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Bis man auch zum Käfer wird?

ND - Deutsches Neuland: ein Film im MDR über »Neues Deutschland«, das alte Haus

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Ziehen viele in/ Andere Straßen/Auch, weine nicht./ Altes Haus, ich/Bleibe noch.
UWE GRESSMANN

Dass die Welt für ihn hergerichtet sei, darauf kann der Mensch nicht bauen. Gegen diese Wahrheit baut er an. Wuchtet mächtig hoch, was Stein und Statik hergeben. Unbedingt schön ist das nicht immer - Macht ist zuerst Mut zur Hässlichkeit. Das erzählen politische Gesichter - und Herrschaftszentren. »Neues Deutschland« steht überm Plattenbau am Berliner Franz-Mehring-Platz. Der berühmt-berüchtigte Titel. Eine Kopf-Zeile: Hinweis darauf, dass hier von oben nach unten gedacht wurde. Nähe Ostbahnhof: Fahrplan-Produktion für den Zug der Zeit. Abgefahren inzwischen. Und das ND zog längst aus. Geblieben ist der Ort, den die Freaks des Morbiden »abgefahren« nennen würden.
Sandra Prechtel und Francois Rossier drehten einen 70-minütigen Film über dieses Gebäude. Beobachtungsklug. Bildsicher. Sensibel. Als grüben sie sich durch Grabplatten in eine Katakombe - in der überraschend Leben flimmert! Es gibt ein Dasein nach dem Tod! Gleichsam über unseren journalistischen »Leichen«, die da im Keller lagern. Treue Weggefährten, und sei es im Gedächtnis der Leser.
Das Gebäude: Büros, Stiftungen, Werkstätten, Lebens- und andere Künstler. Freilich, »wenn die ganze Welt aus solchen Häusern bestehen würde ...«, sagt ein junger Mann lächelnd, ein New Yorker im ND-Gebäude, die Augen erzählen von der Lust am Abseitigen.
Diese niederschmetternd langen Flure, diese überwältigende Leere, dieser Staub des Abrisses - gegen den hier und da ein nasser Besen wischt, als sei Staub besiegbar. Einer jagt mit dem Roller durch die Etagenödnis. Im Gitter-Fahrstuhl quietscht die defekte Deckenlampe. Ein Kind lacht, ein Hund bellt, ein Plakat ruft. »Gegen ein Europa der Monopole!« Eine UdSSR-Landkarte wird für den Müll zusammengerollt; auf dem Gang liegt ein Buch über Thälmann. Im Dächer-Dämmer-Himmel flieht ein Flugzeug den Ort. Und noch in tiefster Dunkelheit brennt hier immer irgend ein Licht. Schöner kann das Gespenstische nicht sein. Der Mond versucht aufzugehen, als sei er das Morgenrot.
Da ist der westdeutsche Produzent von Rhythmusmaschinen, der es wunderbar findet, hier mit so vielen Leuten »snacken« zu können, typisch Osten!, das hält aber auch auf, »ich muss ja Geld verdienen«. Einer sammelt DDR-Verpackungen, immer, wenn er im Bild ist, stürzt irgend was zusammen in seiner Rumpelkammer. Wer singt da so wunderschön »Partisanen vom Amur«? Der junge New Yorker spielt irgendwo Klavier und fürchtet, dass auch er hier, wie jeder, »irgendwann zum Käfer wird«. Ein Privatdetektiv, früher beim Wachregiment, dann Kriminalist im vereinigten Berlin, schließlich so gnaden- wie herzlos abgewickelt, bekennt, dass es ihm gut gehe - und er sich dennoch nicht wohlfühle im neuen Deutschland. Und der Mann vorm Zeitungsständer mit der kommunistischen UZ verteidigt die Kalaschnikow, denn »wir Arbeiter« müssen diese Gesellschaft vielleicht irgendwann »mit Gewalt ändern«. Da ist auch der ewig auf Hochtouren eingeschaltete, latzhosenrote ND-Öffentlichkeitsarbeiter, der noch immer in Kellernähe residiert, »immer im Einsatz«; untern Tannenbaum im Foyer legt er agitierisch gern das »Kapital« und die Platte »100 Jahre deutsches Arbeiterlied« - die der rührige Wachmann, einst bewaffnete Organe, aber »kein Betonkopf« wieder wegnimmt, denn so was gehört ja wohl »zu einer anderen Veranstaltung«. Und da ist auch noch der schwule Ex-Druckerei-Mensch, der im Plattenbau gegenüber wohnt und unter Callas-Arienklang beherzt selbstironisch davon erzählt, wie er am Frauentag auf einem Schiff der Weißen Flotte als Eintänzer für 200 alkoholisierte ND-Frauen agieren musste, »ich fürchtete, entmannt zu werden, wäre am liebsten in die schmutzige Spree gesprungen«. Und eine junge bildende Künstlerin sagt, »hier wird einem Kraft entzogen«, aber die »Verfolgten«, nein, das nimmt sie zurück, »die ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte«, ja, die müssten doch auch Platz haben. Sie selber? Redet jung, aber auch von Verlust, alle ziehen weg, da »will ich wenigstens bleiben, die Verneinung nicht mitmachen.«
