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Im Zeittunnel

Die Abrafaxe - Unter schwarzer Flagge von Hahn/Power

Wieder einmal will der Osten den Westen das Fürchten lehren. Diesmal versuchen es die Abrafaxe, die Helden aus dem guten, alten »Mosaik«. Fünfundzwanzig Jahre, nachdem sich die Zeichenfiguren in der DDR (auch in Ungarn und in Indien) ein Millionenpublikum erwarben, sind sie endlich zu Filmstars geworden. »Die Abrafaxe - Unter schwarzer Flagge« heißt ihr erster abendfüllender Film, in dem sie in Konkurrenz zu Disney oder Asterix treten. Echte DDR-Bürger waren die welt- und zeitreisenden Kerle eigentlich nie, und seit sie vor etwa zehn Jahren nach Berlin-Westend übergesiedelt sind, haben sie sich ganz schön verändert. Für die Zeitungsstrips wurden sie zu pubertierenden Jugendlichen, die modische Kleidung tragen, und für den Film mussten sie ihre Frisuren wundersam verändern. Wiederzuerkennen sind sie allerdings noch. Wie so oft geraten die Abrafaxe durch einen Zufall in einen Zeittunnel. Der führt sie zu karibischen Piraten des 18. Jahrhunderts. Die Story wurde von Thomas Platt und Julius Grützke ausgedacht, von Richard Everett gründlich überarbeitet und wirkt wie streng nach dem Skript-Lehrbuch des Hollywood-Kinos gebaut. Viel Action, etwas Sentiment und hin und wieder Anlässe zum Schmunzeln - da kann scheinbar nichts schiefgehen. Captain Blackbeard und Anne Bonny, deren Wege die Abrafaxe kreuzen, sind historische Gestalten. Insofern steht die Handlung in bester »Mosaik«-Tradition. Leider gibt es viele Sequenzen, in denen dröges Zeug geredet wird, und was in den Action-Szenen geschieht, ist nicht immer nachzuvollziehen. Letztlich kann man aber doch seinen Spaß haben. Natürlich gibt es einen (vermutlich gut verkäuflichen) Titelsong, den Nena singt. Sie gibt auch Anne Bonny ihre Synchronstimme, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Immerhin meistert sie es mit Anstand. Gerhard Hahn (»Werner«, »Benjamin Blümchen«) und Tony Power sind die Regisseure, und Hahn-Film ist neben der Abrafaxe-Trickfilm AG und Universal Pictures auch Produzent des Films, der zu wesentlichen Teilen im Ausland, u.a. in Vietnam entstand. So verwundert es auch kaum, dass die Film-Abrafaxe ursprünglich englisch sprachen und dann erst deutsch synchronisiert wurden. Der Film ist für den internationalen Markt vorgesehen, und man darf gespannt sein, wie die einst von Lothar Dräger und Lona Rietschel im »Mosaik«-Kollektiv entwickelten Hauptfiguren ihren realen Weg durch die Welt machen werden. Bei uns soll der Film ein Ereignis werden - und dass er es in den neuen Bundesländern mit den Einspielergebnissen ähnlicher Zeichentrickfilme aufnehmen kann, bin ich fast sicher. Viel Interesse dürften auch die drei Bücher finden, die der »MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag« herausgebracht hat. »Making of... Das Buch zum Film« ist reich bebildert. Modellentwürfe, Hintergründe, Phasenzeichnungen sind in bester Qualität wiedergegeben, und die Entstehung des Films ist nachvollziehbar. Natürlich gibt es auch ein Comic-Buch zum Film, das der Italiener Massimiliano Narciso mit Sinn für optische Effekte gezeichnet hat. Und schließlich hat Krimi-Autor Hartmut Mechtel (ein »Mosaik«-Leser der ersten Stunde) auch noch den Roman zum Film geschrieben. - So scheint es, dass der Zeittunnel, der die Abrafaxe von der DDR über die BRD in die Welt führt, unsere Helden zum Erfolg bringen wird. Schade nur, dass sie nicht mehr ganz so sind, wie in ihren Anfangstagen. Aber, wir haben uns ja auch verändert.

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Das Blättchen Heft 11/18