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  • Politik
  • Gespräch mit Hans Bentzien über die Rettung des Reiterstandbilds von Friedrich II.

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? Weshalb wurde das Reiterstandbild Friedrich II. im Sommer 1951 eigentlich weggebracht?

Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten 1947 den Beschluß gefaßt, Preußen aufzulösen. Damit hat per Dekret der Staat Preußen, den man als »Hort des Militarismus und der Reaktion« gewissermaßen für zwei Weltkriege verantwortlich machte, aufgehört zu bestehen. In der Geschichte ein einmaliger Vorgang. Klar war somit aber auch, daß das Reiterstandbild des Königs weg mußte. Das Berliner Schloß war 1950 gesprengt worden. Es verschwand auch die lateinische Inschrift an der Deutschen Staatsoper, zu deutsch »Von König Friedrich gewidmet Apoll und den Musen«. Seit der letzten Restaurierung der Oper noch zu DDR-Zeiten sind die Lettern aber wieder zu sehen.

? Wer veranlaßte den Abtransport?

Friedrich Ebert. Sein Vater war in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1925 Reichspräsident, er zum Zeitpunkt des hier beschriebenen Vorgangs SED-Politbüromitglied und Oberbürgermeister im Osten Berlins. Er handelte wohl im Sinne der zahlreichen Preußengegner, die schon 1949 die Vernichtung des Denkmals gefordert hatten. Und zwar mit der Begründung »...weil er gegen Osten reitet«. Sie bezogen sich damit nicht nur auf die Himmelsrichtung, in der das Standbild ausgerichtet worden war. Den formalen Beschluß zur Verlagerung faßte der Ostberliner Magistrat im Mai 1950.

Ebert schenkte das Standbild seinem Amtskollegen Dr. Steinhoff, Ministerpräsident des Landes Brandenburg, und ließ es 1951 nach Potsdam bringen. Roß und Reiter wurden ungesichert und auf der Seite liegend transportiert. Auf dem Alexanderplatz kam es dann noch zu einem Crash. Das Fahrzeug hatte Achsenbruch. Steinhoff lehnte das »Geschenk« jedoch ab. Da war nun guter Rat teuer. So erging Eberts Anweisung, die demontierten Denkmalteile im Park von Sanssouci von Strohmatten bedeckt, von Brettern

Ex-Minister Hans Bentzien

umzäunt - zu verstecken. Und zwar auf dem Lagerplatz eines Berliner Baubetriebes gegenüber dem Neuen Palais. Ein Polier dieser Restaurierungsfirma »Stuck und Naturstein« wurde als Mitglied der dortigen Parteileitung dafür verantwortlich gemacht, daß der Alte Fritz sicher und unbemerkt gelagert werde.

? Wo er wahrscheinlich bis zum Ende der DDR ungestört vor sich hingedämmert hätte, wenn er nicht Anfang der 80er Jahre Unter die Linden zurückbeordert worden wäre. Hatte es etwa weitsichtige Genossen in der Führung gegeben, die den König nur bis auf Widerruf in den Wartestand versetzt hatten?

Vielleicht. Aber wenn es sie gegeben haben sollte, die »Weitsichtigen« konnten sich nicht durchsetzen. Das Gegenteil war der Fall. Nach einem Jahrzehnt, im Spätherbst 1961, rief eben jener gewissenhafte Fachmann, der an der Demontage des Denkmals beteiligt gewesen war, bei mir im Ministerium an. Der Mann hatte, nachdem in seinem Betrieb ein Tieflader angefordert worden war, in Erfahrung gebracht, daß aus dem Berliner Magistrat die Anweisung gekommen sei, jenes von ihm quasi per Parteiauftrag behütete Denkmal zur Schmelze zu bringen. Was solle er tun?, fragte er pflichtbewußt nun den Kulturminister. Immerhin war ich der oberste Denkmalpfleger der Republik und kannte natürlich den künstlerischen

Wert dieses Monuments. Wobei ich allerdings bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gewußt hatte, daß das Standbild in Potsdam versteckt lag. Ungeachtet dessen war ich auf jeden Fall für die nächsten Schritte verantwortlich.

? Wer hatte denn die Anordnung zur Schmelze gegeben?

Es war Paul Verner, Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin. Ulbricht plante zu jener Zeit den Bau sozialistischer Stadtzentren. Wobei das Berliner Zentrum richtunggebend werden sollte. Ins Gespräch kam dabei auch das Forum Unter den Linden. Es liegt auf der Hand, daß sie da irgendwie auf das Denkmal gesto-ßen sind. Verner, eifrig wie er war, dachte, wie manch einer heute: Wenn ich das Denkmal vernichten lasse, bin ich das politische Problem los. Also ab mit dem Preußenkönig in die Schmelze.

? Verner war ja auch jener Mann, der mit Brachialgewalt - gegen den Rat der Fachleute - den Bau des Außenministeriums am damaligen Marx-Engels-Platz durchsetzte. Und das, obwohl die Größe des Hauses die Traufhöhe der Gebäude in der angrenzenden Straße Unter den Linden verletzte. - Hatte denn ein Kulturminister soviel Macht, daß er sich gegen eine Weisung aus dem obersten Zirkel stellen konnte?

Natürlich nicht. Da half eben nur List, um zu verhindern, daß ein solches Kulturgut vernichtet wird. Ich beauftragte meinen Abteilungsleiter für Bildende Kunst, Dr Eberhard Bartke, dem Anruf des Mannes nachzugehen und festzustellen, was an der Sache dran war Bartke beriet sich mit dem. Hauptökonom Dr Herbert Micklich. Dieser wiederum brachte beim Magistrat in Erfahrung, daß alles die reine Wahrheit sei. Unvorstellbar! Ich sagte, da hilft nur eins: Wir müssen es machen und gleichzeitig nicht. Im Klartext: Es mußten ein »Vorgang« und ein »Schrottbeleg« her Bartke bestellte einen Tieflader Ich organisierte zwei

Leute mit der weißen Mütze. Diesbezüglich rief ich im Innenministerium an, landete aber im VP-Präsidium in der Keibelstraße und zufällig bei meinem alten Studienkumpel, VP-Oberst Kranhold. Der begriff sofort und veranlaßte das Notwendige. Der König kam auf den Tieflader, Bartke saß im Fahrerhaus, die Wei-ßen Mäuse sicherten ab. Dann fuhren sie dort in Potsdam in einer regnerischen Nacht einmal ums Karree und luden die Fracht an anderer Stelle im Park wieder ab.

Beteiligt an dem Unternehmen war auch der damalige Generaldirektor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci. Er wies seinen Gärtner an, Friedrich mit Laub zu bedecken und dieses feucht zu halten, damit der Wind den »Vorgang« nicht unnötig publik mache.

? Es mußte aber doch eine Vollzugsmeldung geben

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