Genossenschaft bleibt aktuell

Gründungsrate niedrig / Verband will Kommunen anstacheln

  • Von Hendrik Lasch, Delitzsch
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.

Kommunen sollen bei der Auslagerung von Aufgaben öfter Genossenschaften gründen. Dafür wirbt der Genossenschaftsverband - auch, um ein Unternehmensmodell zu propagieren, das vielfach als unattraktiv gilt.

»Schüler jonglieren mit Millionen« - solche Schlagzeilen sind oft zu lesen, denn Börsen-Planspiele und damit die Prinzipien einer Aktiengesellschaft gehören vielerorts zum Unterrichtsstoff. Auch was eine GmbH ist, wissen meist schon Jugendliche. Wie eine Genossenschaft funktioniert, erfahren dagegen selbst Betriebswirtschaftler im Studium nur selten. Dabei, sagt Markus Hanisch von der Humboldt-Universität Berlin, verdiene es diese Unternehmensform, »als Schule der Demokratie und des wirtschaftlichen Miteinanders gelehrt zu werden«. Der leidenschaftliche Appell, der am Wochenende beim »Delitzscher Gespräch« an der Geburtsstätte des deutschen Genossenschaftswesens zu hören war, bekommt Unterstützung aus unerwarteter Richtung. Auch Alexander Hoppen, Mönch im Benediktinerkloster Ottobeuren, attestiert der Genossenschaft »unveränderte Aktualität«. Grund: In dem Wirtschaftsmodell seien wichtige Prinzipien der katholischen Soziallehre wie Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit verwirklicht. Deshalb möchte Hoppen die Genossenschaft nicht nur als Unternehmensform betrachtet wissen, sondern als eine Art»sozialethisches Prinzip«. Die Botschaft stößt indes verbreitet auf taube Ohren - nicht nur, weil ethisches Denken und Unternehmertum als antagonistische Gegensätze gelten. Auch gibt es immer weniger Genossenschaften. Dass ihre Zahl zwischen 1996 und 2002 von 7400 auf knapp 5800 sank, ist teilweise Fusionen geschuldet. Doch »auch die Geburtenrate ist viel zu niedrig«, sagt Wolfgang Harbrecht vom Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Nürnberg-Erlangen. Jährlich werden in der Bundesrepublik nur 300 bis 400 neue Genossenschaften ins Leben gerufen. Mit einer Neugründungsrate von 4,9 Prozent rangieren sie auf dem letzten Platz aller Unternehmensformen. Zu den Hauptgründen zählen Fachleute die fehlende Bekanntheit. In Broschüren für Unternehmensgründer taucht die Genossenschaft meist nicht auf. Harbrecht verweist auch auf hausgemachte Gründe: die Pflichtmitgliedschaft in einem Prüfungsverband, dessen Leistungen oft als zu kostspielig empfunden werden, und weitere gesetzliche »Gründungsbarrieren«. Zudem werde die Kapitalrentabilität oft als unbefriedigend empfunden. Verbandsvertreter bemühen sich darum, das Renommee des Wirtschaftsmodells zu entstauben. So soll eine Novelle des Genossenschaftsgesetzes Einstiegshürden senken. Zudem wird für die Vorteile der Unternehmensform geworben. Dietmar Berger vom Mitteldeutschen Genossenschaftsverband nennt »Kleinteiligkeit, örtliche Verwurzelung und dezentrale Entscheidungsstrukturen«. Zudem werde »vergleichsweise wenig Startkapital« benötigt. Solche Argumente werden derzeit nicht zuletzt Kommunalpolitikern nahe gebracht. In einer Zeit, in der leere Stadtkassen die Erfüllung vieler Aufgaben erschwert und Privatisierungen an der Tagesordnung sind, wolle man »Impulse für kommunale Einrichtungen« geben, sagt Berger, der eine »unvoreingenommene Prüfung der Rechtsform bei Ausgründungen« anregt. Bisher ist die Weiterführung städtischer Hallenbäder oder Bibliotheken in Form einer Genossenschaft die Ausnahme. Das Thema sei »in den Kommunen kaum behandelt worden«, sagt Hartmut Grunert. Bei aller Skepsis gegenüber »Experimenten mit immer neuen Rechtsformen« räumt der Finanzbürgermeister von Meißen ein, dass etwa im Wohnungsbereich Genossenschaften »oft fester auf dem Boden stehen als kommunale Gesellschaften«. Potenzial für die Unternehmensform sieht er etwa beim Tourismusmarketing, aber auch im Jugend- und Kulturbereich. Befördert werden muss zudem die Selbstfindung der Genossen. Laut Matthias Fiedler vom Verband der Konsumgenossenschaften gebe es in Deutschland viele Genossenschaften - nur seien sie »in andere Rechtsformen ausgewichen«. Hinter der scheinbar paradoxen Aussage steht die Beobachtung, dass vor allem gemeinnützige oder sozial orientierte Aktivitäten - von der Waldorfschule über das Jugendhaus bis zum Eine-Welt-Laden - oft unter dem Dach eines Vereins abgewickelt werden, wo im Interesse von Mitgliederbeteiligung, finanzieller Transparenz und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit zum Beispiel gegenüber Banken die Gründung einer Genossenschaft angebracht wäre. Für das Bekenntnis zur Genossenschaft sprechen nicht nur demokratische Prinzipien wie »ein Mitglied, eine Stimme«, sondern auch statistische Daten: Niedrig ist nicht nur die Zahl der Neugründungen, sondern auch die der Abme...

Warum endet dieser Text denn jetzt schon? Mittendrin? Ich möchte den Artikel gerne weiterlesen!

Um den ganzen Artikel zu lesen, haben Sie folgende Möglichkeiten:


Haben Sie bereits ein Online- oder Kombi-Abo? Dann loggen Sie sich einfach ein. Wenn nicht, probieren Sie doch mal unser Digital-Mini-Abo:

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Warum ist der Artikel so kurz?

Der Artikel ist in Wirklichkeit länger: 603 Wörter (4559 Zeichen).

Wenn Sie ein entsprechendes Abo gewählt haben, können Sie sich einloggen und den ganzen Artikel lesen. Und auch alle anderen Artikel seit 1990.

Wir stellen einen großen Teil unseres Angebots im Internet gratis zur Verfügung. Damit das finanzierbar bleibt, ist es wichtig, das viele Leute trotzdem bereit sind, für das Angebot zu bezahlen.

Alle Abo-Angebote

Foto: Zeitung, Smartphone, iPad und eine Tasse Kaffee

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.