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Regionale »Knoten« gegen Armut

Gesundheitsprävention bei sozial Schwachen

  • Von Daniel Rühmkorf
  • Lesedauer: 2 Min.
Wie können Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Migranten oder Arbeitslose besser in die medizinische Prävention einbezogen werden. Der 10. Berliner Kongress »Armut und Gesundheit« suchte Lösungen.
Armut verkürzt die Lebenserwartung. In Deutschland werden Männer aus den oberen 25 Prozent der Einkommensverteilung zehn Jahre älter als jene aus dem unteren Viertel. Bei Frauen beträgt diese Differenz noch fünf Jahre. Grund genug, in der Präventionsarbeit auf den lebensweltorientierten Ansatz zu achten und diese Gruppen in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Vergangenes Wochenende nutzten 1200 Akteure der Selbsthilfebewegung, kommunaler Hilfestellen, Kassen und Regierungsbehörden die Chance, sich auf dem 10. Kongresses »Armut und Gesundheit« in Berlin darüber auszutauschen, wie Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Migranten oder Arbeitslose besser erreicht werden können. Einhellige Kritik gab es an der Politik der Bundesregierung, die nicht nur durch die Arbeitsmarktreform Hartz IV, sondern auch durch die Gesundheitsreform die Chancen zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Ärmsten zusätzlich verschlechtert. Einer Studie der Berliner Kassenärzte zufolge gingen 2004 durch die Einführung der Praxisgebühr die Arztbesuche um acht Prozent zurück. In den ärmeren Stadtteilen betrug der Rückgang sogar 18 Prozent. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt, dass sich gegenüber 1990 der Anteil der Armen von 12.4 auf 13,8 Prozent der Bevölkerung erhöht hat, sagte Rolf Rosenbrock, Mitglied des Sachverständigenrats für Gesundheitsfragen. »Die Armut in Deutschland steigt stärker als die Krankenkassenbeiträge«, konstatierte er und forderte die Regierung auf, endlich gegenzusteuern. Was sollen Programme zur Gesundheitsprävention bewirken, wenn die Armut voranschreitet? Die Berliner Sozial- und Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) berichtete, dass in Berlin sogar 17 Prozent unter der Armutsschwelle lebten. Berlin sei ein Notlagenland, das die Fehlsteuerung der Bundesregierung nicht ausgleichen könne. Viel diskutiert wurde das neue Präventionsgesetz, das Krankenkassen, Unfall-, Renten- und Pflegeversicherungen verpflichtet, jährlich insgesamt 250 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. 40 Prozent davon müssen für die Präventionsarbeit bei Menschen mit niedrigem Einkommen, niedriger Schulbildung oder niedriger Stellung im Beruf verwendet werden. Um diese sozial Benachteiligten besser erreichen zu können, müssten die Angebote regional vernetzt werden, sagte Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Diese »regionalen Knoten« - Landeskoordinierungsstellen für Präventionsprojekte -, werden von der BZgA, dem BKK-Bundesverband und weiteren Sponsoren gefördert. »Die jeweiligen Projekte werden vor Ort qualitätsgesichert begleitet und unterstützt«, erläuterte Raimund Geene, Geschäftsführer von »Gesundheit Berlin«. Sein Verein bildet ebenfalls einen »regionalen Knoten«. Das Thema »Armut und Gesundheit« bleibt ein Dauerbrenner. Ohne flankierende Maßnahmen in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und Verbraucherschutz kann ein noch so gut gemeintes Programm zur gesundheitlichen Förderung der Armen nicht funktionieren. Denn die eigene Gesundheit ist für Menschen ohne Arbeit, ohne Bildung und ohne Zukunft oft das kleinste Problem.

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