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Auf Mittelmaß folgt Mittelmaß

Neue PISA-Studie: Forderungen nach Gemeinschaftsschule werden lauter / Schulstudie zeigt vor allem eines: In Deutschland wird zu früh sortiert

Kaum hatte gestern die OECD die Ergebnisse der neuen PISA-Studie bekannt gegeben, reagierte die Politik. Die Fronten blieben dabei klar: SPD und Grüne sowie PDS forderten als Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei PISA die Einheitsschule, Unionspolitiker verteidigten das gegliederte Schulsystem.
»Wir haben die Schulpflicht abgeschafft und seitdem gibt es kaum noch Schüler, die den Unterricht schwänzen«, erklärt Reiner Kiefer den Zuhörern. »Und sie haben bessere Leistungen«, fügt er hinzu. Der Leiter der Carl-Mez-Schule in Freiburg im Breisgau hat es mit einer Klientel zu tun, die von den PISA-Forschern zur so genannten Risikogruppe gezählt wird. Jeder vierte 15-Jährige gehört in Deutschland zu jenen Schülern, die selbst einfachste Texte nicht verstehen können und die simpelsten Rechenoperationen nicht beherrschen. Eine realistische Chance auf einen Ausbildungsplatz und damit auf eine gesicherte berufliche Perspektive haben diese Schüler nicht. Schätzungsweise 300000 bis 500000 von ihnen haben für sich die Konsequenzen gezogen und schwänzen den Unterricht dauerhaft.
Kiefers Schule ist die Ausnahme. »Schüler interessieren sich nur für die Schule, wenn sie merken, dass sich die Schule für sie interessiert«, bringt der Schulleiter sein Konzept auf den Punkt. Die Regel sieht anders aus. Das wird bei PISA 2 einmal mehr deutlich. Die Neuauflage des internationalen Schulleistungstests bestätigte, was PISA 1 schon am deutschen Schulsystem kritisierte: eine leistungsfeindliche Lernunkultur, die aus früher Auslese und großen Leistungsunterschieden zwischen den Schülern besteht. Mit 22 Prozent ist der Anteil jener Schüler, die lediglich über Fähigkeiten der niedrigsten Kompetenzstufe verfügen, deutlich höher als in allen anderen west- und nordeuropäischen Ländern. »Offensichtlich gelingt es Staaten wie Finnland, Korea, Kanada und den Niederlanden besser, schwächere Schülerinnen und Schüler zu fördern«, kritisieren die PISA-Forscher in ihrem Bericht.
Wiederaufgeflammt ist die Debatte um das gegliederte Schulsystem. Politiker der Berliner Regierungsparteien sprachen sich ebenso für eine längere gemeinsame Schulzeit aller Kinder aus wie Vertreter der PDS. Ein entschiedenes Nein zur Gemeinschaftsschule kam dagegen gestern von der wiedergewählten CDU-Vorsitzenden Angela Merkel. Mit der CDU werde es »heute und in Zukunft keine Einheitsschule geben«, sagte Merkel auf dem Bundesparteitag ihrer Partei.
Dabei gibt es schon eine Schulform in Deutschland, die - wenigstens in Ansätzen - vormacht, wie eine gute Schule gelingen kann: die Grundschule. In der so genannten IGLU-Studie, bei der im vergangenen Jahr das Leistungsniveau der Grundschüler überprüft wurde, konnten sich die deutschen Schulen im oberen Drittel platzieren. Für Fachleute kam das gute Ergebnis nicht überraschend: Deutsche Grundschulen unterrichten in heterogenen Leistungsgruppen, fächer- und jahrgangsübergreifend und kennen zumindest in den ersten Schuljahren keine Ziffernnoten. »Wer nach Lösungen aus der PISA-Misere sucht, braucht nicht nach Finnland zu gehen, er soll zu uns kommen«, meinte letzte Woche eine Grundschullehrerin auf einem Schulkongress in Berlin. Reformhungrige werden sich beeilen müssen. Konservative Bundesländer wie Bayern sind dabei, diesen deutschen Vorsprung aufs Spiel zu setzen. Bereits vor zwei Jahren wurde von der CSU-Regierung die Grundschulzeit auf vier Jahre reduziert und seit diesem Schuljahr bekommen auch die Zweitklässler Noten.
Wie rasch eine Strukturreform Erfolge bringt, hat dagegen Polen vorgemacht. Dort wurden nach dem schlechten Abschneiden des Landes bei der ersten PISA-Studie alle Schüler in einer neu geschaffenen gemeinsamen Sekundarstufe zusammengefasst. Die PISA-Forscher honorieren das mit dem Lob, Polen habe sich als einziges Land in allen Leistungsbereichen verbessert. Zu verdanken ist dies laut PISA vor allem einer Verringerung des Anteils leistungsschwacher Schüler.

PISA für Anfänger
Die Abkürzung PISA steht für »Programme for International Student Assessment« der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Getestet wurden im vergangenen Jahr rund 250000 15-jährige Schüler und Schülerinnen in 40 Ländern. In Deutschland nahmen etwa 5000 Jugendliche am PISA-Test teil.
Die Tests werden regelmäßig in einem Abstand von drei Jahren vorgenommen, um auch die Wirkung von Reformen messen zu können. Die erste PISA-Erhebung fand im Jahr 2000 statt.
Untersucht wurden die Kompetenzen in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Bei der ersten Studie lag der Schwerpunkt auf den Lesekompetenzen, bei PISA 2003 stand Mathematik im Zentrum des Interesses. Bei der nächsten Untersuchung (2006) rücken die Naturwissenschaften in den Mittelpunkt. (ND)

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