Kurze Prosa, langes Sinnen

Wolfgang Haak: »Treibgut / Warmzeit«

  • Von Kai Agthe
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Wer zu dem Buch von Wolfgang Haak greift, tritt ein ins Mesozoikum und streift auch durch Scherkonde. Namen wie archaische Zauberformeln, eingebettet in kurze, unerhört dichte Prosa, die der Lyrik nahe ist. Nach dem Band »lebensumwege« (2001) ist dies das zweite Buch des Weimarer Autors mit Prosa-Miniaturen. Die sind zunächst mehr im Raum als in der Zeit angesiedelt. Das hier Beschriebene kann sich - mit Ausnahme der umfangreichsten Sammlung »Warmzeit« - gestern, vor Wochen oder gar vor einhundert Jahren zugetragen haben. Wolfgang Haaks Texte wollen mythisch gedeutet sein, selbst wenn Orte wie Jena, Weimar oder Budapest aufgerufen werden. Vor allem die Capricchios, in denen die ganz persönliche Welt von gestern sich spiegelt, sind zeitlos: das arkadische Land der Kindheit mit Nasenbluten und Wannenbad, Rindsbouillon und Fettbemme. In den elf »Textansätzen« des Abschnitts »Luftschiffe«, das mir liebste Kapitel, wird das so sinnlich beschrieben, dass man sich auf der Stelle dorthin wünscht. Doch mit dem Leser wird am Ende von »Luftschiffe« auch »das Kind« aus diesem Refugium vertrieben, indem es in den Himmel schwingt und von dort nicht zurückkehrt. Wolfgang Haak ist wie Andrzej Stasiuk (»Die Welt hinter Dukla«, »Galizische Geschichten«) ein Landschaftsbildner von Graden und wie dieser mit der Gabe gesegnet, das Gesehene und scheinbar allzu Bekannte in unverbrauchte Bilder zu kleiden. Die hohe Kunst der reinen Naturbeschreibung braucht nicht viele Worte, wie das neunte Stück aus »Mordgrund« exemplarisch zeigt: »Unter Kopfweiden geht er und betrachtet erstaunt frische Triebe, die aus ihren gespaltenen Häuptern sprießen. Sie stehen einsam in Nebelschleier gehüllt und zerbrechen würdig unter der Last ihrer Lebenskraft.« Würde man Zeilensprünge einfügen, diese Haakschen Zeilen wären im Handumdrehen ein veritables Gedicht. Eine (alb-)traumhafte Geschichte in 58 Bildern erzählt: »Warmzeit«. Ein Prophet und ein Knabe, in dem der jäh verunsicherte Erzähler seinen Sohn zu erkennen glaubt, spielen hier ebenso eine Rolle wie der schlichte Ewald, eine obskure Mischung aus Schürzenjäger und Hasardeur, New-economy-Profiteur und Landespolitiker. Das alles vor der Folie eines »Day After Tomorrow«, dessen Kommen sich in dem als Weimar erkennbaren Flecken mit drückender Hitze ankündigt. Der Prophet endet auf der Intensivstation, der Knabe in der Obhut des Jugendamts. Nur die Ewalds dieser Welt sehen dem Untergang derselben gelassen entgegen. Für Typen wie sie gibt es immer etwas zu tun. Doch müssen wir nicht alle Hoffnung fahren lassen, weil der Prophet aus den milden Augen eines Fisches auf den Erzähler blickt ... Auch das Kapitel »Mordgrund« hat sein ganz eigenes Personal: Einen Postboten etwa, der zunächst im Wald liegt und nichts wahrnimmt, dann aber tot, weil erschlagen ist. Wie bei Wilhelm Müller, hier jedoch nicht mehr im Stande romantischer Unschuld, kommt auch ein Wanderer des Weges und »sieht die Mühle im schönsten Wiesengrund«. Ein Engel, des Lesens unkundig wie - laut Wolfgang Haak - alle Vertreter der himmlischen Spezies, sitzt, ein Abbild von Dürers Melancholie und Rodins Denker, auf einem Stein und verbrennt die Liebesschwüre und Drohungen, die der Postbote nicht mehr zustellen kann. Der Wanderer wird dem Verblichenen die Augen schließen. Mit dem Rezensenten verneigen sich auch die in Texten wiederholt zitierten Kopf- und Trauerweiden in Demut vor dieser wundervollen Prosa. Denn Wolfgang Haak gelingt das nicht geringe Kunststück, jene Forderung einzulösen, die er in »Abglanz des Purpurs« auf die griffige Formel bringt: »Die Sprache muss neu erfunden werden, die uns Wirkliches mitzuteilen hat.« Das Wirkliche, so wissen wir dank Haaks Buch, das ist die Poesie. Eine Lektüre für die Zeit im Mesozoikum. Was aber ist Mesozoikum? Zunächst »Nur ein Begriff, um Ordnung zu machen«; ferner »eine Einsamkeit unter vielen«; dann aber auch etwas, an dem man lauschen kann. Es ist aber noch mehr: Mesozoikum ist das, was wir dafür halten. Denn: »Alles war Mesozoikum.« Und das ...

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