtschaftlichen Aufschwung Afrikas behindern, gehören horrende Schulden gegenüber dem reichen Norden. Die HIPC-Initiative sollte 42 hoch verschuldeten armen Ländern - zumeist aus Afrika - helfen. Aber bis heute wurde nur zehn Ländern ein Teil ihrer Schulden gestrichen. Und der Erlass reicht nicht aus, um ein tragfähiges Schuldenniveau zu erreichen, wie Nichtregierungsorganisationen klagen.
Zur ökonomischen Wahrheit Afrikas gehört aber auch der Reichtum an Bodenschätzen, vor allem an Öl und Gas. Die beiden Güter sind dreieinhalb Mal so wichtig wie alle anderen Exportgüter zusammen, hat die UN-Handelsorganisation UNCTAD errechnet. Dieser Reichtum schafft jedoch eine Abhängigkeit vom Ausland und destabilisiert vielerorts die politische Lage - an den üppigen Rohstoffvorkommen bereichern sich heimische Wirtschaftskreise und Politiker ebenso wie ausländische Konzerne.
Unterm Strich findet Afrika im Welthandel aber kaum noch statt. Der Anteil sank von sechs Prozent zur Zeit der Entkolonialisierung auf knappe zwei Prozent heute. Die UNCTAD klagte deshalb kürzlich den reichen Westen an, Afrika förmlich »auszuquetschen«. Zwischen 1970 und 2002 flossen zwar 540 Milliarden Dollar an Krediten nach Afrika und sorgten für den hohen Schuldenberg, im selben Zeitraum flossen jedoch 550 Milliarden zurück. Verantwortlich dafür, so die UN-Experten, seien die protektionistische Agrarpolitik der Industriestaaten sowie die »Globalisierung«, die sich auf einige wenige Zentren konzentriere. Schuld sei aber auch der einseitig aus Rohstoffen und Agrarprodukten bestehende Außenhandel Afrikas. Die Gewinne daraus hängen von Unwägbarkeiten ab - dem Wetter sowie dem gnadenlosen Auf und Ab der Weltmarktpreise. Diese sind seit den 80er Jahren förmlich eingebrochen.


Armut global
So hat sich der Anteil armer Menschen an der Gesamtbevölkerung
(unter 1,08 US-Dollar/Tag; in Prozent) von 1990 bis 2001 verändert:

Subsahara-Afrika: 44,6  46,9
Indien: 42,1  34,7
Südasien: 41,3  31,3
Ostasien/Pazifik: 29,6  14,9
China: 33,0  16,6
Lateinamerika: 11,3  9,5
O-Europa/Zentr.-Asien: 0,5  3,7
N-Afrika/Mittl. Ost.:2,3  2,4
Ges...

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