Klaus Bellin 07.12.2004 / Kultur

Verfluchte Armut

Alice und Arno Schmidt 1954: Schwieriger Alltag in der Provinz

Wenn das Jahr anfängt, fällt auch der erste Schnee des Winters. Arno Schmidt ist erkältet und kann nicht nach draußen. Er sitzt trotzdem am »Cosmas«, einem Buch, das sein Sorgenkind wird. Alice kriegt es mit der Angst zu tun, weil Topperchen, die Katze, noch nicht wieder da ist. Dann wird es kalt, Alice läuft in den Wald, wirft Schneebälle und studiert Tierspuren. Arno tippt nachmittags ab, was er vorher geschrieben hat, er stöhnt, weil der Text viel zu lang geworden ist. Am 7. Januar kommt eine Verlagsabrechnung, und die Stimmung passt sich schlagartig den Außentemperaturen an. Von »Brand's Heide« sind gerade mal drei Exemplare verkauft worden. »A. ist fertig«, notiert Alice. Er weiß nicht, wofür er eigentlich noch arbeitet. Er schreibt und schreibt, aber es kommt kein Geld rein. Die Schmidts leben isoliert in einem abgelegenen Nest an der Saar. Zwei Stuben nur, eine ist Küche, Schlaf- und Wohnraum, die andere das Arbeitszimmer. Aber das kann im Augenblick sowieso nicht genutzt werden. Die Fenster tauen nicht mehr ab, und für die Schreibarbeit muss vorerst der Clubtisch genügen. Alice Schmidt, geboren 1916 und seit 1937 die Ehefrau des Schriftstellers, hat jahrelang, zwischen 1948 und 1956 kontinuierlich und dann noch einmal zwischen 1966 und 1979, Tagebuch geführt. Seit Kostproben daraus, die Chronologie einer Reise nach Stuttgart und die Gespräche mit den Rundfunkredakteuren Alfred Andersch und Martin Walser, in einer großen Tageszeitung standen, weiß man, wie viel kostbare, auch köstliche Informationen sie enthalten: über die Mühen Arno Schmidts, sich als Schriftsteller durchzusetzen, über den Alltag des Ehepaars, die Vorlieben und Marotten, Aversionen, Sorgen und Probleme, die Unternehmungen und Bekanntschaften. Diese Notizbücher und Kladden werden komplett, wie Jan Philipp Reemtsma mitteilt, wohl nie veröffentlicht werden, aber immerhin hat sich die Arno- Schmidt-Stiftung wenigstens zu einer Ausnahme entschlossen und die 500 Seiten eines dicken Schreibbuches mit dem Protokoll des Jahres 1954 jetzt im Suhrkamp-Verlag publiziert. Welch ein Vergnügen: Die Frau des Schriftstellers, die immer für ihn da war, aber immer im Hintergrund, immer stumme Helferin, betritt die Bühne und legt die Rolle als dienendes Anhängsel ab. Sicher, dass sie Tagebuch führte, war der Wunsch ihres Mannes, den sie bewundert, auf dessen Arbeiten sie ungeheuer neugierig ist, aber das hält sie nicht davon ab, ihm auch mal in die Parade zu fahren. Sie beschreibt alles penibel und mit einem Schuss Eigensinn: wann die Sonne auf- und unterging und wann sie aufstanden, wie das Wetter war, was sie kochte und besprachen, was sie unternahmen und wie es den Katzen erging. Sie müssen jeden Pfennig umdrehen. Einmal kommt ein Paket mit Seife, Mehl, Kaffee und Kakao, und sie sind überglücklich. Arno Schmidt wird unterdessen wütend, weil kein Verleger antwortet. »Die letzten Wochen«, schreibt Alice, »war seine Laune ganz schlimm.