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Nur für Nervenmenschen

Zum 80. Geburtstag von Friederike Mayröcker

Lese ich ihre Texte, denke ich, der Untergang der k.u.k. Monarchie vollzieht sich jetzt, gerade in diesem Augenblick. Ein Trugbild von heiler Welt springt auseinander. Die Überlebenden des Untergangs sind seine Zeugen. Splitter, lauter herrenlose Worte, desorientiert und scharfkantig, mäandern wie ein endloser Gefangenenzug. Verletzte auf dem Weg ins Lazarett, da, wo Erinnerung die neuen Wunden heilt - indem sie alte aufreißt. Über ihr Leben hat sie zwei winzige Sätze gesagt: »1924, 20. Dezember in Wien geboren, lebt dort. 1946-68 Lehrerin (für englische Sprache und Literatur), seit 1969 freischaffend.« Die eigentliche Biografie sind ihre Texte. Leben ins Wort geflüchtet, liefert sich ihm aus. Was hier auch heißt: schreibend auf Leben außerhalb des Schreibens verzichten. In solchen Sätzen wittert man gewöhnlich bloße Koketterie. Aber der Mayröcker glaube ich ihre Wortbesessenheit, ihre Worthimmel und Worthöllen. Denn wie sonst könnte sie heute 80 Jahre alt werden und immer noch, nach so vielen Jahrzehnten, Gedichte schreiben, als stünde sie erst am Beginn? Weil sie tatsächlich jedes Mal da steht, ganz am Anfang. Sonst ist Gedicht überhaupt nicht möglich, es sei denn, man flüchtet sich in die klassische Pose des repräsentierenden Meisters, der weiß, wie es geht - aber das ist bloß routiniertes Kunsthandwerk. Denn so einer weiß natürlich am allerwenigsten und quält uns mit der Abwesenheit jeglicher Einsicht ins Nichtwissen. Gedicht ist das Anschauen des Nichtwissens, das einen Ausdruck findet, der bezwingt. Gedicht verführt nicht mit schönen Worten, überredet nicht gelehrsam, nein, es hält die Pistole an die Schläfe: so oder gar nicht, reiner Zwang. Vielleicht versteht man auf diese Weise Mayröckers Texte, die manche für schlechthin nicht verstehbar halten. Aber das liegt dann an einem reduzierten Instinkt für Worte. Instinkt? Spiel-Zwang mit dem eigenen Leben als Einsatz. »Ich, ahnungslos aus einer hermetischen Kindheit, ohne besondere Vorzeichen und Vorzüge, entdecke eines Tages, wie unvorstellbar, wie unglaublich: ich schreibe meine eigene Poesie.« Wer schreibend die Verwunderung über das Unerhörte der Worte in sich wach hält, ist vielleicht ein Dichter. Wenn er kalt bleibt in aller Selbsterhitzung, sich seinem eigenen Doppelgänger von außen zusieht. Friederike Mayröcker ist psychopathologisch zum Dichter oder zum klinischen Fall bestimmt. Da muss jemand schreiben, der in Gefahr steht, sonst jeglichen Kontakt zu demjenigen zu verlieren, der nach allgemeiner Übereinkunft das Ich ist. Man sollte mit Spulwürmern schreiben, rief Gottfried Benn aus, als er sich mit 37 Jahren »total am Ende« fühlte. Aber an den schreibenden Spulwürmern ergötzt er sich dann doch wieder: Der Dichter blüht auf. Wenn man dem Hässlichen ein Wort findet, wo es seine Hässlichkeit noch steigert, ist es dann schön? Wer das nicht glauben kann, ist kein Dichter. Friederike Mayröcker ist es, denn sie saugt allen Antrieb aus selbstgefundenen Wörtern, bleibt ein ewiger »Selbsterreger«. Mayröcker über Mayröcker: »Der Biographielosigkeit als Lebenshaltung stehen die Texte gegenüber, denen man als Autor einfach nicht entkommt. In ihnen wuchert rücksichtslos die eigene Vergangenheit.« Wer so über sein Leben schreibt, der lässt nicht zu, dass man es einfach erzählt. Aber Spuren, die kann man suchen. In ihrer »Reise durch die Nacht« begleiten wir die Ich-Erzählerin auf einer Schlafwagenfahrt von Paris nach Wien. Und wieder stoßen wir auf Widerstand, die Unmöglichkeit, etwas zu behaupten, ohne zugleich das Gegenteil davon zu sagen. Die nächtliche Zugfahrt wird zum Spiegel des Martyriums einer Existenz, die allein im geschriebenen Wort gründet: »Ich falle ins Knie, ich falle aber ins Knie, falle zu Boden, stoße Dankgebete hervor, sobald mir ein Satz auf der Maschine gelungen ist, was für ein Leben - manchmal verschlingen mich Todesängste, manchmal hat mich das Grauen gepackt, manchmal fühle ich mein leibliches Ende nahen, und hätte ich dieses mein Schreiben nicht, diese meine pausenlose lebenserhaltende Schreibarbeit, ich hätte längst aufgegeben oder ich wäre dem Irrsinn verfallen...