Schicksale in Momentaufnahmen. Leben abseits des Standesgemäßen, ein bisschen Untergrund und noch mehr underground; hier wuchs zusammen, was nicht zusammenpasst, aber doch zusammengehört: Verlorene, Verworfene, Verwegene. Ein Film wie eine Marthaler-Inszenierung im Bühnenbild von Anna Viebrock: Zeit ist immer, was schon gewesen ist. Eine Erinnerungs-Insel inmitten eines deutschen Geländes, das gar keine Erinnerungen mehr weitergeben will. So viel Ausbleichung, so viel Auslöschung, so viel gieriges Grau in diesem Haus, aber: Umgeben von hoffnungslosen Zuständen und nüchternen Räumen, wuseln da die Boten eines wahrhaft neuen Lebens - Menschen nämlich, die sich unterscheiden. Deren Utopie in einer neuen Mythologie des Profanen besteht, in einer Arbeit, die ohne falsche Dekoration auskommt. Romantik eines rührenden »Trotzdem!«, gegen jede Form von Stilllegung. Die ja bereits dort beginnt, wo man sich der Ästhetik des Standesgemäßen anpasst. Alles hier in diesem nicht mehr ehrenwerten Haus: beängstigend real und doch hoch künstlich. Fremdheit, die einlädt. Wenn man jene Erfahrung nicht fürchtet, die als untilgbare Spur in den Wänden hockt.
Natürlich auch ein Film über unser Blatt, das heute nahe Treptow entsteht. Die Feuilleton-Redakteurin führt durch die ehemalige Redaktion. Der Sitzungssaal, nicht ihr Ort. »Wie klug, nicht Chef zu werden.« Traurige Gedanken folgen, über die eigene Ohnmacht, über den »armen entfremdeten Menschen«, der am Morgen die Zeitung aufschlug und denken musste, »er kriegt ne Ohrfeige verpasst«. Die wachsende Lähmung der Redakteure, »aber wie schnell man nach der Wende schreiben konnte!«
Wo früher »Zentralorgan« stand, steht ja heute »Sozialistische Tageszeitung«. Ein ungefährlicher, kaum subversiver Trotz. Ein Spruch, dessen interessanten Widerspruch niemand wirklich ernst nimmt: Denn wie viel VOR-Spiegelung darf sein - in einem Medium, dessen Aufgabe doch hauptsächlich WIDER-Spiegelung sei? Heute so übers Gestern schreiben, dass die Zeitung für den nächsten Morgen schon wieder auch das nächste Morgen ahnen lässt? Vor dem Gedanken würde man erschrecken, müsste man ihn tatsächlich konsequent denken.
Aber ach, ein bisschen These ans Kirchentor nageln, warum nicht, selbst wenn niemand mehr weiß, wo Gott wohnt. Ein wenig utopisches Vokabular als ein Schmerz milderndes Mittel gegen die Entzauberung. Welche die erste Wahrnehmungspflicht für jeden wäre, der die Dinge von Grund auf anders will. Volker Braun spricht vom Heute als dem »Feld der Niederlage, wo unser Brot wächst«. Das kann auch heißen: Wer - verführt vom rohen Zustand jetziger Welt - das Ende der DDR nur noch zum Betriebsunfall verklärt oder den Ex-Staat zum überrumpelten Opfer feindlicher Übernahmen macht, der verrät den Sozialismus schon wieder. Radikalkritik an dem, was einen damals im geschichtlichen Glück wog - das ist schwer. Schwerer ist, diese Radikalkritik an dem künstlich geschützten Gewesenen, an dem in freier Luft Verwesten, an dem durch uns selber Verwirkten nun aufrecht zu erhalten, nun, da man augenscheinlich unglücklicher ist. Schwerer? Schwerste aller Mühen - um vorwärts zu gelangen. Wieder hin zum Nullpunkt möglicher Aufbrüche, der noch gar nicht erreicht ist.
So steht die Feuilleton-Redakteurin im Film mit dem ND vor der Kamera, fast inständig verständnisbittend, sie zitiert aus einem Fühmann-Artikel von Gunnar Decker, da geht es um den sehr großen Schmerz des Scheiterns, der doch den Ton des Menschen verändern, ihn fragender machen möge. »Sozialistische Tageszeitung« - das ist einzig ein Auftrag zum Fragen. Ein Auftrag gegen den früheren Siegeston. Siegestöne wachsen einem ja furchtbar ein, wie ein Temperament. »Zentralorgan«, das war dieser feste Brustton der Überzeugung. »Sozialistische Tageszeitung«, das ist - so was gibt es! - die neue, aber hoffentlich vorsichtigere Überzeugung. Neue Überzeugungen sind nicht das Problem, das Problem ist (nach wie vor?!) der alte Brustton.
Soweit (so weit?) die ND-Utopie. Mit der die Feuilleton-Redakteurin beseelt, entrückt narrenheiter durch den Bröckel-Charme eines anziehend hässlichen Betontheaters geht. Dessen falscher Putz uns noch immer an den Schuhen klebt. Und der parteilose Ex-Druckerei-Mensch gesteht jetzt, fast augenzwinkernd: Weil er so an die Sache geglaubt habe, bis zum Schluss, streife ihn manchmal, freilich nur kurz, die Frage aller Fragen: Hast du vielleicht gar umsonst gelebt?
Gut, dass der Film spätabends läuft. Der richtige Moment für Geschichten, die aus der Zeit fallen. Nur Geisterstunde ist im Fernsehen Geist-Stunde. Wenn selbst die wichtigsten Tuer des Tages kein Handy mehr in der Hand haben. Der Film blamiert jeden, der mit Langsamkeit und untergründigen Stimmungen nichts anfangen kann.
Nach dem Abspann sagt der latzhosenrote ND-Werbetrommler dem Regisseur in die Kamera, was Kapitalismus ist: »Du bist ne Nummer, dich braucht keiner, mich braucht keiner, euren Film braucht keiner.« Freier kann keiner werden für einen ewigen Anfang. Einsamer auch nicht; wer »immer im Einsatz« ist, ist einsam. Aber das ist auch Überlegenheit. Haushoch. Abgründig also, sehr abgründig.

Am 8.12., 23.35 Uhr, im MDR

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