« Dann meldet sich das Fernsehen mit der Frage, ob er ein Stück der BBC übersetzen könne, entstanden nach einer Novelle von Albrecht Goes. Er sträubt sich (und mokiert sich während der Arbeit, weil in der Geschichte gleich drei Pfarrer vorkommen). Alice muss ihm ins Gewissen reden, dass er Angebot und Honorar nicht ausschlägt. Im Sommer haben sie endlich so viel Geld beisammen, dass sie zum versprochenen Verwandtenbesuch nach Ostberlin fahren können. »Arno«, schreibt Alice Schmidt, »hat gar keine Lust. Will nur Hannover. Berlin ungern und wenn dann nur kurz.« Aber sie, »neugierig, wie's drüben wirklich ist«, setzt sich durch. Später wird er ihr dankbar gewesen sein, denn die Reise zur Schwiegermutter nach Berlin- Adlershof hat er in seinem Roman »Das steinerne Herz«, der mit vehementer Deutlichkeit die Zustände in beiden deutschen Staaten beschreibt, gleich bravourös ausbeuten können. Alice Schmidt erzählt alles haarklein: wie sie von Hannover mit dem Bus fahren, weil es billiger ist (»Verflucht diese Armut!«). Wie sie sich wundert, dass es auf den Straßen im Ostteil der Stadt so wenige Autos und so viele Transparente, Spruchbänder und Bildnisse von »Ostheiligen« gibt. In der Staatsbibliothek, wo beide das Material für Arno Schmidts Fouqué-Buch lesen und kopieren, merkt sie überhaupt nicht, dass sie im Osten ist. Sie ist von den Häusern in Adlershof (»So was müßt man haben«) so angetan wie von den Bauten der Stalinallee. Wenigstens zwei Mal versucht sie, ihren Mann zur Sowjetischen Botschaft zu locken. Aber das will er nun wirklich nicht. Er will nur in die Bibliothek. Arno-Schmidt-Leser kommen an diesem Band nicht vorbei. Hier haben sie die Welt des Autors, der vom Ruhm noch ein ganzes Stück entfernt ist, so authentisch wie nur irgend möglich. Freilich: Das Buch ist nicht nur ein Geschenk an die (inzwischen erfreulich große) Fan-Gemeinde. Es gibt nicht viele Zeugnisse aus den 50er Jahren, die sich mit diesem mitteilsamen und liebenswerten, so selbstbewussten wie lakonischen Bericht vergleichen lassen. In seiner Mitte agiert einer, der nie, obwohl er schon einen Literaturpreis hatte, auf Rosen gebettet war, nicht in jenem Jahr 1954 und auch nicht später, als er schon über seinem Hauptwerk saß, dem Mammutunternehmen »Zettels Traum« mit seinen 1334 mehrspaltig beschriebenen Seiten, das Arno Schmidt 1970 als Originaltyposkript in 2000 Exemplaren drucken ließ. Endlich, neun Jahre vor seinem Tod, brachte er's zu Ansehen und Erfolg: mit dem ungewöhnlichsten, schwierigsten, undurchdringlichsten Buch, das er schuf, einer Schöpfung, die einzigartig ist in unserer Literatur und die schon Kultstatus erreichte, kaum dass sie in der Welt war (und bald schon in einem billigeren Raubdruck weiter verbreitet). Der Mann, der als scharfer Gesellschaftskritiker begonnen hatte, als wortmächtiger Rebell, gab sich hier als monomanischer, anspielungswütiger Sprachkünstler, eingesponnen in die Mythen der Literatur, vielen Lesern ein unlösbares Rätsel, anderen ein Gott der Moderne. »Zettels Traum«, das Jahrhundertwerk, zuletzt bei S. Fischer als voluminöses, großformatiges Taschenbuch verbreitet (und schnell vergriffen), ist nun wieder, über 35 Zentimeter hoch, in der originalen Gestalt und in hochwertiger Ausstattung zu haben: als sechs Kilo schwerer Leinenband. Ein Ungetüm, o ja....

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