« Der österreichische Ton wird hörbar, wie auch bei der Jelinek, bei Thomas Bernhard, Ernst Jandl oder H.C. Artmann. Immer ist da ein Sprung in der Johann-Strauß-Platte, und Wienerblut tropft herab. Dieser barocke Sinn für die finessenreiche Variation des Immer-Gleichen, die Folter der Nuance, dieser Selbsthass des Kleinbürgers, den der Dichter sich nicht verzeiht und ihn darum mit seinem Vernichtungswillen verfolgt. Das geht nicht ohne Ornamentik ab, der dem stenographischen Ton einen endzeitlichen Anstrich gibt. Der Untergang wird zum wiederholbaren poetischen Vorgang. Es hat gewiss auch etwas Neurotisches, etwa, wenn sie schreibt, sie habe »den kompletten Wortuntergang« erlitten. Aber die Neurose ist ein legitimer Bestandteil von Kunst. Denn sie kommt - wie die Kunst - aus dem gestörten Verhältnis des Ich zur Welt (Österreich!), aus dem quälenden Schmerz, den Worten nicht zu genügen. Bei der Mayröcker wird die Neurose zur Kunst. Immer wieder, ein Exerzitium, eine fortgesetzte Selbst-Peinigung, die keine Attitüde ist, sondern Lebenshaltung, durchgehalten bis ins heute beginnende neunte Lebensjahrzehnt: »... mein Hauptanliegen zurzeit: also einziger Lebensreiz: allerhand dunkle Gefühle, Gedanken heraufzuziehen ins überblickbare Bewusztseinsfeld um sie dann bis zum äuszersten zu entdecken und auszuzählen ICH SCHREIBE FÜR NERVENMENSCHEN - ...« Die Wirkung von Mayröcker-Texten hat der befreundete Ernst Jandl in seinem »Versuch, zu einem Gedicht von Friederike Mayröcker etwas zu sagen« so formuliert: »Es ist Winter. Aber es gibt noch Gesang ... Wir, wer immer wir sind, sind Gefangene. Jedem Bettler muß ich etwas geben; jeder könnte ich sein. Wir sind im Stein. Wir sind Stein. Wir werden zermahlen.« Nun hat der Suhrkamp-Verlag zum 80. Geburtstag Friederike Mayröckers einen Band »Gesammelte Gedichte« herausbracht. Ein kaum mit einer Hand zu umfassender Wälzer von 855 Seiten, der auch über 100 bislang unpublizierte Gedichte enthält. Man ist bestürzt, hat sich diese Texte immer nur in dünnen anvantgardistischen Broschüren vorstellen wollen. Aber wenn man ein langes Leben durchhält, wird eben jede Sammlung von Wortknappheiten zum barocken Opus. Im Innern des Buches jedoch sitzen die einzelnen sich gruppierenden Worte, die man hier nicht Sätze oder Verse nennen sollte, wie am ersten Tag auf dem Sprung. Wohin? Ins Offene, raus aus der Stickluft des Vorgefertigten, des ewigen Gestern. Oder wie es in einem ihrer berühmtesten Gedichte, »Der Aufruf«, heißt: »Mein Leben: / ein Guckkasten mit kleinen Landschaften / gemächlichen Menschen / vorüberziehenden Tieren / wohlbekannten wiederkehrenden Szenarien / plötzlich aufgerufen bei meinem Namen / steh ich nicht länger im windstillen Panorama / mit den bunten sanftschimmernden Bildern / sondern drehe mich wie ein schrecklich glühendes Rad einen steilen Abhang hinunter...« Die Mayröcker ist anstrengend. Eine beglückende Anstrengung in Zeiten der faden Vereinfachungen, der banalen Eingängigkeiten, die keinerlei Widerstand mehr bieten, keine Verstehenshürden (auch lebenslängliche) mehr aufrichten. Diese Dichterin erinnert uns daran, dass Worte ein eigenes Leben führen und wir daran teilhaben können. Wenn es gelingt, dann sind Worte komprimiertes Leben - und auch da, wo sie stammeln, stolpern oder ratlos schweigen; sie sprechen immer etwas aus. Worte, die solcherart beharrlicher Lebensausdruck sind, zeugen selbst im Scheitern noch von gelingendem Leben. Dazu darf man Friederike Mayröcker gratulieren.

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